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Stresstest beim Fahrsicherheitstraining

Wer weiß, welchen Bremsweg sein Auto hat? Die meisten verschätzen sich gründlich. Unsere Kollegin hat auf dem Verkehrsübungsplatz auf dem Wartberg Vollbremsungen mit 100 km/h und Ausweichmanöver auf nasser Strecke getestet und Situationen erprobt, die oft zu Unfällen führen.

Von Michelle Christin List
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Ein kurzer Blick aufs Handy, mit Vollgas in die Kurve heizen oder dem lahmen Sonntagsfahrer absichtlich nah auffahren – dass all das hinterm Steuer keine gute Idee ist, weiß jeder. Daneben gibt es aber auch typische Fehler und Unfallursachen, weil man es schlicht nicht besser weiß. Das soll ein Fahrsicherheitstraining ändern.

Harald Lepple gibt über sein Walkie-Talkie Anweisungen an die Fahrer. Fotos: Dennis Mugler

„Wer weiß, wie viel PS sein Auto hat?“, fragt Harald Lepple, erster Vorsitzender der Kreisverkehrswacht. Alle acht Teilnehmer des Fahrsicherheitstrainings strecken die Hände hoch. „Okay, blöde Frage. Das weiß jeder. „Und wer weiß, welchen Bremsweg sein Auto hat?“ Keine Reaktion. „Wer ist schonmal bei Rot über die Ampel gefahren?“ Alle Hände gehen hoch. Schnell wird klar: Die Gefahrenbremsung ist wichtig. „Und genau das werden wir heute üben“, sagt der 73-jährige Lepple.

Viereinhalb Meter reiner Bremsweg sind es bei 30 Kilometern pro Stunde. Klingt gar nicht nach so viel. Oder doch? „Es gibt ja auch noch die Reaktionszeit", sagt Lepple. Wie viele Meter das bei dieser Geschwindigkeit wohl sind? Die Schätzungen reichen von fünf bis zehn Metern. „Dann sind Sie alle auf einem anderen Stern geboren worden“, so Lepple. „Die optimale Reaktionszeit sind 15 Meter.“ Deshalb sein Appell: immer mit offenen Augen durch den Verkehr fahren. „Man weiß nie, ob nicht ein Kind vors Auto springt. Oder ein neuzeitlicher Fußgänger, der stets sein Smartphone in der Hand hat.“

 

Bei doppelter Geschwindigkeit wird der Bremsweg übrigens nicht doppelt, sondern viermal so lang. Aber genug der Theorie. Die Teilnehmer sollen es selbst erfahren.

Eine Vollbremsung muss man einfach mal gemacht haben

Jeder bekommt ein Walkie-Talkie, dann beginnt die Fahrt zum Verkehrsübungsplatz auf dem Wartberg –der zweitgrößte Verkehrsübungsplatz in Deutschland. Drei Minuten lang geht die Fahrt auf kurvenreichen Straßen inzwischen der Weinberge. Bei der ersten Station angekommen, reihen sich die Autos hintereinander ein. Der erste Fahrer bekommt von Lepple die Anweisung: „Auf hundert Kilometer pro Stunde beschleunigen, Vollgas bis zu mir und dann Vollbremsung.“

Einigen Teilnehmern läuft jetzt schon der Schweiß – und das nicht nur wegen der prallen Sonne: „Ich fühle mich wie kurz vor einer Achterbahnfahrt. Man freut sich darauf, hat aber auch Respekt“, sagt Rolf Thal, bevor er bei seinem BMW 3er Touring aufs Gaspedal drückt. Am Ende der Station sind sich alle einig: Schlimm ist so eine Vollbremsung nicht, man muss sie einfach nur mal gemacht haben.

Bremsen ist beim Autofahren nicht das Einzige, wobei man viel falsch machen kann: „Das ist absoluter Käse. Ihre Arme sind beim Fahren komplett ausgestreckt“, sagt Lepple vor der nächsten Station. Die 26-jährige Ayse Pekdemir ist nicht die einzige, die ihre Sitzposition verändern muss. Zuerst das Lenkrad: „Es muss so eingestellt werden, dass die Arme in einem 90-Grad-Winkel dazu sind, wenn man es komplett durchdrückt.“ Apropos Lenkrad: „Die Kralle gehört nicht nach oben. Eine nach links, eine nach rechts“, betont der Fahrsicherheitstrainer.

Bevor die Fahrt beginnt, geht es um die richtige Position hinterm Steuer.

