Heilbronn
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Monika Helbing und die zweite Generation der RAF

Die in Flein geborene Monika Helbing macht ihr Abitur am Elly in Heilbronn. 1977 ist sie an der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer beteiligt.

Von Gastbeitrag von Christoph Zänglein, Schulleiter am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium
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Lesezeit 4 Min
RAF
Monika Helbing war an der Schleyer-Entführung 1977 beteiligt.  Foto: dpa

"Monika saß immer ganz hinten im Klassenraum mit ihrer Freundin Sybille. Beide waren interessant, eigenbrötlerisch und hatten eine eher schlechtgelaunte Ausstrahlung. Sie rauchten, was wir anderen nicht regelmäßig taten und waren an ihren Mitschülerinnen nicht besonders interessiert, aber beide gaben sich den Anstrich, sehr intellektuell zu sein", erinnert sich ihre Mitschülerin Annetraut Lutz-Weicken an die Fleinerin Monika Helbing. Als "graue Maus und völlig unscheinbares Wesen", so Dieter Gaa, bis 1998 Lehrkraft am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium Heilbronn, sei Monika Brigitte Freifrau von Senckendorff-Gudent, wie sie seit ihrer Eheschließung mit dem ehemaligen "RAF-Arzt" Ekkehard von Senckendorff-Gudent im Jahr 1981 heißt, bestens geeignet gewesen für ihre konspirativen Tätigkeiten als Mitglied der zweiten Generation der RAF.

An Monika Helbing kann sich auch ihre ehemalige Mitschülerin Dorothea Kiefner noch erinnern. "Ich habe zufällig ihren Namen in meinem Poesiealbum aus der 7. Klasse gefunden, und dann hat sich eine andere Mitschülerin an ein Fahndungsplakat in Zusammenhang mit der Schleyer-Entführung erinnert, auf dem ihr Name stand", sagt sie. Aber unauffällig sei Monika Helbing gewesen, so dass man sie immer leicht übersah. Und beim Ausspähen von Banken und dem Anmieten der Wohnung unter dem Aliasnamen Annerose Lottmann-Bücklers, Modeschneiderin, in der man den entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer später unterbrachte, war diese Eigenschaft der Terroristin, dieses konsequente Nichtauffallen, von großer Wichtigkeit.

Büro besetzt

Nach ihrer Schulzeit (1965-1973) und ihrem Abitur am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium studierte Monika Helbing kurz in Heidelberg, begann dann eine Ausbildung zur Krankenpflegehelferin, die sie aber schon 1974 auch wieder abbrach. Über die "Anti-Folter-Komitees" geriet Helbing in die Sympathisantenszene der RAF. 1974 nahm sie zusammen mit den späteren RAF-Mitgliedern Christian Klar und Knut Folkerts an der Besetzung des Büros von amnesty international in Hamburg teil. 1976 tauchte sie unter.

Als die bundesdeutschen Fahnder in der ersten Hälfte der 1980er etliche führende Mitglieder der RAF verhaften konnten, blieben untergetauchte und jederzeit gewaltbereite Terroristen der Albtraum deutscher Ermittlungsbehörden. In jeder Polizeidienststelle, Post- oder Bankfiliale hingen die rot umrahmten Fahndungsplakate. Nachrichtendienste und Polizei vermuteten die Verschwundenen mal im Jemen, mal in Syrien, mal irgendwo im Nahen Osten. Doch Monika Helbing und ein Dutzend ihrer Gesinnungsgenossinnen und -genossen blieben verschwunden.

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Aufgetaucht in der DDR

Ein halbes Jahr nach der Öffnung der Mauer wurde die deutsche Öffentlichkeit von einer unerwarteten Entwicklung überrascht, als im Sommer 1990 kurz nacheinander zehn der meistgesuchten RAF-Terroristen auf dem Boden der noch bestehenden DDR verhaftet wurden. Unter ihnen: Susanne Albrecht, Silke Maier-Witt, Ekkehard Freiherr von Senckendorff-Gudent und seine Gemahlin Monika, geborene Helbing. Sie alle hatten sich in der DDR unter Schutz und Kontrolle durch die Staatssicherheit für den Fortbestand des realen Sozialismus engagiert, anstatt in palästinensischen Lagen für die Befreiung der Dritten Welt zu trainieren, wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" im Juni 1990 berichtete.

