Von Marschgetöse bis zu Klangfantasien
Heilbronn - „Perspektiven“-Konzert mit Alexander Radwilowitsch in den Städtischen Museen
Heilbronn - Ein Flügel erkaltet. Langsam verebben die Klangmassen im Foyer der Städtischen Museen Heilbronn. So endet „Brave New World“ (1997) von Alexander Radwilowitsch aus St. Petersburg, der das „Perspektiven“-Konzert auch als Pianist bestreitet. Kleine energiegeladene Hände sind Garant für einen oft hammerharten Anschlag, der den Zuhörern bei überwiegend geöffnetem Schalldeckel viel abverlangt.
Doch Radwilowitschs Technik umfasst auch die leisen, impressionistischen Töne, die spitzfindige Parodie. Stilgerecht arbeitet er in „Upman, smock jock“ (1917) von Arthur Lourié Anklänge an Ragtime und Cakewalk heraus.
Überzeugend transparent bleiben die kontrapunktischen Aspekte in den 4 Preludes von Galina Ustwolskaja, dagegen entpuppt sich ihre 6. Klaviersonate (1986) als dröhnend leere Traktoristenmusik. Alexander Knaifels „Narben des Marsches“ (1984) sitzen tief, künden sie doch von Repression und Propaganda-Pomp der Sowjetunion. Von der Zuspiel-CD ertönt monotones Parade-Gehabe mit Marschtakt und militärischem Gerät, ins Endlose gedehnt verschwindet der stampfende Lindwurm in der Ferne. Das Klavier kommentiert, klagt, bleibt ratlos.
Reiz des Glockenspiels Viele Komponisten suchten schöpferischen Freiraum in modernistischer Aneignung von Folklore. Yuri Simakin betont den meditativen Aspekt im „Ritual“ (1972) mit ausklingenden Resonanzflächen und repetitiven Momenten. Den Reiz des Glockenspiels orthodoxer Kirchen greift Alexander Aslamazov in den „Wesnianki“-Variationen (1972) auf. Farblich differenziert zaubert Radwilowitsch die Vielfalt enger Tonräume. Einen sterbenden Musiker stellt Radwilowitsch in seinem Stück „Sa(e)iten“ (1994) dar, der Flügel wird zum Perkussionsinstrument. Fingerglissandi auf den Saiten und verfremdete Basslagen gesellen sich zur farblich spannenden Klangfantasie.
Virtuos und kraftvoll ist Radwilowitschs Etude „Flamme(r)“ (1999), gewidmet dem Komponisten Ernst Helmuth Flammer. Eine kantig verschachtelte Reihe durchzieht „Code of the Universe“ (2008), das offen endet. Also wieder keine Weltformel, nicht einmal aus St. Petersburg. Viel Beifall für den Solisten.
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