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Heilbronn/Hohenlohe

Finnland und Baden-Württemberg: Nachhilfe vom digitalen Europameister

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Cyber-Sicherheit, autonomes Fahren und KI: Finnland arbeitet eng mit Baden-Württemberg zusammen. Die Verbindungen bestehen auch nach Heilbronn und Hohenlohe.

Polarlichter in Finnland.
Polarlichter in Finnland.  Foto: Sara Winter/stock.adobe.com

Finnland ist bekanntlich das Land mit den glücklichsten Menschen. Und Oulo wiederum die Stadt, in der die glücklichsten Finnen leben. Warum das vielleicht auch etwas mit vernünftiger Wirtschaftspolitik, bezahlbarem Strom, der erfolgreichsten Digital-Strategie in Europa und vor allem mit der Mentalität der Finnen zu tun hat, das wurde beim Trip einer baden-württembergischen Wirtschaftsdelegation nach Oulo und Helsinki deutlich.

Warum Finnland? "Die Partnerschaft ist sehr eng. Wir haben sehr ähnliche Unternehmen und teilen dieselben Werte, daher ist die Kooperation hier einfacher", erklärt Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut, die eine 26-köpfige Delegation aus Unternehmern, Wissenschaftsverantwortlichen und Politikern anführte.

Größter Exportmarkt

Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut bei der Firma Tacotek, die Komponenten für den Automobilbau entwickelt, mit denen viel Material eingespart wird.
Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut bei der Firma Tacotek, die Komponenten für den Automobilbau entwickelt, mit denen viel Material eingespart wird.  Foto: privat

Knapp 3000 Kilometer nördlich entfernt von Baden-Württemberg liegt Oulo. Und doch ist "The Länd" ein enger Partner Finnlands. Das machen die Wirtschaftsdaten deutlich. Deutschland ist Finnlands größter Exportmarkt. Zudem werden Waren im Wert von 1,68 Milliarden Euro von Baden-Württemberg nach Finnland exportiert, umgekehrt importiert der Südwesten Waren im Wert von 2,2 Milliarden Euro von finnischen Unternehmen. Die 214.000 Einwohner von Oulo haben ein Durchschnittsalter von nur 39,4 Jahren. Nicht nur das beeindruckt.

Wasserstoff-Pipeline

Die Region nimmt in vielen Bereichen ein Pionier-Rolle ein. In Sachen 6-G-Entwicklung für digitale Übertragung gibt es die Vision 2030. Bei der Drohnen-Forschung wie beim autonomen Fahren hat man ebenso eine Spitzenposition wie bei der Wasserstoffgewinnung. Bis 2030 soll zehn Prozent des gesamten für die EU benötigten Wasserstoffes aus Finnland kommen. Für die grüne Transformation entsteht ein neuer Hafenbereich, zusätzlich sind zwei Pipelines in Planung, in dem Wasserstoff unter anderem bis nach Deutschland weitergeleitet wird.

Mit all diesen Maßnahmen will Finnland schon 2035 klimaneutral sein - weit vor Deutschland beispielsweise. Übrigens vor allem, weil die Finnen weiterhin auf Atomkraft setzen - rund 40 Prozent des Strombedarfs deckt diese Energie, die auch von den Grünen in Finnland nicht in Frage gestellt wird, ab. Was dazu führt, dass der Industriestrompreis hier bei nur sechs Cent liegt.

KI-Initiative

Zahlreiche Unternehmen stehen für diesen erfolgreichen Transformationsprozess, bei dem auch die Künstliche Intelligenz (KI) eine große Rolle spielt. Es gibt eine nationale KI-Strategie mit dem Ziel, dass Finnland auf diesem Gebiet Spitzenland wird. Mit der Betonung auf konsequente Anwendung - nicht Forschung oder Entwicklung. "Gerade auf diesem Sektor ist eine europäische Zusammenarbeit wichtiger denn je", sagte die Wirtschaftsministerin, und sie lud dabei finnische Firmen ein, sich am Heilbronner Ipai, dem künftigen KI-Park, zu beteiligen. "Die Ipai-Initiative, die natürlich ohne die Schwarz-Stiftung nicht in dieser europaweit einmaligen Dimension umgesetzt werden könnte, war immerhin eine Idee des Wirtschaftsministeriums Baden-Württemberg", erklärt Hoffmeister-Kraut den finnischen Gästen bei einem Empfang in der deutsch-finnischen Handelskammer.

Wobei es auffallend viele Verknüpfungen von finnischen Unternehmen zur Region Heilbronn-Hohenlohe gibt. Valmet Automotive produziert beispielsweise Batterien für deutsche Automobilhersteller und hat mittlerweile Standorte unter anderem in Kirchardt und Bad Friedrichshall.

Cyber-Challenge

Die Firma Neste aus Espo, einer Nachbarstadt von Helsinki, schloss eine Partnerschaft mit EDi Energie-Direkt Hohenlohe beim Verkauf von Kraftstoffen aus erneuerbaren Rohstoffen. Und das Start-Up Tactotek arbeitet beispielsweise daran, dass man bei der Autoproduktion 50 Prozent der Materialien einsparen kann. Was deutsche Hersteller und Kunden - auch aus Baden-Württemberg - bereits intensiv nutzen. Ganz vorne mit dabei ist man auch mit autonom fahrenden Fahrzeugen - wie beispielsweise bei Reinigungsfahrzeugen, Baggern, Bussen oder Autos ohne Fahrer, die nur noch per Joystick aus der Ferne gelenkt werden.

Natürlich ist auch Cyber-Sicherheit ein Thema und entsprechend gefragt. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem darauffolgenden Nato-Beitritt von Finnland, nahmen die russischen Cyber-Attacken stark zu. Eine finnische Firma konnte deshalb zuletzt zwei Monate lang nicht produzieren. Cyber-Sicherheit nimmt man in Oulo sehr ernst, und entsprechende Lösungen sollen im März 2024 bei einer Tour durch Baden- Württemberg präsentiert werden. Wie weit man hier ist, zeigt die Tatsache, dass die Finnen die Nato Cyber Challenge gewonnen haben.

Bei der Digitalisierung sind die Finnen ohnehin Europameister. Finnland ist nach der EU-Studie "DESI" das Digital-Land Nummer eins in Europa. Auch beim Slush-Event, Europas führender Tech-Konferenz, die dieser Tage in Helsinki stattfand, wurde diese Innovationsstärke wieder deutlich.

Man ist eben bereit für Neues und sieht in der Digitalisierung keine Gefahr oder ruft gleich nach Datenschutzgrundverordnungen. Digitalisierung heißt Offenheit. Geheimniskrämerei oder Regulierungswut Fehlanzeige. Bestes Beispiel: Der Antrag für den Bau eine Garage. Digital wird der Antrag abgeschickt, am nächsten Tag gibt es auf digitalem Wege die Genehmigung. Dann geht's los. Davon kann man andernorts, vor allem in Deutschland, nur träumen.

Vielleicht ist das nicht der entscheidende, aber doch ein weiterer Grund, warum die glücklichsten Menschen in Finnland leben.

 
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