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Empörung wegen Kürzung der Impfstoff-Lieferungen

Der Andrang Impfwilliger ist enorm. Doch weil die Liefermengen der Vakzine von Biontech und Moderna reduziert werden, fürchtet der Heilbronner Ärztesprecher Martin Uellner um das Impfbus-Angebot.

Valerie Blass
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Empörung wegen Kürzung der Impfstoff-Lieferungen
Die Nachfrage nach Impfungen, hier die Aktion des Heilbronner Impfbusses am 20. November, ist in den vergangenen Wochen stark gestiegen. Foto: Archiv/Mario Berger  Foto: Berger, Mario

Etwa 1000 Impfdosen wurden am Samstag in Heilbronn verimpft - und zwar allein im Rahmen der beiden städtischen Angebote, dem Impfbus und dem Impfpunkt in der Kaiserstraße. Für die kommenden Wochen sind die Prognosen von Ärztesprecher Martin Uellner jedoch düster. Er fürchtet ab dieser Woche eine Unterversorgung mit Impfstoff - und zwar vor allem mit dem Vakzin von Biontech/Pfizer. Die Reduzierung der Liefermengen könnte sogar dazu führen, dass das Impfbus-Angebot in seiner derzeitigen Form nicht aufrechterhalten werden kann, sagt er.

 

1020 Dosen waren bestellt, 150 kommen an

1020 Dosen habe er für diese Woche für den Bus bestellt, so Uellner, bekommen werde er 150 Dosen. Ein Riesenproblem, denn viele Menschen sind aktuell mit der zweiten Impfstoffdosis dran - und die muss ebenfalls von Biontech stammen, wenn die erste Dosis von Biontech war. Für die Zweitimpfung ist - im Gegensatz zur Auffrischimpfung - kein Impfstoff-Wechsel vorgesehen.

Wie viele Dosen Moderna - vor allem für Boosterimpfungen - zugeteilt werden, könne er nicht überblicken, sagt Uellner. Auch für diesen Hersteller seien Kürzungen angekündigt. Das baden-württembergische Gesundheitsministerium hatte am Freitag gemeldet, dass nach dem Impfstoff von Biontech auch der von Moderna vom Bund rationiert worden sei oder nicht mehr bestellt werden könne: "Wir können nicht einerseits die Impfoffensive hochfahren und gleichzeitig wird der Impfstoff rationiert", hieß es von dort.

 

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Die Nachfrage sei völlig unterschätzt worden, meint Uellner

"Es wurde offenbar völlig unterschätzt, dass viele Leute durch 2G und die ganzen Appelle jetzt bereit sind, sich impfen zu lassen", sagt Uellner. Er schätzt, dass bis Weihnachten allein am Heilbronner Impfbus rund 30 000 Dosen verimpft werden könnten - wenn sie denn vorhanden wären. Fakt sei jedoch: "Es reicht hinten und vorne nicht." Auch die Dosen, die den Mobilen Impfteams der SLK-Kliniken zugeteilt würden, seien lächerlich gering - angesichts der Nachfrage.

Uellner, der seit vielen Wochen zusätzlich zur regulären Patientenversorgung in seiner eigenen Praxis Schichten im Impfbus übernimmt, spricht von "desatrösen" Zuständen. "Es ist mir völlig unverständlich, wie man so planen und kommunizieren kann." Genau wie im Frühjahr sei viel zu wenig Impfstoff da - und die Mitarbeiter an den Impfstationen müssten es ausbaden, denn nicht wenige Impfwillige, die leer ausgingen, machten ihrem Frust vor Ort lautstark Luft.

Das Land benötigt bis Jahresende 3,5 Millionen Dosen mRNA-Impfstoffe

Er zweifelt zudem an der effektiven Verteilung des Impfstoffs. "Ich habe den Eindruck, dass das fehlgesteuert ist. Dort, wo richtig viel verimpft wird, kommt nicht genügend an." Es entbehre für ihn jeglicher Logik, wenn wieder Impfzentren geöffnet und zusätzliche Mobile Impfteams bereitgestellt würden, aber der benötigte Impfstoff fehle. Die Planung gehe "völlig an der Realität vorbei". Derzeit bekommt eine Arztpraxis nach Auskunft des Gesundheitsministeriums 30 Dosen Biontech pro Woche, Impfstützpunkte können 1020 Dosen pro Woche bestellen. Die Impfoffensive des Landes laufe auf Hochtouren. "Und wir haben nicht so viel Impfstoff, wie wir gerne verimpfen würden, um der großen Nachfrage zu begegnen. Bis Jahresende brauchen wir mindestens 3,5 Millionen Dosen mRNA-Impfstoffe, um die Menschen in Baden-Württemberg ausreichend versorgen zu können", so ein Ministeriumssprecher.

Debatte über Befristung von Impf-Zertifikaten

Unterdessen brachte der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, eine Befristung des Impfstatus ins Gespräch. "Jede Impfung muss ein Verfallsdatum bekommen", sagte der Mediziner den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Dazu müsse jetzt geklärt werden, wie lange der Impfschutz jeweils halte und wann dieses Verfallsdatum angesetzt werden müsse. Im Nachbarland Frankreich sollen Booster-Impfungen in Zukunft verpflichtend sein, um den Status "geimpft" zu behalten. Die EU-Kommission hatte Ende der Woche ebenfalls eine Auffrischungsimpfung gegen Corona als Voraussetzung für die weitere Gültigkeit des digitalen Covid-Zertifikats der EU vorgeschlagen.

Auch die Debatte über eine allgemeine Impfpflicht nimmt weiter an Fahrt auf. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler sagte, wenn man es nicht schaffe, einen großen Teil der Bevölkerung zu impfen, sei dies "auf jeden Fall eine Option", über die man dann nachdenken sollte. "Man sollte in einer Krisensituation einfach nichts prinzipiell ausschließen."


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