Ortsnachrichten aus dem Lautsprecher

Eppingen  Fast 30 Jahre lang besaß der heutige Eppinger Stadtteil Mühlbach ein modernes Kommunikationssystem. Lokale Nachrichten wurden über die Ortsrufanlage verbreitet. Vor Heinz Kappel liegen Aktenbündel und alte Schallplatten auf dem Sitzungstisch.

Von unserem Redakteur Peter Boxheimer
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Fast 30 Jahre lang besaß der heutige Eppinger Stadtteil Mühlbach ein modernes Kommunikationssystem. Lokale Nachrichten wurden über die Ortsrufanlage verbreitet. Vor Heinz Kappel liegen Aktenbündel und alte Schallplatten auf dem Sitzungstisch. Nebenan, in einem Kämmerchen, war einer der Arbeitsplätze des heute 88-jährigen Mühlbachers. Der frühere Amts- und Polizeidiener stand an einem Sprechpult und las von einem Blatt die Neuigkeiten ab, die den Bewohnern des Steinhauerdorfs Tag für Tag über die Ortsrufanlage verkündet wurden. Es war ein modernes und doch einfaches Kommunikationssystem, das sich die Mühlbacher 1950 zulegten. Ein Mikrofon, ein Knopf zum Ein- und Ausschalten, ein angeschlossener Plattenspieler - mehr wurde für die Sendestation nicht gebraucht. "Es war nicht schwer zu bedienen, das Ding", erinnert sich Heinz Kappel. Lautsprecher Die Ortsrufanlage wurde elektrisch betrieben. 1957 waren 33 Philips-Lautsprecher im Abstand von rund 150 Metern fest installiert. Da gab es die flache Version an Wänden oder einem Mast auf dem Hausdach. Daneben nutzten die Mühlbacher zum Beschallen von Sackgassen eine trichterförmige Variante, die an eine große Flüstertüte erinnert. Mit Schwachstrom wurden die Lautsprecher versorgt. "Wenn Mühlbach sich vergrößert hat, sind im entsprechenden Abstand neue dazugekommen", schildert Ortsvorsteher Frieder Fundis. Bei der Installation wurde sorgsam darauf geachtet, dass sich die Schallwellen nicht überschlugen. Was das Rathaus mitteilte, sollte an den einzelnen Stationen gut zu verstehen sein. "Er hat sehr klar und deutlich gesprochen", entsinnt sich Fundis an den Nachrichtenmann Kappel. Der empfand seine Aufgabe als wichtig, aber auch als Pflicht. Als das System in Betrieb ging, übernahm der damalige Bürgermeister Wilhelm Grittmann höchstpersönlich die Durchsage. Später delegierte er diese Arbeit an den Gemeindebeamten Karl Dettling. Der gab sie an den Verwaltungsangestellten Richard Antritter weiter. Am Ende war der Amtsdiener und Hausmeister der Mann am Mikro. "Als sie es satt hatten, hab ich es halt machen müssen", grinst Heinz Kappel. Akribisch korrekt hat er die von der Verwaltung vorgeschriebenen Texte unter die Bürger gebracht: "Nur Fremdwörter hab ich manchmal ausgelassen." Jeden Mittag um 12 Uhr erfuhren die Mühlbacher das Neueste aus dem Ortsgeschehen. Ob Gemeinderatssitzung, Brennholzverkauf, Bereitschaftsabend des Roten Kreuzes oder Altenkaffee - akustisch waren die Bürger stets aktuell informiert, was sich in ihrem Heimatort tat. "Dr. Kähny bittet um die Krankenscheine für das neue Quartal." Manche der Mitteilungen sind älteren Mühlbachern in Fleisch und Blut übergegangen. Werbung Die örtlichen Geschäfte nutzten die Übertragungen, um ihre Waren anzupreisen. Gab es jungen Spinat, frischen Fisch oder günstiges Vollwaschmittel, wurde die Werbung schon am Vormittag oder auch am frühen Abend gesendet. Seit 1953 regelte eine Gebührenordnung die Durchsagen von Gewerbetreibenden, Vereinen, Parteien und Privatleuten. Legendär war der Mühlbacher "Wassermarsch". Erklangen über die Ortsrufanlage die "Alten Kameraden", wussten die Einwohner, dass Leitungsarbeiten am Versorgungsnetz anstanden. "Dann sind die Leute alle an den Wasserhahn gerannt", erzählt Heinz Kappel. Rasch wurden Eimer gefüllt, um in Küche und Klo nicht auf dem Trockenen zu sitzen. Choräle Hatte ein Paar Goldene Hochzeit, wünschten sich die Verwandten "Großer Gott, wir loben dich". Rund 40 Schellackplatten stehen heute noch in einem Schrank in der Heimatstube. Frieder Fundis: "Da gab es eine ganze Sammlung von Chorälen." Wurden junge Mühlbacher zum Militär eingezogen, erklang "Wo der Wildbach rauscht" und später Freddy Quinns "Junge, komm bald wieder". Bis zum 9. Juli 1979 war die Ortsrufanlage in Betrieb. Der 1977 herausgebrachte Eppinger Stadtanzeiger machte sie überflüssig. Im Richener Archiv erinnern an die 20 Aktenbündel an ein lebendiges Kapitel lokaler Informationsgeschichte.