Vor der Fahrt geht es um die richtige Position hinterm Steuer

Dann geht es um die Beinposition: „Die Bremskraft muss aus dem ganzen Bein kommen. Das geht nicht, wenn es durchgestreckt ist.“ Also nach vorne mit dem Sitz. Die Rückenlehne sollte übrigens in einem 110-Grad-Winkel stehen. Zu guter Letzt noch das Anschnallen: Der Gurt soll nicht am Hals oder zwischen der Brust entlanglaufen. „Das gibt bei einem Unfall fiese Verletzungen.“

„Ich fühle mich jetzt in dieser steifen Sitzposition total verkrampft und habe das Gefühl, dass ich gar nichts mehr kontrollieren kann“ sagt Pekdemir.  „Das ist so ungewohnt. Aber ich versuche, es beizubehalten.“

Bei der nächsten Station – jetzt auf einem großen Platz inmitten von grünen Wiesen – wird es schwieriger: Die Teilnehmer sollen voll beschleunigen. Kurz vor dem Hindernis – es sind nur ein paar Hütchen – schellt Lepples Arm in letzter Sekunde blitzschnell nach links oder nach rechts und zeigt so die Richtung an, in die man ausweichen muss. Dann in die vorgegebene Richtung lenken und: Vollbremsung. „Man hält es kaum aus, so lange die Spur zu halten und fragt sich, wann er endlich die Richtung angibt“, sagt Robert Wening lachend.

Flossen weg vom Smartphone

Dann wird das Ganze zusätzlich erschwert. Kurz vor der Anweisung zum Abbiegen gibt es noch eine weitere Aufgabe. „Linkes Fenster runter“, „Warnblinker an“, „Nach rechts blinken“, ruft Lepple übers Walkie-Talkie. „Es ist kaum möglich, die verschiedenen Ansagen gleichzeitig auf die Reihe zu bekommen“, sagt Rolf Thal.

Während des Trainings lautet Lepples Appell immer wieder: „Flossen weg vom Smartphone!“ Um das Ganze zu verdeutlichen: „Wenn Sie mit 50 Kilometern pro Stunde frontal auf ein Hindernis fahren, das Wievielfache Ihres Körpergewichts wirkt dann auf Sie ein?“ Die Antworten sind ähnlich weit von der richtigen Lösung entfernt wie bei der Frage zum Bremsweg. „Es ist das 40-Fache“, klärt Lepple auf. Und ergänzt: „Spart euch das Rechnen. Es ist auf jeden Fall bei jedem mehr als eine Tonne. Und das ist zu viel.“

Auf glatter Fahrbahn gilt: Erst lenken, dann bremsen.

„Wer bremst, verliert“ - so fasst Lepple die Erfahrungen der Teilnehmer bei der nächsten Station zusammen. Dort wird eine glatte Fahrbahn simuliert: „Will man auf Schnee, Glatteis, oder bei Aqua Planing in eine bestimmte Richtung ausweichen, dann muss man immer zuerst dorthin lenken und erst dann bremsen. Sonst bekommt man keine Kontrolle mehr über das Fahrzeug. Auf griffiger Fahrbahn kann man bremsen und lenken. Auf nasser oder glatter Fahrbahn ist das absolut tabu.“ Laub und Blütenstaub plus Regen seien übrigens genauso schlimm wie Schnee oder Eis, betont Lepple.

Zum Schluss wird mit Hilfe einer sogenannten Dynamikplatte noch ein ausbrechendes Heck simuliert. Wenn das passiert, dann gilt: „Schnell bis zum Anschlag in Richtung des ausbrechenden Hecks gegenlenken.“ Bis das Auto dann wieder unter Kontrolle ist, drehen sich einige Teilnehmer mit laut quietschenden Reifen ein paar Mal wie im Karussell.

Lepple rät jedem zum Sicherheitstraining

Nach dem Training sind sich alle einig: Die Angst vor bestimmte Gefahrensituationen ist weniger geworden. „Gut so. Denn die Angst ist ein verdammt schlechter Beifahrer“, betont Lepple. Deshalb empfiehlt er jedem, der einen Unfall hatte: „Sofort zum Fahrsicherheitstraining kommen.“ Natürlich sollten auch alle anderen Autofahrer solch ein Training besuchen: „Es ist wichtig, zu erfahren, wie sich das Fahrzeug in verschiedenen Situationen verhält und wo es an seine Grenzen stößt. Also bei welcher Geschwindigkeit und auf welchem Fahrbahnbelag man zum Beispiel wie bremsen muss. Nur so kann man im Ernstfall richtig reagieren.“

Die Teilnehmer treffen sich zu einer Manöverkritik. Es gibt noch viel zu tun.

Bisher sei noch niemand bei Lepple im Training gewesen, von dem er sagen würde, dass er gar nicht mehr fahren sollte. Allerdings seien es auch meistens eher jüngere Leute, die zum Fahrsicherheitstraining kommen. „Viele Senioren vermeiden es aus Angst, hierherzukommen. Sie ahnen, dass sie eigentlich nicht mehr gut fahren und befürchten, dass wir diese Info an die Polizei weiterleiten“, erklärt Lepple. „Das würden wir aber niemals tun. Was auf dem Verkehrsübungsplatz passiert, bleibt auf dem Verkehrsübungsplatz.“

 

 

 

 

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