Ilsfeld
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Jugendreferent Bernd Mauch im Interview: "Früher hatte man viel mehr Freiheiten"

Der Leiter des Ilsfelder Kinder- und Jugendreferats, Bernd Mauch, über seine eigene Jugend und seine Arbeit mit jungen Leuten in schwierigen Zeiten.

Sabine Friedrich
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Lesezeit 4 Min
Jugendreferent Bernd Mauch im Interview: "Früher hatte man viel mehr Freiheiten"
Bernd Mauch springt auf dem Trampolin des Schulhofs. Die Wand des umgebauten Kinderhorts haben Schüler beim Projekt des Kinder- und Jugendreferats mit einem Graffito geschmückt. Foto: Christiana Kunz  Foto: Kunz, Christiana

Authentisch sein und Verbindlichkeit garantieren, das hält Bernd Mauch in der Kinder- und Jugendarbeit für elementar. Seine Generation hatte es in der Jugend leichter, glaubt der 50-Jährige, der das Kinder- und Jugendreferat in Ilsfeld leitet.

 

Rebellisch oder angepasst: Herr Mauch, wie waren Sie als Jugendlicher?

Bernd Mauch: Rebellisch. Ich bin in einem bürgerlichen Umfeld groß geworden, das damals etwas spießig war. Ich bin daheim ausgebrochen, war als Jugendlicher viel unterwegs, habe Dinge ausprobiert, die jugendtypisch sind, wie Alkohol und einmal auch Cannabis. Ich habe aufbegehrt gegenüber dem Elternhaus und habe auch gegenüber Lehrern rebelliert, Autoritäten infrage gestellt. Dafür habe ich Strafmaßnahmen erleiden müssen, teilweise zurecht.

 

Was von damals steckt noch heute in Ihnen?

Mauch: Mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, das ist geblieben. Ich stelle auch gerne Dinge infrage, die selbstverständlich erscheinen.

 

War ein Jugendhaus Ihre zweite Heimat?

Mauch: Ja. In der Jugendvereinigung Dunningen (Landkreis Rottweil) habe ich mich wohl gefühlt und es bis zum Vorsitzenden gebracht. Das hat mich sehr geprägt.

 

Sind Sie deshalb Jugendreferent geworden?

Mauch: Diese Erfahrungen haben mir die Richtung gezeigt. Ich wusste lange nicht, was ich werden wollte. Im Wirtschaftgymnasium ist mir dann klar geworden, wohin die Reise geht.

 

Was brauchen Kinder und Jugendliche?

Mauch: Ein offenes Ohr, Gesprächspartner, Zuneigung, Ernsthaftigkeit, Verbindlichkeit, Raum, um sich auszuprobieren und Möglichkeiten, damit sich ihre Persönlichkeit entfalten kann. Aber es braucht auch klare Regeln und Vorgaben.

 

Kann all das die offene Jugendarbeit leisten?

Mauch: Sie kann vieles davon geben, aber nicht alles leisten. Jugendarbeit ist nur ein Teil der Lebenswelt. Kinder und Jugendliche haben ein Zuhause, sie haben ihre Schule, ihre Freunde und noch andere Freizeitbereiche. Die offene Jugendarbeit hat deshalb nur einen begrenzten Spielraum, um agieren zu können.

 

Herr Mauch, Sie sind 50 - und damit weit weg von 14-, 15-Jährigen: Können Sie sich in die Sorgen, Nöte, Gedanken- und Gefühlswelt junger Menschen überhaupt noch hineinversetzen?

Mauch: Ja und nein. Ich bin nicht nur Schreibtischtäter, sondern habe Projekte am Laufen. Dadurch kriege ich vieles mit. Wichtig ist, dass der direkte Kontakt zu den Kids bleibt. Trends wechseln sich sehr schnell ab. Deshalb habe ich nicht immer den Überblick, was up to date ist. Aber ich glaube, es ist nicht unbedingt eine Altersfrage, sondern hat mit der Bereitschaft zu tun, sich einzulassen. Ich könnte aber nicht mehr jeden Tag hinter dem Tresen im Jugendtreff stehen.

 

Reicht es als Jugendreferent, nur cool zu sein?

Mauch: Nein. Was ist denn cool? Wenn man alles durchgehen lässt oder tolle jugendliche Worte benutzt? Oder bedeutet cool, so zu sein, wie man ist? Wichtig ist, dass man authentisch ist, dass Verbindlichkeit garantiert wird.

 

Wie verschaffen Sie sich Respekt bei Gemeinderat und Verwaltung? Oder sehen diese Sie als ewigen Berufsjugendlichen?

Mauch: Wahrscheinlich Letzteres. Das Verhältnis ist ein bisschen schwierig. Ich bin nicht der, der in Anzug und Krawatte rumläuft. Ich fahre mit einem alten Auto rum und mache Dinge, die nicht alle Gemeinderäte befürworten.

