Macht die alte Bahnlinie der Zukunft Dampf?

Von Steffan Maurhoff

Region Bottwartalbahn - Nostalgie schwingt in diesem Namen mit. Rauchschwaden über possierlichen Dampfloks stehen für ein Stück Bahngeschichte, das vor über einem halben Jahrhundert endete. Dennoch hat die Strecke das Zeug für eine moderne, attraktive Regionalstadtbahn. Dieser Überzeugung ist eine Gruppierung von Leuten, die sich vor etwa zwei Jahren in der Initiative Bottwartalbahn zuammengeschlossen haben. Bestätigt fühlen können sie sich vom Verband Region Stuttgart. Dieser hat vor wenigen Monaten einen Entwurf für seinen neuen Regionalverkehrsplan vorgelegt. Darin taucht erneut die Bottwartalbahn auf - mit "hoher Dringlichkeit". Zumindest die Strecke von Marbach bis Beilstein. Für die Verlängerung ins Schozachtal besteht in den Augen der Planer immerhin "weiter Bedarf". Das allerdings geht der Initiative nicht weit genug. "Die von Stuttgart angedachte Insellösung Marbach-Beilstein ist für uns keine Lösung", sagt Wolfram Berner. Der Diplom-Archivar hat den Blick eines Historikers auf die Strecke - aber auch den eines Fachmannes, der in einer wiederbelebten Bottwartalbahn die Chance für modernen öffentlichen Nahverkehr sieht. Berner erklärt, was ihm selbst, Hans-Joachim Knupfer, Pressereferent eines Nahverkehrsverbundes, sowie weiteren Mitstreitern stattdessen vorschwebt: "Wir reden von einem Bahnnetzwerk Beilstein. Wir reden von zwei Streckenteilen: dem Ast Marbach-Beilstein und dem Ast Beilstein-Heilbronn." Das Rad der Bahn will die ehrenamtlich tätige Bürgeraktion nicht neu erfinden. Sie hat lediglich eine Vision: "In Heilbronn gibt es schon die Stadtbahn. Man muss nur das vorhandene System adaptieren, verlängern, erweitern", sagt Berner. Langer Atem Ein Gedankenspiel, das langen Atem verlangt. Denn den Zeitrahmen für den Bau einer Bottwartalbahn stecken ihre Befürworter bis 2030 - und weiter. Die Kosten wären immens. Von 75 Millionen Euro geht der Stuttgarter Regionalverband aus: und das sind nur die vor etwa zehn Jahren geschätzten Kosten allein für das Stück bis Beilstein. Das Hauptproblem ist, dass die Linie im Bottwartal nach ihrer Stilllegung nahezu völlig entwidmet wurde. Die Kommunen entlang des alten Schienenstrangs erlegten sich zwar die Verpflichtung auf, die Trasse freizuhalten. Doch das gelang nicht überall. Die Wiederbelebung wäre quasi ein Neubau - was bei der Schiene jahrzehntelange Planungen bedeutet. Trotz alledem ist die Initiative überzeugt von ihrer Idee. Wobei Wolfram Berner betont: "Das Konzept funktioniert nur als Ganzes, von Heilbronn bis Marbach." In einem Zug gebaut werden müsse es gar nicht - aber in einem Stück durchgeplant. "Das ist unsere letzte Chance", sagt Berner. Je länger mit den Planungen gewartet werde, desto höher würden die Kosten, desto stärker wachse der Straßenverkehr an, desto eher wäre die künftige Trasse womöglich überbaut. Den Streckenverlauf sehen die Befürworter zwischen Marbach und Beilstein weitgehend auf oder entlang der Originaltrasse. Aber zwischen Beilstein und Heilbronn "betreten wir komplettes Neuland." Führte die Bottwartalbahn einst über Schozach, Talheim und Sontheim, sieht die Initiative die mögliche künftige Regionalstadtbahn auf ihrer Reise ab Ilsfeld auf neuen Wegen. So schlägt sie vor, die Trasse nicht an Ilsfeld vorbei in Richtung Untergruppenbach zu führen, sondern eine Schlaufe durch den Ort einzuplanen: "Ilsfeld hat mit rund 6000 Einwohnern im Kernort ein sehr hohes Potenzial, das man auf keinen Fall auslassen darf", sagt Berner. Auch Abstatt mit dem Großarbeitgeber Bosch soll angesteuert werden. Happenbach würde die Initiative auch noch mitnehmen, danach ginge die Fahrt auf einer noch zu ermittelnden Trasse über Untergruppenbach und Flein nach Heilbronn in Richtung Harmonie. "Es gibt ein großes innerstädtisches Potenzial", verweist Berner auch auf Fahrgäste mit dem Ziel Fachhochschule oder dem überbauten Bereich Südbahnhof. Überregional Dass die Kreise und Kommunen im Fall Bottwartalbahn über ihre eigenen Grenzen hinaus denken müssen, ist für die Initiative unabdingbar. Obwohl es eine Regionalstadtbahn sein soll, sagt Berner: "Wir sehen dieses Projekt als überregionales Vorhaben an." Die Mitglieder wollen keine Lobbyarbeit machen, sondern "nur Ideen und Impulse geben", betont er. Überzeugungsarbeit macht das Team bei Informationsveranstaltungen oder Terminen in Rathäusern und bei Behörden. Für Berner steckt hinter dem Vorhaben eine einfache Logik: "Es geht im Endeffekt darum, vorhandene Gleise zu verlängern und ein paar neue Masten zu setzen." Ziel in weiter Ferne Vor allzu großer Euphorie warnt Claus-Jürgen Renelt, Amtsleiter Bauen, Umwelt und