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Krebsvorsorge: Warum es an den SLK-Kliniken eine neue Sprechstunde für Frauen gibt

Die Nachfrage nach speziellen Untersuchungen zur Erkennung von Gebärmutterhalskrebs ist stark gestiegen. Häufig werden Krebsvorstufen diagnostiziert. Warum das so ist, erklärt Prof. Amelie de Gregorio im Interview.

Katharina Müller
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Lesezeit 4 Min
Krebsvorsorge: Warum es an den SLK-Kliniken eine neue Sprechstunde für Frauen gibt
Bei einer Kolposkopie wird mit einem Vergrößerungsglas der Muttermund untersucht.  Foto: Peakstock/stock.adobe.com

Die SLK-Kliniken in Heilbronn haben ein neues Angebot: eine Dysplasie-Sprechstunde, bei der durch eine spezielle Untersuchung mögliche Zellveränderungen, die zu Gebärmutterhalskrebs führen können, identifiziert werden. Initiiert hat dieses Angebot Professor Amelie de Gregorio, die seit Oktober in der Frauenklinik arbeitet. Sie leitete zuvor das Dysplasie-Zentrum an der Uniklinik Ulm. Warum plötzlich sehr viele Patientinnen einen Termin in der neuen Sprechstunde brauchen, erklärt sie im Interview.

 

Frau de Gregorio, warum war es Ihnen wichtig, dass die Frauenklinik eine Dysplasie-Sprechstunde ins Leben ruft?

Amelie de Gregorio: Bislang gab es an der Heilbronner Frauenklinik keine ausgewiesene Dysplasie-Spezialsprechstunde. Mir ist es wichtig, diese Versorgungslücke zu schließen. Es geht auch darum, unnötige Operationen zu vermeiden. Früher wurden Frauen häufig nach einem auffälligen Gebärmutterhalskrebs-Abstrich automatisch operiert. Häufig kam dabei aber gar nichts oder nur eine leicht- bis mäßiggradige Zellveränderung raus, oder man stellte sogar fest, dass das Problem eher in der Scheide saß und nicht am Muttermund. Die Erkenntnis in der Fachwelt war: Wir müssen das vor einer OP genau von Spezialisten anschauen lassen. Ein weiterer Grund, die Sprechstunde anzubieten, ist eine Neuerung in der Vorsorge, die zu einer deutlich gesteigerten Nachfrage geführt hat.

 

Was hat sich geändert?

de Gregorio: Die Vorsorge in Deutschland für Gebärmutterhalskrebs basierte bis vor zwei Jahren im Wesentlichen auf einem zytologischen Abstrich, dem PAP-Abstrich. Wurden dabei Veränderungen entdeckt, kamen die Patientinnen teils auch früher schon in die Frauenklinik oder in andere Krankenhäuser für eine Kolposkopie. Neu ist jetzt, dass bei Frauen über 35 Jahren ein HPV-Test Teil der Vorsorge ist. Wer länger als ein Jahr HPV-positiv ist, bekommt trotz völlig unauffälligem PAP-Abstrich einen Termin in der Dysplasie-Sprechstunde.

 

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Was wird bei einer Kolposkopie gemacht?

de Gregorio: Die Kolposkopie ist wie eine gynäkologische Untersuchung beim Frauenarzt. Sie ist schmerzlos, dauert allerdings etwas länger. Dabei wird mit einem Vergrößerungsglas, dem sogenannten Kolposkop der Muttermund in deutlicher Vergrößerung betrachtet. Im Anschluss wird Essig und in einem weiteren Schritt Jod aufgetupft. Damit können sich Zellveränderungen anfärben. Wenn das der Fall ist, werden häufig kleine Gewebeproben entnommen und innerhalb weniger Tage untersucht.

 

Ist die Zahl der Patientinnen hoch, die nach der erweiterten Krebsvorsorge überwiesen werden?

de Gregorio: Ja, es gibt plötzlich unheimlich viele Frauen, die ihr Leben lang unauffällige Krebsvorsorge-Abstriche hatten, jetzt aber wiederholt HPV-positiv getestet wurden. Das bedeutete anfangs ein großes Kapazitätsproblem. Die Frauen haben teils neun bis zwölf Monate auf einen Termin gewartet. In vielen Regionen in Deutschland ist das heute noch so, aber auch hier in Heilbronn beobachten wir, dass die Frauen weite Anreise-Wege haben. Dysplasie-Sprechstunden gibt es nicht wie Sand am Meer.

 

Wie lang muss man bei Ihnen auf einen Termin warten?

de Gregorio: Bei uns sind Wartezeiten kurz. Wir machen aber Unterschiede je nach Dringlichkeit der Fälle. Bei unauffälligem PAP-Abstrich, aber nachgewiesener HPV-Infektion findet die Untersuchung innerhalb der empfohlenen drei Monate statt. Bei hochgradig auffälligem Abstrich bekommt man innerhalb einer bis maximal zwei Wochen einen Termin.

