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Gibt es in Baden-Württemberg Lösungen für den Lehrermangel?

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Diskussionsrunde mit Schulleiter und Vertreter des Kultusministerium Baden-Württemberg in Heilbronn: Ist der Beruf als Lehrer einfach zu unattraktiv und die Schulen im Land veraltet?

von Julian Ruf
Stimme-Autor und Moderator Simon Gajer im Gespräch mit Schulleiter Micha Pallesche und Staatssekretär Volker Schebesta (von links).
Stimme-Autor und Moderator Simon Gajer im Gespräch mit Schulleiter Micha Pallesche und Staatssekretär Volker Schebesta (von links).  Foto: Häffner, Jürgen

"Wer im Publikum ist Lehrer", möchte Stimme-Autor Simon Gajer vom Publikum wissen. Die meisten Hände gehen nach oben. "Und wer kennt Schulen, an denen der Unterricht aufgrund von Lehrermangel ausfällt?" Wieder gehen fast alle Hände nach oben.

Im Rahmen der neuesten Ausgabe der Diskussionsreihe "Bildung auf den Punkt" der Heilbronner Stimme und der Akademie für Innovative Bildung und Management Heilbronn-Franken hatte Moderator Gajer am Donnerstagabend im Forum des Heilbronner Bildungscampus den Staatssekretär des Kultusministeriums Baden-Württemberg, Volker Schebesta, zu Gast sowie den Rektor der Ernst-Reuter-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe, Micha Pallesche.

Bei der Diskussion des Dreiergespanns ging es vor allem um die Unterrichtsversorgung in Baden-Württemberg und die Frage, warum der Nachwuchs im Lehrerberuf fehlt.

Der Schulstandort kann entscheidend sein

Gleich zu Beginn der Diskussion gesteht Pallesche, der bereits einen Preis für vorbildliche Schulleitung bekommen hat und dessen Schule eine hohe Unterrichtsversorgung vorweisen könne, dass vieles vom Schulstandort abhänge. "Unsere Schule liegt im Karlsruher Stadtkreis", so Pallesche. Dort sei es um einiges einfacher, Lehrer anzuwerben, da die Lage bei angehenden Lehrern begehrter sei als Schulstandorte im ländlichen Raum.

Doch auch beispielsweise in Stuttgart gebe es inzwischen massive Probleme mit Unterrichtsentfall aufgrund des Lehrermangels, wirft Schebesta ein. "In der Landeshauptstadt sind die Lebenshaltungskosten mittlerweile so hoch, dass dort viele junge Lehrer auch nicht mehr hin möchten", resümiert der Staatssekretär. In der Region Heilbronn sei die Lehrerversorgung aber noch vergleichsweise gut. Für Baden-Württemberg gelte: Man müsse erstmal nicht über mehr Geld für neue Lehrerstellen diskutieren, da man "die bereits im Haushalt vorhandenen Lehrerstellen" nicht besetzt bekomme. Experten schätzen, dass es auch noch in 20 Jahren einen Lehrermangel geben soll.

Staatssekretär Schebesta sieht die Situation nicht so drastisch. "Unsere Berechnungen zeigen, dass der große Berg der Pensionsabgänge aus den einstellungsreichen Jahrgängen schon erreicht ist", erklärt Schebesta. Damit würde sich der Lehrermangel nicht so lang hinziehen wie oft geschätzt. Dennoch sei es schwer, Aussagen über die Zukunft zu treffen, da beispielsweise Migrationsbewegungen und Flüchtlinge aus der Ukraine unerwartet zu einer Mehrbelastung der Schulen geführt haben.

Studienplätze bereiten Probleme

Es könne nicht sein, dass viele junge Menschen Lehrer und Lehrerinnen werden möchten, aber dann keinen Studienplatz bekämen, meint eine Frau aus dem Publikum. Auch hier beschwichtigt Schebesta. Man habe schon viel getan, um die Studiensituation zu verbessern. Doch es dauere, bis die ersten Ergebnisse spürbar werden.

Fehler bei der Werbekampagne des Kultusministerium aus dem vergangenen Sommer verneint Schebesta. Damals sollten mit großen Plakaten, die unter anderem am Stuttgarter Flughafen hingen, Quereinsteiger vom Beruf als Lehrer in Baden-Württemberg überzeugt werden. Es habe viele Webseiten-Besucher gegeben und mehr als 700 Bewerber. In den Jahren zuvor seien es in der Regel nur um die 200 gewesen. Doch wie viele dieser Bewerber steigen nun als Lehrer ein? Es habe sich vor allem um Bewerbungen als Krankheitsvertreter gehandelt. Eine Zahl bleibt Schebesta den Zuhörern schuldig.

Die Konkurrenz kommt aus der Wirtschaft

Viele Quereinsteiger und nicht verbeamtete Lehrer würden den Job bald wieder hinschmeißen, da sie in den Sommerferien vorrübergehend gekündigt werden und selbst für ihre Krankenversicherung aufkommen müssten, echauffiert sich ein weiterer Zuhörer. Für die Bezahlung in den kommenden Sommerferien seien im aktuellen Haushalt Mittel vorgesehen, entgegnet Schebesta.

"Man muss sich im Klaren darüber sein, dass wir vor allem in den MINT-Fächern mit der Wirtschaft konkurrieren", sagt Pallesche. Die Wandlung hin zu einem Arbeitsmarkt, der zunehmend von den Arbeitnehmern bestimmt wird, mache auch vor den Schulen keinen Halt. Einer der Hauptgründe, warum es Lehrermangel gebe, sei aber eine fehlende Annerkennung in der deutschen Gesellschaft. Ein zustimmendes Nicken geht durch den Saal. "Wir müssen jungen Menschen und der Generation Y mehr Flexibilität im Lehrerberuf und neue Unterrichtsformen bieten." Wünsche nach mehr Selbstverwirklichung der jungen Menschen müssten beachtet werden.

In Skandinavien läuft einiges besser

Der Diskussionsabend lässt seine Zuhörer nicht ohne konkrete Verbesserungsvorschläge nach Hause gehen: Vor allem an den skandinavischen Ländern solle man sich in Deutschland ein Vorbild nehmen. Dort sei es üblich, dass es Psychologen, Krankenschwestern und Informatiker an den Schulen gebe. In Deutschland müsse hingegen meist die ganze Last von den Pädagogen allein getragen werden, selbst die Systemadministration von Hunderten Computern.

Auch die Aufteilung, dass das Land Lehrer stellt und Kommunen als Schulträger die Einrichtungen unterhalten, müsse aufgearbeitet werden. Das sei einer der Gründe für die Missstände in den Schulgebäuden und die mangelnde Attraktivität des Lehramtes. "Es müssen Kräfte von außerhalb der staatlichen Pädagogik kommen", sagt Pallesche.

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