Heilbronn
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Wie eine flackernde Lampe: Premiere von "Corpus Delicti" in der Boxx Heilbronn

Nicole Buhr, die Leiterin des Jungen Theaters am Theater Heilbronn, inszeniert "Corpus Delicti" von Juli Zeh in der Boxx. Die beklemmende Dystopie über eine Gesundheitsdiktatur, in der selbst Rauchen zum Delikt wird, ist nicht nur für Jugendliche von Brisanz.

Claudia Ihlefeld
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Lesezeit 3 Min
Wie eine flackernde Lampe: Premiere von "Corpus Delicti" in der Boxx Heilbronn
Ungleiches Geschwisterpaar: Moritz (Cosima Fischlein, rechts) stellt die Gesundheitsdiktatur infrage, Mia (Nora Rebecca Wolff) verteidigt anfangs das System. Foto: Klenk  Foto: Picasa

In naher Zukunft wird Krankheit ein historisches Phänomen sein, sollte sich die Methode durchsetzen. Was verlockend klingt, ist der blanke Horror einer Gesundheitsdiktatur, die jene als Terroristen brandmarkt, die die Methode infrage stellen. Die Methode, das ist Verfahren und System zugleich - und eine Dystopie von Juli Zeh, die beklemmende Assoziationen auslöst.

Eine autoritäre Gesellschaft, die anstelle von Religion und Demokratie die Vernunft setzt: 2007 für die Ruhrfestspiele geschrieben, hat die Autorin und Juristin Zeh ihr Bühnenstück "Corpus Delicti" zwei Jahre später zum viel beachteten Roman ausgebaut. Ein wenig intellektuell manieriert, aber eben auch weitsichtig. In der Regie von Nicole Buhr ist dieser Sci-Fi-Krimi in Form eines Gerichtsprozesses nun in der Boxx des Heilbronner Theaters zu sehen, empfohlen ab 15 Jahren.

Aus einem banalen Verdacht wird ein Kapitalverbrechen wider die Gemeinschaft

Mia Holl, eine methodentreue Biologin wird auffällig. Ihre Schlaf- und Ernährungsberichte, die über einen implantierten Chip kontrolliert werden, entsprechen plötzlich nicht mehr der Norm. Auch sind ihre sportlichen Leistungen eingebrochen.

In einer Gesellschaft, in der die Gesundheit des einzelnen über allem und für alles steht, ist das ein Fall für die Justiz. Aus einem banalen Verdacht wird ein Kapitalverbrechen wider die Gemeinschaft, wird die überzeugte Methodistin bald zur Terroristin erklärt. Ein kafkaesker Prozess, bei dem Holl, je mehr sie sich verteidigt, immer tiefer hineingerät in den Sumpf gesinnungstreuer Fanatiker.

Kollektive Zwangsbeglückung versus individuelle Freiheit

In Rückblenden und in chronologischer Abfolge entfaltet sich eine Hexenjagd des 21. Jahrhunderts unter dem Deckmantel staatlicher Fürsorge. Dabei reflexartig an die mit der Pandemie begründeten Eingriffe in die Grundrechte der Bürger zu denken, wäre zu kurz gegriffen. "Corpus Delicti" verhandelt Gesundheitswahn und Körperoptimierung, Biopolitik und Überwachungsstaat, kollektive Zwangsbeglückung versus individuelle Freiheit. Und die Herrschaftsmechanismen eines totalitären Systems.

Nicole Buhr, Leiterin des Jungen Theaters, hat aus Zehs thesenlastigem Stück dramatische Passagen zu einem knapp zweistündigen Abend montiert, dem am Ende die Argumente ausgehen. Weil sich die Argumente wiederholen. Der Dringlichkeit dieser Produktion, der das Premierenpublikum viel Applaus spendet, tut das keinen Abbruch.

Wer trauert, wird zur Gefahr für das System

Nora Rebecca Wolff ist Mia Holl, eine schmale, trainierte junge Frau, die Wolff durchgängig als verbitterte Einzelgängerin gibt. Mias Vergehen? Sie trauert um ihren Bruder Moritz, der ins Räderwerk der Methode geraten ist mit seinem nonkonformen Lebenswandel. Als er wegen Sexualmords angeklagt wird, erhängt er sich in seiner Zelle. Dass er das unschuldige Opfer einer falschen DNA-Zuschreibung war, will die Methode vertuschen, während Mia nur in Ruhe trauern möchte. Als sie ihren Schmerz für eine Privatangelegenheit erklärt, wird sie für das System und damit für die Richterin erst richtig gefährlich.

In der Doppelrolle Moritz Holl und Richterin gelingt Cosima Fischlein die überzeugendste Leistung des Abends. Frisch von der Schauspielschule, empfiehlt sich Fischlein in ihrer ersten Rolle am Heilbronner Theater unaufgeregt und präsent, spricht als Richterin das Publikum an, ohne schreiend zu belehren.

Und sie ist ein geschmeidiger Moritz mit souveränem Körperfeeling und Gespür für Tempo und Pausen. Moritz, der den glücklichen Menschen mit einer kaputten Lampe vergleicht, die flackert, wenn sie an- und ausgeht, durchschaut die Perfidie von Heinrich Kramers Propagandablatt "Die reine Vernunft".

Doppelrollen und zwielichtige Figuren

Andreas Schlegel spielt den Systemjournalisten Kramer als gefährlich leutseligen, schmierigen Mann, der noch grün hinter den Ohren ist und einem doch das Wort im Mund verdreht für einen verlogenen Enthüllungsjournalismus. Zwielichtig ist auch Rouven Klischies" Rosentreter, der Pflichtverteidiger von Mia, der den Fall als Rachefeldzug gegen das System nutzt. Er liebt unzulässig eine Frau mit falschem Immunsystem. In der Doppelrolle als Richter allerdings bleibt Klischies blass.

Wie aus der rationalen Intellektuellen Mia aus Liebe zu ihrem Bruder eine Aktivistin wider Willen wird, zeichnet Buhr in subtilen Bildern. Ein steriler Raum (Ausstattung: Gesine Kuhn) mit neonkalten Verhörlampen, eine dürre Baumkrone überm Boden, ein Wasserbassin wie ein leeres Aquarium verweisen auf eine sterile Zukunft, in der der Methodenschutz die Bürger beobachtet und Systemabweichler auf unbestimmte Zeit eingefroren werden.


Weitere Vorstellungen: www.theater-heilbronn.de

Wortspiele und Namensgeber: Corpus Delicti" spielt im Jahr 2057. Grundlage des Staatswesens ist die Methode, mit der der Staat seine Bürger zu gesundheitlicher Prävention zwingt. Der Name der Protagonistin Mia Holl ist der 1634 als Hexe verbrannten Maria Holl entlehnt, für den Chefideologen der Methode ist der Verfasser des "Hexenhammers" Heinrich Kramer Namensgeber. Die Widerstandsgruppe gegen die Methode nennt Juli Zeh R.A.K., was Recht auf Krankheit heißt.

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