Brackenheim
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Chiron Brackenheim: Enkelin des Gründers blickt auf Firmenhistorie und Familiengeschichte zurück

Von 1929 bis 1950 wurden im Chiron-Zweitwerk in Brackenheim Flugzeugteile gebaut. Bei einem Vortrag im Bürgersaal geht die Enkelin des Gründers Gottfried Schnell, Dr. Ursula Hatzelmann-Kick, auf die wechselhafte Historie der Firma ein - und lernt die Facetten ihres Großvater kennen.

Linda Möllers
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Lesezeit 2 Min
Zeitreise in die eigene Familiengeschichte
Ihre langjährigen Recherchen zu der wechselhaften Gründungs- und Firmengeschichte der Chiron-Werke mit Sitz in Tuttlingen führte Dr. Ursula Hatzelmann-Kick, Enkelin von Gottfried Schnell, bis in die Freimaurer-Logen. Foto: Andreas Veigel  Foto: Veigel, Andreas

Es begann im Juli 2000 mit einer Bitte: Ein Jahr vor dem 80-jährigen Bestehen der Chiron-Group fragte der Vorstand bei Dr. Ursula Hatzelmann-Kick an, ob sie an der Festschrift des Tuttlinger Unternehmens mitarbeiten würde. Natürlich sagte die Sigmaringer Wirtschaftswissenschaftlerin zu, schließlich hatte ihr Großvater, Gottfried Schnell, die Firma am 18. Juni 1921 gegründet. Der einstige Hersteller chirurgischer Instrumente, dann von Kompressoren, heute von CNC-Werkzeugmaschinen, entwickelte sich zu einem weltweit agierenden Unternehmen. Aber nicht ohne Höhen und Tiefen. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stand Chiron etwa unter der Vermögensverwaltung der Alliierten.

Auf eine Zeitreise nahm Hatzelmann-Kick zahlreiche Besucher im Bürgersaal mit. Denn auch in Brackenheim spielte sich ein Abschnitt der Firmengeschichte von Chiron ab: In der heutigen Austraße wurden im Zweitwerk von 1929 bis 1950 unter anderem Flugzeugteile gebaut, "ohne die die Boeing 707 nicht hätte starten können", sagte Hatzelmann-Kick. "In Ihrer Stadt wurde Flugzeuggeschichte geschrieben."

Kein Mensch zum Anfassen

Was Hatzelmann-Kick nicht ahnte: Fortan würde sie neben der Firmen- tief in ihre eigene Familiengeschichte eintauchen und mit ihren hartnäckigen Recherchen zuweilen auch Pikantes ans Licht bringen. Vor allem aber berührte sie die Nähe, die sie durch ihre Forschungen zu ihren Großeltern herstellte. "Wie gerne würde ich mich heute mit meinem Großvater unterhalten, dem ernsten Patriarchen. Er war kein Opa zum Anfassen."

Seit nunmehr 20 Jahren forscht sie zur Geschichte von Chiron, benannt nach dem gleichnamigen Zentaur der griechischen Mythologie. Hatzelmann-Kicks befragte Nachkommen von Zeitzeugen, sie verschaffte sich Zugang zu Dokumenten, sah Berichte aus Staatsarchiven, Handelsregisterauszüge und Verträge ein und drang bis zu den Freimaurern und ins Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlen vor - als Frau in einer Männerdomäne ein "Ritterschlag". Im Mittelpunkt ihres umfangreichen Vortrags steht Hatzelmann-Kicks Großvater. Der talentierte, ausgebildete Chirurgiemechaniker wagte bereits vor seinem 30. Lebensjahr den Schritt in die Selbstständigkeit und beschäftigte bald 103 Mitarbeiter. Jahre später musste er mitansehen, wie ihm sein Lebenswerk aus der Hand gerissen wurde - ausgerechnet von seinem Geschäftspartner Otto Staebler, dem Schnell mehr vertraute als seinen Söhnen. Sein wahres Gesicht zeigte Staebler, der als charismatischer, aber undurchsichtiger Stuttgarter Unternehmer mit weitreichenden Beziehungen auftrat, erst 1927, als er in einer Gesellschafterversammlung die fristlose Entlassung Schnells forderte.

Gebrochener Mann

Schon bei der Gründung der "Fabriken feinmechanischer Apparate und chirurgischer Instrumente GmbH", zu denen Staebler als Mitgründer zählte, erschlich er sich eine Teilhaberschaft. Mit einem fingierten Großauftrag, den Staebler aus "fadenscheinigen Gründen" nach dem Materialeinkauf stornierte, gab er vor, die finanzielle Lücke zu schließen, ohne aber Eigenkapital zu besitzen. Reue oder eine Entschuldigung habe es nicht gegeben, sagte Hatzelmann-Kick.

Ab 1936 war Staebler, erst kaufmännischer Geschäftsführer, dann Alleininhaber von allen zu Chiron gehörenden Firmen geworden. Schnell, ein Kämpfer, wurde zu einem gebrochenen Mann. "Diese Auseinandersetzungen um sein Lebenswerk ruinierten seine Gesundheit." Nach einem verlorenen Prozess, den Staebler wegen seiner Beziehungen, auch zu den Freimaurern, gewann, wurde es Schnell untersagt, je wieder chirurgische Instrumente anzufertigen.

Chiron in Brackenheim

Warum das Chiron-Zweitwerk in Brackenheim eröffnet wurde, ist unklar. Es könnte mit dem Kauf der Brackenheimer Besteckfabrik des Fabrikanten Oskar Fischer zusammenhängen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Werk Rüstungsgüter für die deutsche Luftwaffe produziert - die Schaufeln für die Triebwerke aller Flugzeughersteller wie Dornier. 1941 ließ Chiron eine neue Werksanlage errichten, die 1950 an die Maschinenfabrik Schubert & Salzer verkauft werden musste.

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