Eppingen
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Während der Gartenschau in Eppingen schärfen über 40 Skulpturen die Wahrnehmung

Der Künstler und Kurator Peter Riek erzählt, wie ein Skulpturenparcours durch Gartenschau und historische Altstadt in Eppingen mit bekannten und überraschenden Positionen zum Spaziergang einlädt.

Claudia Ihlefeld
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Lesezeit 3 Min
Während der Gartenschau in Eppingen schärfen über 40 Skulpturen die Wahrnehmung
Nicht nur auf dem Gartenschau-Gelände, auch auf markante Stellen der Altstadt von Eppingen sind insgesamt rund 40 Skulpturen verteilt. Fotos: Ralf Seidel  Foto: Seidel, Ralf

Über 40 teils monumentale Skulpturen auf dem Gartenschau-Gelände und in der Altstadt: Ohne Kunst kommt heute keine Blumenschau mehr aus - und das ist gut so, da eine prima Gelegenheit, den Blick zu schärfen. Die Gefahr allerdings, ein Gelände dekorativ zu möblieren, statt ästhetische Bezüge herzustellen, ist nicht zu unterschätzen. Und so hat sich die Stadt Eppingen entschieden, das Kunstkonzept für seine Gartenschau in die Hände eines Mannes vom Fach zu legen.

Skulpturenausstellung auf dem Gartenschaugelände und in der Eppinger Innenstadt | 26 Bilder | Fotograf: Ralf Seidel

Im Juli und August findet ein Steinbildhauer-Symposium statt

Peter Riek, Künstler aus Heilbronn und Leiter des Stadt- und Fachwerkmuseums "Alte Universität" in Eppingen, kennt die Örtlichkeiten und die Künstler, die er ausgewählt hat für das Projekt "Kunst, draußen". Flankierend zum klug konzipierten Skulpturenspaziergang werden in diesem Sommer weitere Ausstellungen im Museum, der Galerie im Rathaus, dem Haus am Pfeifferturm sowie dem Steinhauermuseum Mühlbach eröffnet. Und findet im Juli und August ein Steinbildhauer-Symposium statt.

Ganz schön viel Kunst für die Stadt: von den bekannten Positionen der Altmeister Gunther Stilling, Karl-Henning Seemann und Guido Messer, die in kaum einer Landkreisgemeinde nicht schon ausgestellt haben, hin zu überraschenden Ansätzen jüngerer Künstler, die mit dem Ort und Material spielen.

Während der Gartenschau in Eppingen schärfen über 40 Skulpturen die Wahrnehmung
"Poet-Tree" nennt Rebecca Koellner ihre leuchtenden, lyrischen Interventionen an den sechs Platanen entlang der Eppinger Bahnhofstraße.  Foto: Seidel, Ralf

Wer die Texte lesen möchte, muss den Kopf drehen und wenden

"Poet-Tree" nennt Rebecca Koellner ihre nachleuchtenden Arbeiten an sechs Platanen entlang der Bahnhofstraße. Die bildende Künstlerin aus Konstanz arbeitet in sito, also vor Ort für den Ort. Dabei verpasst sie den Bäumen ihre eigenen, lyrischen Texte - immer vertikal geschrieben, so dass man den Kopf drehen und wenden muss, will man ihre Aussagen lesen.

Für das Auftragen ihrer Texte verwendet Koellner ein gelbliches, als Frostschutz benutztes, umweltfreundliches Material. Die Schriftzüge bleiben über die Dauer der Gartenschau hinaus an den Platanen haften. Wind und Wetter sowie das Wachstum der Bäume werden das Ihre tun für den natürlichen Auflösungsprozess.

Auf keinen Fall Kunst wie Gartenzwerge aufstellen

"Die Idee", erklärt Peter Riek seine Auswahl, "ist, für Eppingen einen Kunstparcours zu gestalten, der die Begebenheiten des Ortes berücksichtigt, interessante Sichtachsen schafft, die Wahrnehmung schärft, aber auch traditionelle Sehgewohnheiten respektiert." Was er auf keinen Fall möchte: "Kunst wie Gartenzwerge aufstellen."

Dass die meisten Besucher nicht wegen der Kunst kommen, dessen ist sich Riek bewusst. Umso mehr würde er sich freuen, wenn die eine oder andere Intervention im öffentlichen Raum "ohne Erklärtafel funktioniert". "Kunst", so sein Anspruch, "ist mehr als ein Verweisstück."

Schwebende Bootsskelette über der Elsenz

Große Stahlarbeiten mit Fundament stehen bereits seit einem Jahr an ihrer Stelle, die Gartenschau sollte 2021 öffnen. Friedemann Grieshabers Architekturskulptur etwa, ein Zwitter aus Baukörper und Plastik. Kleinere Arbeiten werden in den nächsten Tagen installiert, etwa die schwebenden Bootsskelette aus Holz von Claus Staudt: organisch anmutende Hüllen über der Elsenz.

Mit Kettensägen bearbeitet Jo Winter seine Skulpturen aus Eiche, Esche, Ahorn, Birke oder Linde. Archaisch streng in der Form, sind seine Skulpturen poetische Zitate so einfacher Formen wie Haus, Boot und Blüte und säumen unaufgeregt den Fluss stadtauswärts.

Blick durch das "Eppinger Auge"

Wo Elsenz und Hilsbach zusammenfließen, ragt als stilles Ausrufezeichen eine Skulptur aus Cortenstahl von Rüdiger Seidt empor: geometrisch klar und dabei fast sinnlich wie Seidts weitere Arbeiten "Circletta" vor dem Bahnhof oder das "Eppinger Auge" auf der Rasenfläche vor der Altstadtkulisse.

Ein Hingucker an markanter Stelle der Gartenschau ist die an ein Schiffswrack gemahnende Skulptur "Styx" von Gunther Stilling aus Cortenstahl, Bronze und einer stilisierten Münze aus Blattgold. Die Maße - acht Meter hoch, zwölf Meter lang, 4,50 Meter breit - hat Kurator Riek auf Anhieb parat. "Wir mussten für den Transport die Autobahn sperren." Zwölf weitere Plastiken von Stilling, der in Güglingen lebt, sind in der historischen Altstadt verteilt.

Nachdenken über die menschliche Existenz

Am Rande der Stadtkerns erinnert Volker Tiemanns Männerfigur auf einem überdimensionierten Hocker, der wiederum auf einem Sockel thront, mit pathetischer Armbewegung nur auf den ersten Blick an ein klassisches Standbild - und ist vielmehr doch ein hintersinniges und präzis gearbeitetes Nachdenken über die menschliche Existenz.

Begleitausstellung: Seine figürlichen Darstellungen lassen schmunzeln und irritieren auch in ihrer unmittelbar greifbaren Menschlichkeit: Karl-Henning Seemann, geboren 1934, langjähriger Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, lebt und arbeitet in Löchgau und ist in der Gartenschau in Eppingen mit fünf Plastiken aus verschiedenen Werkphasen vertreten. Ab 12. Mai widmet das Museum "Alte Universität" dem Bildhauer und Zeichner eine Ausstellung und zeigt große und kleinere Bronzen sowie die weniger bekannten Zeichnungen, die vorbereitend und begleitend zu Seemanns Plastiken entstanden sind.

 
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