Nahverkehr im Landratsamt Heilbronn. Nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten, so rechnet er, könnte eine Bottwartalbahn vielleicht Realität sein. Denn im Unterschied zur Zabergäubahn ist die Bottwartalbahn nahezu komplett entwidmet, kann nicht ohne weiteres reaktiviert werden. Letzteres wäre im Zabergäu möglich. Dort steht demnächst die sogenannte Standardisierte Bewertung an. Sollte sie die Mindesthürde nehmen, ist als nächstes die Finanzierungsfrage zu klären. Das Problem im Zabergäu: Die Linie ist schon so lang stillgelegt, dass vermutlich keine Unterstützung vom Land in Form sogenannter Regionalisierungsmittel zu erwarten ist. Dennoch ist die Zabergäubahn in den Augen des Heilbronner Verkehrsbetriebsdirektors Tilo Elser greifbarer als die Bottwartalbahn. Er glaubt zwar: "Das Potenzial im Bottwartal ist größer als im Zabergäu." Es sei ein Fehler der Vergangenheit gewesen, im Bottwartal die Strecke zu entwidmen. Die Wiederbelebung wäre gleichbedeutend wie der Neubau einer Eisenbahn. "20 bis 30 plus x" - so viele Jahre würde das nach Schätzung Elsers dauern. Für die Bottwartalbahn ist sich der 51-Jährige deshalb ziemlich sicher: "Den Eröffnungszug werde ich nicht mehr fahren - wobei ich den im Zabergäu noch fahren will." Viele Fragezeichen stehen noch hinter beiden Strecken. Und doch sagt Wolfram Berner von der Bottwartalbahn-Initiative: "Wir haben das Gefühl, das in der Bottwartalbahn-Diskussion momentan mehr Bewegung ist als in der Diskussion in der Bahn ins Zabergäu." Mit Interesse, aber eiskaltem Herzen Als der Beilsteiner Gemeinderat sich unlängst dafür aussprach, zwischen allen beteiligten Kommunen Gespräche über eine Machbarkeitsstudie zu führen, schwang fast so etwas wie Euphorie mit: dass eine reanimierte Bottwartalbahn nahezu beschlossene Sache sei. Doch dem ist mitnichten so, und das weiß auch die Bottwartalbahn-Initiative. Gespannt sind deren Mitglieder trotzdem auf die Reaktionen aus dem Heilbronner Raum. Die klingen aufgeschlossen, haben aber auch Bremskraft: Regionalverband Heilbronn-Franken: Im Gegensatz zum Verband Region Stuttgart gehört ein Regionalverkehrsplan nicht zu den Aufgaben des Regionalverbands Heilbronn-Franken. Dieser könne lediglich die Rahmenbedingungen schaffen, sagt Verbandsdirektor Klaus Mandel. Im Regionalplan sei für die Bottwartalbahn seit 2006 ein Trassenvorschlag ab Beilstein über Auenstein und Abstatt nach Untergruppenbach in Richtung Flein nach Heilbronn eingetragen. "Wenn es gelingen würde, diese Trasse zu bauen, wäre das ein Gewinn", sagt Mandel. Landratsamt Heilbronn: Claus-Jürgen Renelt, Leiter des Amts für Bauen, Umwelt und Nahverkehr, und der Beilsteiner Bürgermeister Patrick Holl treffen sich heute in Marbach mit Vertretern des Landratsamts Ludwigsburg und Bürgermeistern aus dem Bottwartal. Sofern eine Machbarkeitsstudie gewünscht werde, könnte er diesen Weg mitgehen: "Es macht Sinn, sich mit dem Thema zu beschäftigen, weil wir erhebliches Entwicklungspotenzial in dem Raum haben." Allerdings sagt er auch: "Man soll das Thema mit sehr eiskaltem Herz und ohne Euphorie begleiten." Denn die alte Bahntrasse ist schon entwidmet, kann also nicht einfach wieder für einen Bahnbetrieb genutzt werden. Allein der Findungsprozess für eine neue Trasse, die Finanzierungsfragen, ein Planfeststellungsverfahren, die Umweltverträglichkeitsprüfungen dauern Jahrzehnte. Nach einer Machbarkeitsstudie müsste dem zunächst eine eine Nutzen-Kosten-Analyse vorangehen, die sogenannte Standardisierte Bewertung, um den volkswirtschaftlichen Nutzen der Schienenverbindung zu ermitteln. Grundsätzlich findet Renelt: "Es könnte Sinn machen, sich mit einer Straßenbahnlinie zwischen Heilbronn und Marbach zu beschäftigen." Womit er an andere Fahrzeuge denkt als die Bottwartalbahn-Initiative, die sich für eine Zweisystem-Regionalstadtbahn ausspricht, also eine Stadtbahn, die sowohl auf DB-Gleisen als auch auf Stadbahngleisen fahren kann. Deren Nachteil im Vergleich zur Straßenbahn: sie wäre erheblich teurer. Verkehrsbetriebe der Stadtwerke Heilbronn: Verkehrsbetriebsdirektor Tilo Elser findet die Idee Bottwartalbahn interessant: "Das hat Potenzial." Nach einer Machbarkeitsstudie sei einschätzbar, wie es weitergehen könne. Unabhängig davon, was technisch machbar wäre, ist Elser sicher: "Es kämen auf Heilbronn hohe zweistellige Investitionen zu." Ob eine Straßenbahn, die Lösung wäre, hat Elser Zweifel: Denn zur Umspannung des Stroms müssten entlang der Strecke alle drei Kilometer sogenannte Unterwerke gebaut werden - ein Preistreiber. Wenn schon über die Schiene im Bottwartal nachgedacht wird, so findet Elser, solle auch eine güterfähige Bahn untersucht werden.