 

Hatte Ihre Generation es in der Jugend leichter?

Mauch: Es sind komplett andere Zeiten. Wir hatten es leichter. Viele Dinge, die man nicht gerne gesehen hat, wurden nicht sanktioniert. Heute guckt man viel mehr drauf, welche Mängel und Fehler Kinder und Jugendliche haben, statt auf die Stärken zu achten. Früher hatte man viel mehr Freiheiten.

 

Pandemie, Krieg, Inflation: Man kann sich kaum unsicherere Zeiten vorstellen, in denen man aufwächst. Wie kann da Hoffnung, Zuversicht und Perspektive vermittelt werden?

Mauch: Das sind sehr substanzielle Themen. Zwei Jahre lang waren die Kinder eingesperrt. Das Leben bietet Gott sei Dank noch mehr als diese ständigen Schauergeschichten. Die guten Dinge muss man aber vermitteln.

 

Schulschließungen, Lockdown, kein Sport, kein Treffen mit Freunden: Wie haben die Kinder und Jugendlichen, mit denen Sie arbeiten, die gravierenden Corona-Einschränkungen verdaut?

Mauch: Das wird uns noch eine ganze Weile beschäftigen. Viele Dinge, die passiert sind, sind heute noch spürbar, vor allem bei denjenigen, die schon zuvor mit Problemstellungen zu kämpfen hatten. Corona hat das verstärkt. Nach dem Lockdown waren die Kinder und Jugendlichen teilweise nicht mehr sozialfähig. Sie waren Individuen, die nicht mehr wussten, wie eine Klasse funktioniert, als ob sie Elementares verlernt hätten. Es war notwendig, dass wir uns verstärkt der Einzelfallhilfe gewidmet haben. Es gab viel mehr Kids mit Auffälligkeiten, Ritzen war ein ganz großes Thema. Depression, Isolierung und Traurigkeit hatten sich ausgebreitet.

 

Und wie kommen die Kids wieder in die Spur?

Mauch: Indem man sich viel Zeit nimmt für Gespräche, für individuelle Bedürfnisse. Manchmal reicht es schon, mit ihnen ein Eis essen zu gehen und zu zeigen: Du bist mir wichtig. Beziehungsarbeit ist das A und O. Und noch mehr Freizeitmöglichkeiten schaffen.

 

Hat der Staat den Nachwuchs in der Pandemie vergessen?

Mauch: Er hat zwei Menschengruppen vergessen: die Senioren und die Kinder. Man hat beiden die Grundrechte genommen, den Kindern das Recht auf Freizeit, auf Spiel, auf Bildung und - vielleicht noch wichtiger - auf Mitbestimmung.

 

Womit kann man die heutige Jugend begeistern?

Mauch: Mit Dingen, die sie noch nicht kennt, die sie ausprobieren kann. Was sie gerne macht, sind Spiele auf dem Handy oder im Internet. Aber dafür will ich nicht der Anbieter sein.

 

Gibt es genügend Geld für die Jugendarbeit?

Mauch: (lacht) Wenn ich Ja sagen würde, wäre ich nicht der richtige Jugendreferent. Es gibt schon Geld, das für eine gewisse Basis reicht. Ich schaue verstärkt nach externen Geldgebern, etwa Stiftungen.

 

Die Kinderrechte stehen immer noch nicht im Grundgesetz. Was sagt das über den Staat aus?

Mauch: Dass nicht so wichtig ist, was die UN- Kinderrechtskonvention von 1989 vorgibt. Mit einer Verankerung im Grundgesetz würde Deutschland klar machen: Wir sind kinderfreundlich und tun was dafür, dass nachfolgende Generationen gut aufwachsen.

 

Lange Zeit waren junge Leute eher unpolitisch. Woher kommt jetzt dieses Engagement, zum Beispiel bei der Bewegung Fridays for future?

Mauch: Waren Sie wirklich so unpolitisch? Wenn man auf die Parteipolitik schaut, stimmt das. Ich glaube, es hat sich manches angestaut. Wenn man sieht, was mit unserem Planeten passiert: Die Jugend hat Sorge, und das völlig zurecht. Das treibt sie an.


Zur Person

Bernd Mauch ist 50 Jahre alt, ledig und lebt in Hessigheim. Der Diplom-Pädagoge, der in Freiburg studierte, leitet seit 2014 wieder das Kinder- und Jugendreferat der Gemeinde Ilsfeld. Von 1999 bis 2009 hatte er diese Position schon einmal inne. Zum Aufgabenfeld des Referats mit seinen acht Mitarbeitern gehören neben der offenen Kinder- und Jugendarbeit die Schulsozialarbeit sowie die Freizeitpädagogik. Mauch joggt, reist und gärtnert gerne. "Ich bin geerdet, wenn ich in der Erde werkeln kann", sagt er.

 
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