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Diskussion auf dem Heilbronner Bildungscampus: Woher kommt künftig unsere Energie?

Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft diskutieren auf dem Bildungscampus Heilbronn über das zentrale Thema dieser Tage. Es bestehen Zweifel am Gelingen der deutschen Energiewende.

Jürgen Paul
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Lesezeit 2 Min
Woher kommt künftig unsere Energie?
Claudia Franz (links) vom Ferdinand-Steinbeis-Institut moderierte die lebhafte Talkrunde mit Hans-Jörg Vollert, Maike Schmidt, Günther Oettinger und Eva Deuchert (von links) auf dem Bildungscampus Heilbronn.  Foto: Paul, Jürgen

Die Energieversorgung des Landes bleibt auch künftig eine zentrale Herausforderung. Und es gibt keine einfache Antwort auf die entscheidende Frage, wie die Gesellschaft und die Wirtschaft sicher mit günstiger Energie versorgt werden können. Das wird bei der zweiten Veranstaltung "Runter vom Gas" deutlich, zu der das Ferdinand-Steinbeis-Institut gemeinsam mit der Heilbronner Versorgungs GmbH am Dienstagnachmittag auf dem Bildungscampus Heilbronn eingeladen hat.

Knapp 100 Gäste sind gekommen, um zu hören, wie Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft die komplizierte Lage einschätzen.

Oettinger spricht Klartext

Günther Oettinger spricht wie gewohnt Klartext. "Wir kriegen's nicht hin", sagt der frühere baden-württembergische Ministerpräsident und ehemalige EU-Energiekommissar über die deutsche Energiewende. Der Ausstieg aus Atomkraft, Kohle und Gas zugunsten der erneuerbaren Energien könne nicht funktionieren, weil der Strom aus Wind und Sonne bis auf weiteres nicht speicherbar ist.

Zudem scheitere die Energiewende an der verbreiteten "Not in my backyard"-Mentalität. Die Bürger seien zwar grundsätzlich für Windräder, Photovoltaik und Stromleitungen - aber eben nur, solange es nicht vor ihrer Haustür geschehe, so Oettinger. In keinem anderen Land werde die Energiedebatte so emotional und verbissen geführt wie hierzulande.

Mehrheitsentscheidungen müssen umgesetzt werden

Mehr Nüchternheit und Sachkenntnis wünscht sich bei dem Thema auch Maike Schmidt. "Wir können nicht gegen alles sein, wir müssen auch für etwas sein", sagt die Vorsitzende des Klima-Sachverständigenrates der Landesregierung. Diskussionen und Bürgerbeteiligung gehörten zur Demokratie, aber: "Man kann nicht alle mitnehmen".

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Eva Deuchert vom Ferdinand-Steinbeis-Institut sagt: "Diskussionen sind gut, aber irgendwann ist auch mal gut." Wenn die Mehrheit Entscheidungen treffe, habe die Minderheit dies zu akzeptieren. Das müsse die Politik klarmachen und dann auch schnell handeln. Es sei nicht gottgegeben, dass es vom Antrag bis zur Inbetriebnahme eines Windrades 70 Monate dauere, so Deuchert.

Gas wird als Brücke zu den Erneuerbaren benötigt

Für sie wie auch für Maike Schmidt ist klar, dass die Energiewende nur mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien gelingen kann. Anders könne Deutschland seine Klimaziele nicht erreichen. Perspektivisch setzt Klimaexpertin Schmidt auf grünen Wasserstoff, der kurzfristig aber kaum helfe. "Wir brauchen Gas als Brücke", sagt sie.

Für Oettinger wird diese Brücke noch ziemlich lange notwendig sein. "Wir werden auch 2045 noch Gas brauchen", ist sich der frühere EU-Energiekommissar sicher. Deshalb rät er dazu, sich "ehrlich zu machen" und auch die Förderung von Fracking-Gas in Deutschland anzugehen. "Das wäre ehrlicher und umweltfreundlicher, als Fracking-Gas aus den USA zu importieren."

Vollert vermisst klare Kommunikation und Prioritäten der Regierung

Mehr Ehrlichkeit, bessere Kommunikation und klare Prioritätensetzung wünscht sich Hans-Jörg Vollert von der Bundesregierung. "Ich habe die Energiewende nicht verstanden", sagt der Vorsitzende von Südwestmetall Heilbronn/Region Franken. Zwar würden die Energiepreisbremsen den Unternehmen aktuell "ganz klar helfen". Aber das Grundproblem der sicheren und bezahlbaren Energieversorgung bleibe über diesen Winter hinaus bestehen.

Woher kommt künftig unsere Energie?
Claudia Franz (links) vom Ferdinand-Steinbeis-Institut moderierte die lebhafte Talkrunde mit Hans-Jörg Vollert, Maike Schmidt, Günther Oettinger und Eva Deuchert (von links) auf dem Bildungscampus Heilbronn.  Foto: Paul, Jürgen

Mit großer Sorge beobachtet Vollert, dass Konzerne beginnen, Produktion in die USA zu verlagern, wo Energie nach wie vor günstig ist. Für kleine Unternehmen, die diese Möglichkeit nicht haben, sehe er "rabenschwarz". Gebe es nicht rasch ein plausibles Energiekonzept, drohe der Verlust unseres Wohlstands, der aus unserer industriellen Basis heraus entstanden sei. "Wollen wir das riskieren?", fragt Vollert mit sarkastischem Unterton.

Oettinger fordert Zusammenarbeit in Europa

Eine wesentliche Bedingung für die künftige Energieversorgung ist für Günther Oettinger die europäische Zusammenarbeit. "Wir brauchen die Europäisierung der Energiepolitik", forderte der frühere EU-Energiekommissar bei seinem Auftritt in Heilbronn. Oettinger kritisierte in diesem Zusammenhang scharf die deutsche Neigung zu Alleingängen - nicht nur beim Thema Energie, sondern auch bei der Verteidigung.

 
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