Weinsberg/Heilbronn
Lesezeichen setzen Merken

Geheimnisvolle Mondlandschaft zwischen Weinsberg und Heilbronn

Die Weinsberger Heimatforscher Manfred Wiedmann und Klaus Heiland erkundeten eine Erdschanze, die einst wohl eine militärische Verteidigungsanlage war. Der Fleiner Marcus Heinl halft ihnen mit moderner Luftbildarchäologie auf die Sprünge.

Von Steffan Maurhoff
  |  
Geheimnisvolle Mondlandschaft zwischen Weinsberg und Heilbronn
Die Luftbildaufnahme ohne Vegetation ähnelt einer Mondlandschaft.

Die Luftaufnahme sieht aus, als zeigte sie eine Mondlandschaft. Tatsächlich enthüllt sie etwas, das ziemlich schwer zugänglich ist: Eine Verteidigungsanlage mit Schutzwällen, möglicherweise aus der Zeit des ausgehenden Mittelalters oder aus dem 30-jährigen Krieg. Sie liegt genau auf der Grenze zwischen Weinsberg und Heilbronn, wenige Meter neben der B 39, von Wald überwuchert und kaum zu erkennen am Weinsberger Sattel.

Die Anlage bleibt rätselhaft

Wenn Klaus Heiland und Manfred Wiedmann, engagierte Heimatforscher aus Weinsberg, etwas recherchieren, fördern sie meist höchst interessante Geschichten zutage. Doch was diesen geheimnisvollen Ort anbelangt, kamen auch sie nicht sehr weit. War das ein Fluchtpunkt? Diente er der Grenzbefestigung? Lag hier ein Hochgericht? "Wer diese Schanze am Sattel wann errichtet hat, ist uns nicht bekannt", schreiben sie in einem Bericht über die Anlage, von deren Existenz sie selbst lange Zeit nichts ahnten - obwohl sie ganz in der Nähe Kleindenkmale untersuchten und vermuteten, dass hier einmal der Weinsberger Galgen stand.

Computer entfernt die Vegetation virtuell

Der entscheidende Hinweis kam von Marcus Heinl aus Flein, der in seiner Freizeit mithilfe moderner Luftbildarchäologie nach Bodendenkmalen forscht. Zum Einsatz kommt dabei die sogenannte Lidar-Technik, eine Art Echolot, das Bodenstrukturen selbst unter bewaldeten Gebieten erfassen kann. Heinl zeigte den beiden Weinsberger Heimatkundlern Bilder von der Schanze - die vermeintliche Mondlandschaft - und fragte sie, ob sie etwas darüber wüssten. "Wir waren platt", erzählt Klaus Heiland über die verblüffenden Aufnahmen. Diese offenbaren eine ovale Oberflächenstruktur, die heute von einem Weg durchschnitten wird.

Die Anlage ist heute kaum mehr zu erkennen

Geheimnisvolle Mondlandschaft zwischen Weinsberg und Heilbronn
Klaus Heiland (links) und Manfred Wiedmann zeigen auf einen der Wälle um die Anlage. Im Gelände ist die einstige Schanze kaum auszumachen. Fotos: Maurhoff/privat

Draußen in freier Natur durchstreiften die drei Forscher das Gelände - und ihnen gingen die Augen über: Das heute kaum mehr zu erkennende Bauwerk, das eher eine natürliche Landschaft zu sein scheint, hatte eine Nord-Süd-Ausdehnung von rund 135 Metern Länge, misst von Ost nach West etwa 105 Meter. Es handelte sich um eine Anlage mit Wällen von bis zu sechs Metern Höhe.

Ein umgekippter Baum erlaubte den Forschern einen Einblick ins Erdreich unter der Anlage. "Man konnte feststellen, dass es sich um durch Menschenhand aufgefüllten und verdichteten Boden handelt", erklären Wiedmann und Heiland. Der Ringwall - eine militärische Verteidigungsanlage - hatte innen fast senkrechte Wände, hinter denen sich Verteidiger gut gegen Angreifer erwehren konnten. Die Weinsberger Heimaforscher schätzen, dass für die Anlage einst 15 000 Kubikmeter Boden bewegt wurden: gut und gern 50 bis 60 Tage schwere Arbeit für 50 Mann.

Landesdenkmalamt dokumentiert

Geheimnisvolle Mondlandschaft zwischen Weinsberg und Heilbronn
So skizzierten die Heimatforscher Angriff und Verteidigung der Anlage.

Die Wälle im Wald sind heute auch deshalb kaum auszumachen, weil der innere Bereich irgendwann einmal aufgefüllt wurde. Warum? Auch dazu fanden Wiedmann und Heiland nichts Näheres heraus. Aber das Landesdenkmalamt ist auf die Schanze aufmerksam geworden und will seine Lage dokumentieren.

Eine ähnliche Anlage scheint auch auf der gegenüberliegenden Seite der B 39, unweit der Abzweigung zum Wartberg und zum Wolfszipfel gelegen zu haben. Doch die verschwand im Zuge der Rebflurbereinigung. Obwohl die Archive nicht viel zu dem Thema hergeben, verstehen die Heimaforscher, warum die Schanzen hier angelegt wurden. Wenn im Herbst die Blätter fallen, gibt der Wald den Blick frei zur Weibertreu und zum Scheuerberg, auf Erlenbach und Binswangen. Und nur wenige Meter weiter kann man ins Heilbronner Becken hinunter blicken. "Das war ein strategisch hervorragender Punkt", erklärt Manfred Wiedmann. Er lag genau auf der Grenze zwischen der einst Freien Reichsstadt Heilbronn und dem ehemals pfälzischen Weinsberg - zwischen zwei Herrschaftsgebieten.

Wie die Lidar-Technik funktioniert

Die Abkürzung Lidar steht für "light detection and ranging". Ein Flugzeug sendet ungefährliche Laserstrahlen zum Boden und empfängt deren Reflektion, ähnlich wie beim Echolot. Ein Computer berechnet die Oberflächenstruktur dank eines speziellen Algorithmus, der Vegetation erkennen und virtuell entfernen kann. Der so glattrasierte Boden erzählt viel von der Vergangenheit - Archäologie ohne Schaufel und Spaten.

 
Kommentar hinzufügen
Kommentar hinzufügen
  Nach oben