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Genossenschaften im Land legen auch in der Krise zu

Der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband sieht nach einem solidem Jahr 2021 viele Unwägbarkeiten. Präsident Glaser plädiert für Senkung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel, um die Bürger zu entlasten.

Jürgen Paul
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Genossenschaften im Land legen auch in der Krise zu
Die landwirtschaftlichen Genossenschaften tragen nach Meinung des Genossenschaftsverbandes zur Erhaltung der kleinteiligen Strukturen im Südwesten bei. Foto: dpa  Foto: Jan Woitas

Die Genossenschaften in Baden-Württemberg stellen sich nach einem ordentlichen Jahr auf unruhige Zeiten mit zahlreichen Unwägbarkeiten ein. Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands, nannte bei der digitalen Jahres-Pressekonferenz am Montag in Stuttgart vor allem die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine als Belastung für die Genossenschaften. Inflation und weiter steigende Preise - insbesondere für Energie und Dünger - machten den Unternehmen zu schaffen. Auch die Versorgung mit Rohstoffen und (Vor-)Produkten sei zunehmend problematisch.

Stark und robust in der Krise

Grundsätzlich sieht Glaser die Genossenschaften im Südwesten aber gut aufgestellt. "Gerade in der Krise wird die Stärke und Robustheit des genossenschaftlichen Geschäftsmodells eindrucksvoll unter Beweis gestellt", sagte der Verbandschef. Die Zahlen für das unter den Folgen der Corona-Pandemie stehende Jahr 2021 bestätigen diesen Befund. Die 626 Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften in Baden-Württemberg steigerten ihren Umsatz um 8,3 Prozent auf 9,88 Milliarden Euro. Die 144 Genossenschaftsbanken im Land sind hier nicht berücksichtigt, da der Geno-Verband für die Banken eine eigene Pressekonferenz macht.

Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften wachsen kräftig

Die 321 gewerblichen Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften haben ihre Erlöse im vergangenen Jahr deutlich um 12,8 Prozent auf 6,15 Milliarden Euro gesteigert. Zu dieser Gruppe zählen Handwerksgenossenschaften genauso wie genossenschaftliche Dorfläden, Medizingenossenschaften, Energiegenossenschaften oder Handelsgenossenschaften wie Intersport und Euronics.

Nur ein leichtes Wachstum verbuchten hingegen die landwirtschaftlichen Genossenschaften: Sie legten 2021 um 1,8 Prozent auf 3,73 Milliarden Euro zu. Verbandschef Glaser stellte fest, dass die "Wertschätzung für regional erzeugte landwirtschaftliche Produkte durch die Corona-Krise und ihre Auswirkungen gestiegen ist". Ziel müsse es sein, dass sich diese Wertschätzung auch in "einer angemessenen und auskömmlichen Entlohnung für die Landwirte" niederschlage, sagte Glaser.

Zielkonflikt bei Lebensmittelpreisen

Er räumte auf Nachfrage jedoch ein, dass es angesichts der hohen Inflation Zielkonflikte gebe: Einerseits sollten gesunde Lebensmittel bezahlbar sein, andererseits sollten die Landwirte davon gut leben können. "Das ist ein soziales Thema", sagte Glaser mit Blick auf die vielen Menschen im Land, "die sich nach der Decke strecken müssen". An die Politik gerichtet plädierte er dafür, die Mehrwertsteuer für Lebensmittel zu senken, um die Bevölkerung zu entlasten. "Hier kann man den Hebel ansetzen."

Es gibt viele Neugründungen

Der Verbandspräsident zeigte sich zuversichtlich, dass sich der Genossenschaftsbereich im Land auch künftig gut entwickeln werde. "Wir sehen weiterhin ein lebhaftes Gründungsgeschehen", sagte Glaser mit Blick auf die acht Neugründungen, die es in diesem Jahr bereits gegeben hat. Im vergangenen Jahr gründeten sich im Südwesten 19 Genossenschaften aus den unterschiedlichsten Bereichen - darunter auch die Weinsberger Genossenschaft "Wein.Im.Puls - Junges Württemberg". Der Schwerpunkt der Neugründungen lag jedoch in den Bereichen Mobilität, Betreuung, Pflege, Bildung und Quartiersentwicklung. In Gesundheitsgenossenschaften sieht Glaser ein wichtiges Mittel, um dem Ärztemangel im ländlichen Raum zu begegnen. Alleine in diesem Jahr seien vier Ärztegenossenschaften im Land an den Start gegangen. Für den Verbandschef sind Genossenschaften immer dort eine sinnvolle Lösung, "wo sich die öffentliche Hand nicht mehr so stark engagieren kann", sagte er.

Höchste Mitgliederdichte in Deutschland

In Baden-Württemberg gibt es rund 3,87 Millionen Genossenschaftsmitglieder. Damit ist mehr als jeder dritte Einwohner Mitglied einer Genossenschaft - nirgendwo sonst in Deutschland ist die Mitgliederdichte so hoch. In den 770 Genossenschaftsunternehmen (inklusive Banken) aus rund 50 Branchen in Baden-Württemberg arbeiten aktuell 33 603 Menschen. Zudem werden 2276 junge Menschen ausgebildet.

Schülergenossenschaften

Mittlerweile gibt es auch 32 Schülergenossenschaften im Südwesten, ein gutes Dutzend befindet sich in Gründung. Eine davon, die Teck-Stil aus Kirchheim unter Teck, stellte sich im Rahmen der Pressekonferenz vor. Die Schülergenossenschaft hat rund 100 Mitglieder und vertreibt nachhaltige Pullis, T-Shirts und Taschen. Wie Verbandspräsident Roman Glaser betonte, handelt es sich bei Schülergenossenschaften nicht um bloße Planspiele, sondern um richtige kleine Firmen mit echten Umsätzen.

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