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Chorleiter Martin Renner: "Singen hilft, wenn es mir schlecht geht."

Auch in schweren Zeiten geht für Martin Renner der Weg immer nur nach vorn. Wie er sich motiviert, erzählt er im Interview.

Katharina Müller
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Lesezeit 4 Min
Chorleiter Martin Renner: "Singen hilft, wenn es mir schlecht geht."
Der Männerchor in Kochersteinsfeld ist einer von drei Chören, die Martin Renner leitet. Im Mai singen sie bei einem Open Air im Hardthausener Ortsteil.  Foto: Veigel, Andreas

Gemeinsam singen und das trotz Lockdown, Maskenpflicht und Abstandsregeln: Chorleiter und freiberuflicher Künstler Martin Renner hat dies für seine Chöre in Hardthausen und Neckarsulm seit Beginn der Pandemie mit immer neuen Ideen möglich gemacht. Da wurde im Auto sitzend auf einem großen Parkplatz geprobt, im Studio - abgeschirmt durch Plexiglasscheiben - oder online gesungen. Aufgeben ist für den 36-Jährigen auch in der Krise keine Option. Warum er einmal entschieden hat, sich den Problemen des Lebens zu stellen, erzählt er im Interview.

 

Herr Renner, selbst in der Pandemie, in der es Musiker sehr schwer hatten, haben Sie immer weitergemacht. Für Sie ist das Glas wohl immer halbvoll.

Martin Renner: Ich denke, wenn man sich dafür entscheidet, Freiberufler zu werden und künstlerisch tätig zu sein, verlässt man ohnehin dieses normale gesellschaftliche Tun und Handeln. Mein Leitspruch ist immer: Für irgendetwas wird's schon gut sein. Da kommt mir wahrscheinlich mein ausgeprägter Pragmatismus zugute.

Lassen Sie den Kopf also nie hängen?

Renner: Doch, ich bin auch mal zwei, drei Tage angeschlagen, wenn so etwas wie ein Lockdown passiert. Dann ist aber immer der Weg nach vorn die einzige Möglichkeit für mich. Es muss ja irgendwie weitergehen. Global gesehen sind unsere Probleme doch meistens überschaubar. Ich frage mich dann: Wieso stellen wir uns so an? Ich habe aber auch Glück mit meinem Job und meinem Umfeld.

 

Inwiefern?

Renner: Ich bin während der Pandemie nie auf Gegenwehr gestoßen, und alle haben sich immer eingebracht bei Aktionen oder Ideen, die ich zum Beispiel für den Männerchor in Kochersteinsfeld hatte. Irgendwie ist immer Energie da.

 

Ist es die Rückmeldung der Sänger, die Sie motiviert?

Renner: Ja, ich mache das für meine Leute. Ich habe in meinen Gruppen jede Woche mit etwa 100 Menschen zu tun. Die sind mir wichtig. So stelle ich mir im Übrigen auch Gesellschaft vor: Einer für alle, alle für einen.

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Sind Sie zufrieden?

Renner: Im letzten Jahr konnte ich das Positive allerdings oft erst im Nachhinein verstehen, weil ich währenddessen so unter Strom stand. Als ich zum Beispiel einen Jahresrückblick für meine Freunde zusammengeschnitten habe, sind mir echt die Tränen gekommen. Die letzten zwei Jahre waren schon sehr krass.

 

Was möchten Sie aus der Corona-Zeit trotzdem nicht missen?

Renner: Es ist viel Neues entstanden, wir haben zum Beispiel zwei CDs aufgenommen. Durch die Studio-Arbeit und das Üben per Zoom habe ich auch angefangen, Gesang-Coachings mit einzelnen zu machen. Das war spannend, weil ich manche noch nie allein gehört habe. Für den Männerchor habe ich Übe-Tracks eingesungen, mit denen sie zu Hause schaffen konnten. Seither singt der Männerchor so gut wie noch nie.

 

Das klingt auch anstrengend, zumal Sie monatelang kein Geld verdient haben. Denken Sie auch mal ans Aufgeben?

Renner: Ich habe für mich die Freiheit, alles, was ich mache, nicht machen zu müssen. Ich habe auch das Glück, dass meine Frau und meine Eltern da sehr hinter mir stehen. Ich als Privatperson besitze auch nicht viel. Wenn mir einer eine Million Euro überweist, würde ich auch nichts anderes machen als jetzt. Geld ist für mich nur Mittel zum Zweck. Ich bin einfach froh, dass ich etwas gefunden habe, was zu mir passt. Vielleicht ändert sich das in zehn Jahren aber auch wieder.