 

Wie viele Frauen sind betroffen?

de Gregorio: Die Zahlen haben sich massiv gesteigert, was das Patientenaufkommen in den Dysplasie-Sprechstunden allgemein und auch die Entdeckung von Krebsvorstufen betrifft. Wir gehen aber davon aus, dass wir in den ersten Jahren nach der veränderten Vorsorge viele Patientinnen mit bisher unerkannten Krebsvorstufen herausfiltern und es später weniger sein werden. Es ist in unserem Heilbronner Patientenkollektiv so, dass derzeit zehn bis 15 Prozent aller Frauen, die einen unauffälligen PAP-Abstrich haben, aber HPV-positiv sind, höhergradige Zellveränderungen bis Krebsvorstufen haben.

 

Das klingt viel.

de Gregorio: Das sind beeindruckende Zahlen, die die Umstellung der Krebsvorsorge definitiv rechtfertigen. Auch wenn gleichzeitig für die Mehrheit der Patientinnen eine unnötige Belastung entsteht. Entwarnung kann man aber erst im Nachhinein geben. Bei uns kommen zirka 40 Patientinnen die Woche.

 

Könnten die Zahlen auch ein Corona-Effekt sein, weil viele Frauen nicht bei der Vorsorge waren?

Krebsvorsorge: Warum es an den SLK-Kliniken eine neue Sprechstunde für Frauen gibt
Amelie de Gregorio.  Foto: privat/SLK-Kliniken

de Gregorio: Da ich erst kurz in Heilbronn bin, kann ich das nicht individuell beurteilen. Viele Patientinnen sagen mir aber, dass sie zwar regelmäßig zur Vorsorge gehen, aber in Corona ein bis zwei Jahre Pause gemacht haben. Trotzdem denke ich nicht, dass sich in absehbarer Zeit etwas am hohen Patientenaufkommen ändert.

 

Wenn man zu Ihnen überwiesen wird, muss man befürchten, ernsthaft krank zu sein?

de Gregorio: Ein auffälliger Abstrich ist nicht gleich der Weltuntergang. Man muss immer klar betonen, dass für die meisten Frauen die Kolposkopie eine reine Vorsichtsmaßnahme ist. Es geht vor allem darum, eventuelle Krebsvorstufen zu finden beziehungsweise zu bestimmen, wie ausgeprägt sie sind. Dann kann man entscheiden, ob man abwarten kann oder nicht. Aber auch hier gilt: Nicht aus jeder Krebsvorstufe wird Krebs. Nur extrem selten kommt bei der Untersuchung Gebärmutterhalskrebs heraus. Entscheidend ist, die Krebsvorsorge wahrzunehmen.

 

Wenn der HPV-Test zusätzliches Risiko aufdeckt, sollten ihn dann auch jüngere Frauen machen - zur Not auf eigene Kosten?

de Gregorio: Nein, es gibt sehr gute Gründe, warum das routinemäßig erst ab 35 Jahren Teil der Vorsorge ist. Jüngere Frauen werden nur in speziellen Situation auf HPV getestet, zum Beispiel wenn der PAP-Abstrich eine unklare Auffälligkeit aufwies. Vorsorglich sollte man sich nicht in jungen Jahren testen lassen. Bloß nicht. Es ist so: Über 90 Prozent aller sexuell aktiven Menschen stecken sich in ihrem Leben mit HPV an, in der Regel zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. In der Mehrzahl der Fälle heilt die Infektion folgenlos aus. Ich möchte nur wissen, ob eine Frau HPV-positiv ist, wenn sie es über längere Zeit ist oder wenn Zellveränderungen vorliegen.

 


Begriffserklärungen

Dysplasie: Als Dysplasie werden Zellveränderungen bezeichnet, die von leichtgradigen Veränderungen bis hin zu Krebsvorstufe reichen können und sich im Bereich der Gynäkologie am Muttermund, an der Scheide und an den Schamlippen befinden. Häufig verschwinden vor allem leicht- und mittelgradige Zellveränderungen ganz von allein. Durchschnittlich dauert es Jahre oder teils Jahrzehnte, bis es zum Beispiel nach einer Humane-Papilloma-Viren-(HPV-)Infektion über das Entstehen von Zellveränderungen bis hin zur Bildung von Gebärmutterhalskrebs kommt.

PAP-Abstrich: Hier entnimmt der Frauenarzt im Rahmen der Vorsorge mit einem Wattetupfer oder einem Bürstchen Zellen vom Muttermund. Diese werden auf einem Objektträger aufgetragen und mikroskopisch untersucht. 

 
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