Monika Helbing war seit 1978 steckbrieflich gesucht worden, hatte sich 1980 von der RAF losgesagt und war in die DDR geflohen. In der Stasi-Unterlagen-Behörde findet sich Monika Helbings fiktiver Lebenslauf, in dem sie als "Elke Köhler" ihre Übersiedlung in die DDR erklärt. Nicht am Elly in Heilbronn sei sie gewesen, sondern am Eduard-Mörike-Gymnasium in Stuttgart. Und nach einem Praktikum im Krankenhaus habe sie "die Ausbildung zur Krankenschwester nicht angefangen, weil das Integration in ein Gesundheitswesen bedeutet hätte, dessen oberstes Kriterium nicht die Gesundheit des Menschen, sondern seine Verwertbarkeit fürs Kapital" sei.

Und weil sie ihr "berufliches Ziel, als Krankenschwester zu arbeiten in einem sozialistischen Land" verwirklichen wollte und in einem Land leben wollte, "das auf der Seite der befreiten Länder und Befreiungsbewegungen der 3. Welt gegen den Imperialismus kämpft", habe sie sich entschlossen, "in die DDR zu gehen."

Tarnidentitäten

In seinem Artikel "Das Geheimnis um das Ehepaar Winter" aus dem Jahr 2016 beschreibt der Journalist Stefan Lötsch, wie Monika Helbing und ihr Mann als Horst und Elke Winter zuerst in Eisenhüttenstadt und dann in Frankfurt an der Oder lebten, er als Arzt, sie als Krankenschwester. 1981 hatten beide geheiratet, zwei Stasi-Agenten waren Trauzeugen. Von Nachbarn und Mitarbeitern stets scheu beäugt, äußerten sich beide ausweichend und sehr allgemein, wenn es um Gründe für die Übersiedlung aus dem Westen in den Osten ging. Ingeborg Sommerkorn, die in der DDR als Fürsorgerin arbeitete, erinnert sich an die Worte ihrer ehemaligen Praktikantin: "Ach wisst ihr, im Westen ist auch nicht alles gut."

Monika Helbing und ihr Ehemann wurden im Juni 1990 in der sich auflösenden DDR verhaften. Der Arzt, den es noch heute schwer belastet, dass er in den RAF-Terror hineingeriet, kam nach 40 Tagen Untersuchungshaft wieder frei, seine Ehefrau Monika wurde 1992 wegen ihrer Beteiligung an der Schleyer-Entführung unter Anwendung der Kronzeugenregelung vom OLG Stuttgart zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Bekannte Gesichter im Gerichtssaal

An den Prozess erinnert sich auch Dieter Gaa. "Mein Freund und Kollege Rolf Uhlmann, der Helbing unterrichtet hatte, und ich haben die Verhandlung gegen sie in Stuttgart-Stammheim einen Prozesstag lang besucht. Sie hat uns auch erkannt und uns sogar zugelächelt", sagt er. "Und sie hatte sich ja schon viele Jahre zuvor von ihrer Vergangenheit und der RAF distanziert." Helbing hatte unter anderem ausgesagt, dass der Selbstmord der in Stammheim inhaftierten Terroristen 1977 von vornherein für den Fall eingeplant war, dass ihre Befreiung scheitern würde (RAF-interne Bezeichnung "Suicide Action"). Die Geschichte vom "Mord an den Gefangenen" war laut Helbing eine "Lüge".

Bereits 1995 wurde sie auf Bewährung entlassen und sagte als Zeugin in diversen RAF-Strafprozessen aus, darunter 1995 am OLG Stuttgart zur Beteiligung von Sieglinde Hofmann an der Schleyer-Ermordung und 1997 am OLG Frankfurt am Main zur Beteiligung von Monika Haas an der Entführung des Flugzeugs "Landshut". Heute lebt Monika von Senckendorff-Gudent in Frankfurt an der Oder.

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