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Dienst an der Waffe wird unpopulärer

Der Ukraine-Krieg beschäftigt junge Menschen in der Region. Verändert sich dadurch ihre Einstellung zur Bundeswehr?

Heike Kinkopf
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Lesezeit 2 Min
Dienst an der Waffe wird unpopulärer
Im Gleichschritt: Soldaten der Bundeswehr laufen über den Appellplatz. Foto: dpa  Foto: Sina Schuldt

Kurz nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs erfährt die Bundeswehr kurzfristig einen Aufschwung. Mehr junge Menschen können sich vorstellen, Wehrdienst zu leisten oder Soldat zu werden. Das gestiegene Interesse ist fünf Monate nach dem Angriff Russlands verebbt.

Ukraine-Krieg macht jüngeren Schülern Angst

"Krieg und Frieden wird schon diskutiert." Die Erfahrung macht Manuel Lorenz (41), Pädagogischer Leiter des Jugendhauses Epizentrum in Brackenheim. Es sei das erste Mal, dass junge Menschen mit einem Krieg in Europa konfrontiert seien. "Sie müssen die Nachrichten erst einmal einordnen. Was bedeutet das? Wie wahrscheinlich ist es, dass es hier Krieg gibt? Was heißt das für die wirtschaftliche Situation?" Lorenz hat außerdem eine Zehn-Prozent-Stelle an der Theodor-Heuss-Schule. Kinder aus den fünften bis siebten Klassen sagten klipp und klar, dass sie wegen des Kriegs in der Ukraine Angst haben.

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Mehr Interesse an einem Freiwilligen Sozialen Jahr

Ja zur Bundeswehr? Das scheint dennoch kein Thema für junge Menschen zu sein. "Ich habe vielmehr dieses Jahr ein gestiegenes Interesse an einem Freiwilligen Sozialen Jahr bemerkt", sagt Sascha Vater (33), Leiter des Weinsberger Jugendhauses. Ihn hätten viel mehr junge Leute als sonst danach gefragt. Die habe er an andere Stellen weitervermittelt. Der Ukraine-Krieg sei nur zu Beginn unter seinen Jugendhausbesuchern Thema gewesen.

Bundeswehr registriert weniger Bewerber

Deutschland liefert Waffen. Der Bund beschließt ein 100-Milliarden-Paket, um die Bundeswehr leistungsstärker zu machen. Wer die Debatten mitverfolgt, gewinnt den Eindruck: Der Pazifismus als Haltung hat ausgedient. Die Bundeswehr stellt allerdings nicht fest, dass Krieg und gesellschaftlichen Diskussionen ihr Zulauf bescheren.

"Die tatsächlichen Bewerberzahlen für den militärischen Dienst in der Bundeswehr sind seit Anfang 2022 sogar rückläufig", sagt eine Sprecherin der Bundeswehr in Köln. Unmittelbar nach Ausbruch des Krieges sei kurzfristig eine erhöhte Zahl an Interessentinnen und Interessenten zu verzeichnen gewesen. Sie nahmen online über die Website der Bundeswehr Kontakt auf oder riefen über die Karriere-Hotline an. Dementsprechend erhöhte sich die Zahl der Erstberatungen. "Beide Tendenzen haben sich inzwischen allerdings wieder normalisiert."

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Themen gewinnen bei jungen Menschen an Bedeutung

Außenpolitik und Verteidigung haben bei jungen Deutschen dennoch deutlich an Bedeutung gewonnen. Zu dem Schluss kommt die jüngste Jugendstudie der Tui-Stiftung. Vor einem Jahr hielten nur sechs Prozent der Befragten das Thema für wichtig. 2022 sind es mit 24 Prozent deutlich mehr. 56 Prozent der jungen Deutschen unterstützen Waffenlieferungen und 42 Prozent sind dafür, dass die Bundeswehr in Krisen und Konflikten eingreift.

"In unseren Daten aus dem Jahr 2022 sehen wir einen klaren Zusammenhang zwischen der Zustimmung zur Dienstpflicht und der Bedrohung durch den Ukraine-Krieg", sagt Marcus Spittler vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), der an der Studie mitwirkte. Es sei davon auszugehen, dass die Bejahung einer Dienstpflicht zunimmt, je länger der Ukraine-Krieg dauert. Noch sind die Befürworter aber in der Minderheit. In diesem Jahr seien junge Erwachsene im Alter von 16 bis 26 Jahren in Europa zu einer "allgemeinen Dienstpflicht" entweder beim Militär oder für eine gemeinnützigen Tätigkeit befragt worden, erklärt Spittler. Die Mehrheit der jungen Menschen in Deutschland, aber auch in den meisten Ländern Europas, lehnt sie ab. Vor knapp 15 Jahren dagegen hätten noch viel mehr Menschen hinter einer Wehrpflicht gestanden.

Was die Jugendstudie herausfindet

Unter dem Titel "Klima, Krieg, Corona: Wie junge Europäer über die Weltkrisen denken" ist vor wenigen Wochen die Jugendstudie der Tui-Stiftung erschienen. Sie bescheinigt jungen Menschen einen pragmatischen Umgang mit Problemen und Herausforderungen. Der Studie zufolge nehmen mehr als 60 Prozent der 6000 Befragten in Europa den Ukraine-Krieg als eine Zeitenwende wahr. Um Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen zu stoppen, finden höhere Kosten für Lebensmittel oder Energie weniger Zustimmung als Waffenlieferungen oder Wirtschaftssanktionen.

 

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