Neckarsulm
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Amorbacher Schüler bekommen Fahrräder aus dem Fundbüro geschenkt

Projekt "Rad-Ort": 40 herrenlose Fahrräder aus dem Fundbüro werden in Neckarsulm-Amorbach per Lostopf an Schüler verschenkt und repariert. Bei den Kindern kommt die Aktion gut an.

Von Ute Plückthun
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Lesezeit  2 Min
Amorbacher Schüler bekommen Fahrräder aus dem Fundbüro geschenkt
Lostopf-Geschenkaktion mit Lerneffekt: Azin Shamdin (15, links) wird von Chris God (Mitte) von der mobilen Jugendarbeit Bad Friedrichshall bei der Reparatur ihres neuen Gefährts unterstützt.  Foto: Plückthun, Ute

Wenn Justin Reiffert-Jaksch morgens von Offenau nach Amorbach in die Schule fahren muss, "dauert das gefühlt eine Stunde", sagt der 16-Jährige.

Mit seiner Schwester Kiara (12), die das gleiche Problem hat, steht er deshalb vor der städtischen Garage im Amorbacher Schwabenweg in der Hoffnung, eines der Fahrräder, die per Lostopf verschenkt werden, zu ergattern. Denn auch wenn man sich mal mit Freunden treffen will, "wäre ein Fahrrad schon besser".

Ein bisschen Losglück gehört dazu

Tatsächlich ist das Losglück bei "Rad-Ort" auf seiner Seite. Das Projekt hat Guido Ötzmann von der mobilen Jugendarbeit Neckarsulm nach der langen Corona-Pause wieder ausgerufen. Denn im Fundbüro des Ordnungsamts haben sich rund 40 herrenlose Räder angesammelt. Am Bolzplatz Plattenwald gegenüber des Amorbacher Sportgeländes sind auch seine Bad Friedrichshaller Kollegen Tim Härtel und Chris God sowie Artur Knaus, Leiter des Kinder- und Jugendtreffs Magnet im Plattenwald, mit im Boot.

Der Sozialraum ist eng verbunden. Ein Nachteil, der laut dem Neckarsulmer Pressesprecher Andreas Bracht Jugendliche aus beiden Stadtteilen betrifft, ist die eingeschränkte Mobilität. "Es stellt schon allein eine Hürde dar, die wenige Kilometer entfernte Stadtmitte von Neckarsulm oder die größeren Stadtteile Kochendorf und Jagstfeld zu erreichen." "Rad-Ort" soll Abhilfe schaffen. "Ziel ist es, den Aktionsradius der Jugendlichen zu erweitern und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihren Sozialraum im wahrsten Sinne des Wortes zu erfahren."

Busfahren dauert zu lange

Der Weinsberger Aleksandr Fritz (14) geht in Amorbach zur Schule und findet die Aktion gut. Er hätte gern ein Mountainbike. "Zum Rumfahren mit Freunden und zum Spaß haben." Auch Almira (12) und Alisa Delic (14) aus dem Plattenwald hoffen sehr auf ein eigenes Rad. Sie sind mit Nikola Balkum nach Amorbach gekommen. "Es nervt schon, dass man die ganze Zeit Bus fahren muss. Das dauert so lang", sagt die Zwölfjährige. Außerdem geht es ihr bei einem neuen Fahrrad um Bewegung: "Sport mache ich total gern."

Im Losverfahren werden die Räder vergeben. Während Nikola die Nummer eins zieht und sich als erste eins aussuchen darf, hofft Jonny Wecker (11) aus Amorbach noch auf ein schwarzes BMX-Rad mit blauen Applikationen und weißem Sattel. Sein Freund Elias Tropsa (9) setzt dagegen auf ein vollgefedertes Mountainbike, "so eines wollte ich schon immer haben".

Unter den Fundstücken entdeckt eine 60-jährige Amorbacherin zwei ihr vor einiger Zeit abhanden gekommene Räder wieder. "Wir sind gar nicht auf die Idee gekommen, im Fundbüro nachzufragen", räumt sie ein. Die Kaufpapiere sind längst entsorgt. Das Fahrrad des Enkels ist bereits vergeben. Sie gönnt es dem Mädchen. Aber wenigstens das der Tochter holt sie zurück.

Räder müssen erst noch fit gemacht werden

Nach der langen herrenlosen Zeit sind längst nicht alle Räder in Schuss. Bei einigen muss nur der Schlauch geflickt werden, bei anderen sind Pedale oder Lichter kaputt, müssen Kabel oder mechanische Vorrichtungen repariert werden. Schon im Vorfeld hat sich Andras Marton von Rolands Zweiradladen aus Bad Friedrichshall angeschaut, was zu tun ist.

Von seinem Chef hat er extra für die Aktion frei bekommen. Mit Mosbah Habib, der vor sieben Jahren aus Damaskus nach Deutschland geflohen ist, und seinem über die Familienzusammenführung nachgekommenen Vater Mohamad Jaser Habib stehen ihm zwei fachkundige Helfer zur Seite, die über die Fahrradwerkstatt des Arbeitskreises Asyl viel Erfahrung gesammelt haben.

Sie helfen auch bei der Reparatur der Räder von Geflüchteten aus der Ukraine, die noch nicht mobil sind. So hat Maxim Filippov (19) aus Lviv durch einen Flyer von der Aktion erfahren. Iluja und Katja Pidburtnya aus der Nähe von Kiew, die erst vor einer Woche in Amorbach angekommen sind, haben ihre Kinder in der Hoffnung auf neue Fahrräder dabei. Maxim (10), Angelina (8) und Rostik (7) strahlen, als es tatsächlich mit dem Rad klappt.

 

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