 

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Hadern Sie manchmal?

Renner: Ich frage mich morgens nie, ob ich das, was ich heute machen muss, auch machen will. Wenn Leute von Chefs und Kollegen erzählen und sich beschweren, das habe ich nie. Und wenn es schwierig wird, suche ich immer eine Möglichkeit, wie es weitergeht. Ob das später zum Erfolg wird, kann man als Künstler aber nie wissen. Auch jetzt ist die Ungewissheit wieder groß, ob die Menschen wieder zu unseren Auftritten kommen. Da muss man sich immer wieder gut aufstellen und Leute haben, die auf einen aufpassen.

 

Woher kommt dieses Grundvertrauen?

Renner: Unterbewusst sicher aus meiner Familie. Ich habe aber früh gelernt, dass es sich lohnt, sich für Dinge reinzuhängen. Ich habe zum Beispiel früh mit Jonglieren angefangen. Das ist nichts, was einem einfach so zufliegt, da muss man richtig ackern. Aber auch in der Hermann-Greiner-Realschule, als ich da Musical gespielt und die Chorleitung übernommen habe, war das so. Mit der Zeit habe ich so viele Leute um mich herum gefunden, die mir Energie geben. Ich habe Freunde die 70 oder Mitte 80 sind, aber auch 16 oder 18.

 

Wie bereichern die Ihr Leben?

Renner: Ich lerne viel von ihnen. Von den Sängern in Kochersteinsfeld habe ich gelernt, wie wichtig Gemeinschaft ist. Da ist es eben auch wichtig, nach dem Chor noch eine Pizza zusammen zu essen. Wie die sich alle helfen, mit einer Selbstverständlichkeit, ist beeindruckend. Das haben wir ein Stück weit verlernt.

 

Wie gehen Sie mit ewigen Jammerern um?

Renner: Das nervt mich, ich erlebe es in meinem Umfeld aber glücklicherweise wenig. Ich finde das nicht zielführend. Man muss zeitnah eine Lösung finden für Probleme. Wir haben doch nur eine gewisse Zeit auf der Erde, und die müssen wir nutzen.

 

Haben Sie ein Vorbild?

Renner: Nicht direkt. Ich habe unterschiedliche Vorbilder. Meine Eltern in vielen Bereichen, aber auch ehemalige Lehrer oder Leute, die viel jünger sind als ich, die mich motivieren. Ich versuche immer, jeden zu sehen.

 

Welche Rolle spielt das Singen für Ihre positive Einstellung?

Renner: Ich bin inzwischen zwar eher Lehrer in diesem Bereich. Aber ich mag das Singen in der Gruppe sehr und habe gemerkt, dass es mir hilft, wenn es mir schlecht geht. Nur Singen oder Chorarbeit wäre aber auch nicht das Richtige, ich mache ja auch viele andere Dinge und brauche die Abwechslung.

 

Sie sind dabei immer von vielen Menschen umgeben. Ist Alleinsein für Sie ein Problem?

Renner: Ganz allein zu sein wäre für mich schon schwierig, das passiert auch so gut wie nie. Ich mag es einfach, mit anderen Menschen zusammen zu sein.

 

Haben Sie nie genug von dem Trubel?

Renner: Es gibt schon solche Situationen, aber die halten nicht lang an. Ich habe mal für mich entschieden, dass ich nicht flüchte. Ich trinke zum Beispiel auch keinen Alkohol. Es gibt für mich wenige Möglichkeiten, meinen Problemen aus dem Weg zu gehen. Es nützt am Ende auch nichts, die Probleme bleiben ja da, auch wenn man davor wegrennt. Deshalb spreche ich Menschen direkt an, wenn mir etwas nicht passt.

 

Fällt Ihnen das leicht?

Renner: Ich habe immer schon eine klare Vorstellung davon gehabt, was ich will. Ich musste aber lernen, wie man das passgenau kommuniziert. Am Ende macht es aber Sinn. Meine Mutter hat schon immer gesagt: Entweder machst du etwas ganz oder gar nicht. So hat meine Chorarbeit zum Beispiel auch viel mit Selbstoffenbarung zu tun: Die wissen genau, wie ich ticke.

 
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