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Warum Fledermäuse auf das Gundelsheimer Schloss Horneck fliegen

Biologen statten einer Fledermaus-Kolonie im Gundelsheimer Schloss Horneck regelmäßig Besuche ab. Sie wissen genau, warum die Säugetiere auf das Schloss fliegen.

Von Anton Zuber
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Lesezeit  3 Min
Warum Fledermäuse auf das Gundelsheimer Schloss Horneck fliegen
 Foto: Christian Dietz

Im jährlichen Turnus prüfen fachkundige Ornithologen im Auftrag des Regierungspräsidiums Stuttgart den Bestand und die Lebensbedingungen von Fledermäusen auf den Dachböden von Kirchen und Schlössern. Im weitläufigen Speicher von Schloss Horneck hatten sie im vergangenen Jahr 135 Tiere gezählt, diesmal waren es 200, darunter vieler Jungtiere.

Besuch bei den Fledermäusen

Als sich nach dem Aufstieg die Augen des Biologen Christian Dietz und des Quartierbetreuers Bernd Zoldahn an die schummrige Dunkelheit des Dachbodens gewöhnt haben, fallen ihnen zunächst die Spinnweben auf. Zahlreich sind sie, großflächig und grau vom Staub hängen sie von der Decke und Balken. Wer nicht aufpasst, verfängt sich in ihnen. Die Luft ist stickig und der Atem schwer. Die Hitze scheint zu "stehen" unter dem Dach von Schloss Horneck.

 

"Da sind sie", flüstert der promovierte Biologe Christoph Dietz und zeigt auf die Ansammlung von Fledermäusen an der Decke. Er geht voran und leuchtet mit seiner Stirn- und Taschenlampe den Weg. Erwartungsvoll entdeckt er plötzlich im Gebälk ein eindeutiges Gewimmel und vernimmt die Geräusche von kleinen, behaarten Körpern, die an der Decke hängen.

Plötzlich flattert eine Fledermaus davon

Warum Fledermäuse auf das Gundelsheimer Schloss Horneck fliegen
Sie haben eine Spannweite von über 40 Zentimetern und bevölkern seit Jahren den Dachboden von Schloss Horneck.  Foto: privat

Kopfüber krallen sie sich an dem blassweißen Verputz fest und scheinen sich an dem angeregten Murmeln der anwesenden Menschen nicht zu stören. Zwischendurch flattert einer der Untermieter durch den Raum. Christoph Dietz begeistert diese Szene. Solche Überraschungen gehören zu seinem Kontrollbesuch.

Dietz und der ehrenamtliche Quartierbetreuer Bernd Zoldahn, der im Hauptberuf als Lehrer arbeitet, besuchen für ihre jährliche Bestandsaufnahme die gemeldeten Fledermausquartiere, um herausfinden, welche Arten und vor allem wie viele Tiere jeweils im Landkreis Heilbronn Unterschlupf gefunden haben. Warum machen sie das? "Damit man sie besser schützen kann", erklärt Martina Handel von der Schlossverwaltung Horneck, die jedes Jahr die Ornithologen auf den Dachboden begleitet.

Die größte Fledermaus-Art im Land

Ein Blick zum Bretterboden unter den Füßen gibt Hinweise auf das Vorhandenseins der Fledermausgattung Großes Mausohr. Ihr Kot lässt eindeutig darauf schließen.

Sie haben eine Spannweite von über 40 Zentimetern und sind damit die größte Fledermaus-Art, die es landesweit gibt. Zur Aufzucht der Jungtiere benötigen sie große, warme und ungestörte Dachräume. Die Weibchen sammeln sich ab März in Wochenstubenkolonien. Das sind in der Regel der angestammte Dachböden, um hier geschützt ihre Jungen großzuziehen. Hier sind sie vor Kälte und Hitze sicher, und die Jungtiere können ihre Flugübungen absolvieren.

Große Mausohren fliegen hauptsächlich in Wäldern und Wiesen auf ihre nächtliche Insektenjagd. Je nach Jahreszeit stehen vor allem Käfer, Schnaken oder Heuschrecken auf dem Speiseplan. Mit ihren großen Ohren können sie die leisen Raschelgeräusche der Beutetiere vernehmen.

 

Tiere sind seit vielen Jahren Schlossbewohner

Große Mausohren fliegen auf festen Flugwegen bis zu 15 Kilometer weit in ihre Jagdgebiete. "Das Mausohr ist seit vielen Jahren auf Schloss Horneck beheimatet", stellt Bernd Zoldahn fest. Dies würden jedoch beileibe nicht alle Fledermausarten so praktizieren. "Andere Arten sind weniger traditionsgebunden und wechseln alle paar Tage ihr Quartier."

Die Ornithologen sind sichtlich davon angetan, in der brütenden Hitze im Dachboden herum zu krabbeln. "So eine ideale Bleibe der nachtaktiven und winterschlafhaltenden Säugetiere wie hier sieht man nicht alle Tage", stellt Christian Dietz fest. Dabei erkundet er auch den Zustand der faustgroßen Ein- und Ausflugöffnungen für Fledermäuse im Dach.

Das faszinierende Leben der Fledermäuse

Das Große Mausohr findet als typische Dachbodenfledermaus sein Quartier vor allem in großen Gebäuden. Die einzelnen Kolonien können 50, 100 oder in Einzelfällen bis zu vielen Hundert Tieren umfassen. Sie bilden dichte Trauben und hängen meist frei im Dachfirst.

Die Jungtiere werden im Juni geboren und bis zu sechs Wochen gesäugt. Spätestens Ende August sind sie selbständig. Im Herbst suchen die Großen Mausohren unterirdische Quartiere auf, die bis über 100 Kilometer vom angestammten Dachboden entfernt sein können. Über Generationen hinweg kehren die Weibchen jedes Frühjahr in den angestammten Dachboden zurück. Männchen verbringen den Sommer meistens einzeln im Speicher, der auch als Paarungsquartier dient.

Die landesweit knapp 150 Fledermausquartiere sind etwa durch Gebäudesanierungen gefährdet. Aber auch der Einsatz von Umweltgiften und der Rückgang der Insektenvielfalt trägt dazu bei. Wie alle heimischen Fledermausarten ist auch das Große Mausohr gesetzlich streng geschützt.

 
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