Brackenheim
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Warum im Hausener Biobetrieb nur samenfeste Sorten in die Erde kommen

Stefanie Wolf aus Brackenheim-Hausen baut mehr als 100 Sorten Obst und Gemüse an. Eine solidarische Gemeinschaft unterstützt das Projekt. Ein neues Standbein wurde auch gefunden.

Claudia Kostner
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Lesezeit 3 Min
Warum im Hausener Biobetrieb nur samenfeste Sorten in die Erde kommen
Stefanie Wolf beim Bewässern der japanischen Schlangengurken Gingin in ihrem Gewächshaus am Ortsrand von Hausen. Foto: Claudia Kostner  Foto: Kostner, Claudia

Schon als Jugendliche hat Stefanie Wolf die Bücher von Vandana Shiva gelesen. Die indische Wissenschaftlerin, soziale Aktivistin, Globalisierungskritikerin und Verfechterin regionalen Saatguts später auf einer internationalen Konferenz persönlich zu treffen, war für die Hausenerin "ein Erlebnis". Und der Beweis: "Es kann einen Hof geben, mit ausschließlich samenfesten Sorten."

2015 hängte Stefanie Wolf ihren Job in der Forschungsabteilung der Universität Hohenheim an den Nagel, um den brachliegenden Bauernhof ihrer Großeltern "wieder aufleben zu lassen". Dass das Gewächshaus der ehemaligen Gärtnerei Gerhard Wolf ebenfalls leer stand, passte ins Konzept. Unter dem Dach des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft (Solawi) begann die Agrarwissenschaftlerin mit dem Anbau von Gemüse aus samenfesten Sorten. "In der Öko-Bewegung ist das eine kleine Bewegung, die sich dafür einsetzt, dass nur Sorten verwendet werden, die man selbst vermehren kann", erklärt Stefanie Wolf. "So, wie das früher eigentlich jeder Bauer gemacht hat."

 

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Unabhängig von hybridem Saatgut der Konzerne

Der Vorteil: Die Unabhängigkeit von Konzernen, die hybrides Saatgut vertreiben. Diese Kreuzungen aus zwei unterschiedlichen Inzuchtlinien einer Pflanzensorte sind ertragreich und bringen einheitliche Produkte hervor - Eigenschaften, die auf dem Markt erwünscht sind, aber nur für die erste Generation gelten. Das bedeutet, der Landwirt muss Jahr für Jahr neues Saatgut kaufen. "Es gibt zum Beispiel nur noch drei Brokkoli-Sorten weltweit", verdeutlicht Wolf den damit einhergehenden "Verlust von Bio-Diversität und Kultur".

Ihre Philosophie ist das genaue Gegenteil. Inzwischen baut die 37-Jährige auf ihren Äckern rund 100 verschiedene Kulturarten nach Demeter-Richtlinien an. Kräuter, Blumen, Obst und Gemüse - von Basilikum bis Tausendgüldenkraut, von Johannisbeere bis Physalis, von Tomate bis Schwarzwurzel. "Gemüseproduktion ist viel Handarbeit", sagt Wolf. Vor allem bei der besonderen Anbauweise, die sie gewählt hat, genannt Agroforst. Dieser besteht aus Reihen, in den sich verschiedene Obstbäume, wie Apfel oder Birne, mit mehrjährigen Kräutern, wie Rosmarin oder Muskateller, mit Büschen, wie Himbeere, oder Stachelbeere abwechseln. Zwischen den Baumreihen wird dann das Solawi-Gemüse angebaut.

Nicht nur was für "Super-Ökos"

Vor Corona hatte sie dafür Unterstützung von bis zu 140 freiwilligen Helfern pro Jahr aus aller Welt. Einer davon war ihr heutiger Ehemann Oswaldo Lovo, von Beruf eigentlich Wirtschaftsökonom und Manager. Zusammen mit dem Aussteiger aus Brasilien und einem Azubi aus Norddeutschland hat sie die Solawi Zabergäu aufgebaut, die zu Hoch-Zeiten 160 Mitglieder hatte. Mitglieder - "ganz verschiedene Leute, nicht nur Super-Ökos" - die für einen monatlichen Beitrag von 100 Euro den Betrieb mitfinanzieren, auf Wunsch auch beim Unkraut jäten oder Aussäen mit anpacken und dafür die erzeugten Produkte erhalten. "Was wir ernten, wird aufgeteilt. Je mehr man mithilft, umso mehr bekommt man", sagt Stefanie Wolf. "Ich wollte eine diverse Gärtnerei, und Solawi war zu dem Zeitpunkt ein guter Weg, direkt zu vermarkten", blickt sie auf "arbeitsintensive Jahre" zurück. Das ganze Jahr über Gemüse zu liefern, sei eine Herausforderung.

Die Pandemie hat vieles verändert: "Bei den Verbrauchern gab es eine Besinnung auf Selbstversorgung und regionale Produkte. Aber wir hatten keine freiwilligen Helfer mehr." Wolf und ihr Mann richteten einen Online-Shop ein und einen Hofverkauf in der Schulgasse 9. Statt wie vorher mit fünf Angestellten stemmen die zweifachen Eltern nun alles alleine.

 

Die Anbaufläche für Gemüse wurde von rund vier auf 1,5 Hektar reduziert, damit einhergehend auch die Zahl der Mitglieder auf aktuell 40. Statt Abholstellen von Ludwigsburg bis Heilbronn gibt es nur noch Hausen und Lauffen (Hofstelle Link, Karlstraße 68). "Um das zu kompensieren und die Nachfrage zu decken, haben wir 2021 den Jungpflanzen-Verkauf ausgebaut", erzählt Stefanie Wolf. So können sich Hobbygärtner damit eindecken und wenn sie wollen, im nächsten Jahr mit den eigenen Samen ihr Obst und Gemüse selbst anbauen.

Um ihre Felder von den konventionell bewirtschafteten Flächen ringsherum abzuschotten, hat Stefanie Wolf Windschutzhecken eingerichtet - aus Wildrosen, Sanddorn, Holunder, Weide und Haselnuss. Im Dorf ist sie für einige Kollegen als weibliche Betriebsleiterin und Bio-Bäuerin immer noch ein bisschen Exotin: "Aber manche finden das auch cool."


Das Wissen weitergeben

Ihr Projekt ist für Stefanie Wolf eine Herzenssache. Unter dem Motto "Lernort Bauernhof" kommen Schulklassen zu ihr nach Hausen, um zu erfahren und zu sehen, wie viel Arbeit es bedeutet, Bio-Obst- und -Gemüse zu produzieren. Der Hausener Kindergarten bekommt für seine Hochbeete kostenlos Pflanzen von der 37-Jährigen, ebenso die Jugendgruppe des Obst- und Gartenbauvereins. Zudem arbeitet Stefanie Wolf mit dem Verein Acker in Heilbronn zusammen, der Lehrkräfte zum Thema Kita- und Schulgärten schult. Stefanie Wolf ist Mitglied der Bio-Initiative Zabergäu.

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