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Nach Ausbruch aus dem Weinsberger Maßregelvollzug: Keine Spur von Männern auf der Flucht

Die Polizei fahndet weiterhin nach drei der vier aus dem Maßregelvollzug in Weinsberg geflüchteten Männer. Eine Option ist, dass sie sich ins Ausland abgesetzt haben.

von Heike Kinkopf und dpa
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Der Maßregelvollzug in Weinsberg
Der Maßregelvollzug in Weinsberg. Foto: Heike Kinkopf  Foto: Heike Kinkopf

Nach dem spektakulären Ausbruch aus dem Weinsberger Klinikum am Weissenhof fehlt von den drei noch flüchtigen Männern jede Spur. Die Polizei fahnde weiterhin nach ihnen, teilt Carsten Diemer, Sprecher des Heilbronner Präsidiums, mit. Vor knapp zwei Wochen war vier Männern aus der geschlossenen Abteilung des Maßregelvollzugs die Flucht gelungen. Einen der vier nahm die Polizei einen Tag später fest.

Polizei hat keine Hinweise auf Gefahr für Bevölkerung

Bürger äußern sich besorgt wegen der geflüchteten Straftäter, die unter anderem wegen Körperverletzung, Erpressung oder Raub in den Maßregelvollzug gekommen waren. Alle vier sollen ein Suchtproblem haben. In Weinsberg sollten sie eine Therapie absolvieren. Diese stand bei dreien von ihnen wegen Aussichtslosigkeit vor dem Abbruch. Es drohte der Wechsel in eine Justizvollzugsanstalt.

Laut Polizei gibt es keine konkreten Hinweise auf eine aktuelle Gefahrenlage für die Bevölkerung oder einzelne Personen. Nach polizeilicher Erfahrung sei davon auszugehen, dass die Absicht der Geflohenen - auch bedingt durch die öffentliche Fahndung - sei, sich unerkannt verborgen zu halten. Dass sich die Männer ins Ausland abgesetzt haben, ist eine Möglichkeit. Dies werde bei der Fahndung berücksichtigt.

Ob die Männer bei der Flucht Helfer hatten oder haben, dazu macht die Polizei aus ermittlungs- und einsatztaktischen Gründen keine Angaben. Unbekannt ist außerdem, welche Aussagen der wieder gefasste Mann machte.

 

Auch in Wiesloch gelang einem Mann die Flucht

Der Paragraf 64, der die Unterbringung von Straftätern im Maßregelvollzug ermöglicht, steht seit Längerem in der Kritik. Fachleute sagen, er werde zum Verkürzen von Haftstrafen missbraucht, indem Straftäter mit Suchtproblematik zunächst therapiert werden. Politiker bemängeln zudem die Sicherheitsvorkehrungen im Maßregelvollzug. Am Montag (4. Oktober) war ein 42-jähriger Mann aus der forensischen Klinik im Psychiatrischen Zentrum Nordbaden in Wiesloch geflohen. Er wurde noch am selben Tag gefasst.

 

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SPD-Fraktion will Untersuchung in Psychiatrien nach Ausbruch

Nach dem Ausbruch von vier Männern aus dem geschlossenen Teil einer Psychiatrie vor knapp zwei Wochen verlangt die SPD-Fraktion, die landesweit fünf Maßregelvollzugsanstalten zu überprüfen. „Die vier Ausbrecher haben ihre Flucht mutmaßlich mit einem Mobiltelefon geplant und das Gebäude über ein nicht vergittertes Flurfenster verlassen“, sagte Strafvollzugsexperte Jonas Weber in Stuttgart.

Besorgniserregend sei, dass Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) keinen Überblick über die Sicherheitsdefizite der Einrichtungen habe. „Daher ist eine landesweite Untersuchung nötig, um Sicherheitsrisiken in allen fünf Standorten auszuschließen und weitere Bedrohungslagen für die Bevölkerung zu vermeiden“, sagte Weber.

Die vier Männer waren in einem unbeobachteten Moment am Mittwochabend der vorvergangenen Woche aus dem Klinikum am Weissenhof in Weinsberg geflohen. Einer von ihnen wurde einen Tag später festgenommen. Die anderen drei - 24, 28 und 36 Jahre alt - sind noch auf der Flucht. 

Zur Flucht nutzten die Männer einen schweren Beistelltisch mit Metallplatte. Damit drückten sie die Panzerglasscheibe des Flurfensters nach außen aus dem Rahmen. Danach seilten sie sich an aneinander geknoteten Leintüchern ab. Videoaufzeichnungen belegen, dass sich das innerhalb von weniger als 30 Sekunden abgespielt hat. Bei den Männern stand der Abbruch der Therapie bevor. Dies bedeutet, dass sie ins Gefängnis zurückgeschickt worden wären.

In Weinsberg hat es laut Ministerium seit 2005 keinen Ausbruch mehr aus dem gesicherten Bereich gegeben. Seit 2017 seien die Plätze des Maßregelvollzugs in den Zentren für Psychiatrie (ZfP) um rund 20 Prozent erhöht worden, von 1049 auf 1273 Plätze.

Es dürfe nicht sein, dass etwa 20 Prozent mehr Patienten im Maßregelvollzug mit derselben Personalstärke und mit derselben Technik wie vor der Überbelegung bewacht würden, sagte SPD-Gesundheitsexperte Florian Wahl. Außerdem müsse man sich mehr auf die Therapieabbrecher konzentrieren. „Hier ist eine Nachjustierung unbedingt nötigt. Das ist eine der Lehren von Weinsberg. Alle vier Ausbrecher standen vor dem Abbruch der Therapie und damit vor einer unmittelbaren Überstellung in den Strafvollzug.“

In den Maßregelvollzug kommen psychisch kranke und suchtkranke Menschen. Bei den Suchtkranken wird nach Auskunft des Sozialministeriums seit Jahren eine Veränderung der Patientenklientel beobachtet. „Den Einrichtungen werden, so klagen Praktiker aus der Forensik, in nicht unerheblichem Umfang Patienten zugewiesen, bei denen keine eindeutige Abhängigkeitserkrankung vorliegt, sondern eher ein missbräuchlicher Drogenkonsum als Teil des delinquenten Lebenswandels.“ An einer Reform des Paragrafen 64 StGB (Unterbringung in einer Entziehungsanstalt) werde gearbeitet. Die Arbeit der Bund-Länderarbeitsgruppe stehe kurz vor dem Abschluss.

Unterdessen gab es am Montag einen weiteren Ausbruch aus der forensischen Klinik im Psychiatrischen Zentrum Nordbaden in Wiesloch. Der 42-Jährige wurde am selben Tag noch gefasst. Wahl verlangte von Lucha auch über diesen Ausbruch Auskunft.

 

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