Heilbronn
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Vom produktiven Nichtstun: Alexander Estis ist für ein Jahr Stadtschreiber von Heilbronn

Der Autor Alexander Estis begleitet das Stadtentwicklungs- und Kunstprojekt "Hauptstadt der Folgenlosigkeit": Wie er sich sein Stadtschreiber-Dasein in Heilbronn vorstellt und was der in Moskau Geborene mit ukrainischen Wurzeln zum russischen Angriffskrieg zu sagen weiß.

Claudia Ihlefeld
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Vom produktiven Nichtstun: Alexander Estis ist für ein Jahr Stadtschreiber von Heilbronn
Mit Formen des Nichtstuns und der Folgenlosigkeit hat er sich literarisch beschäftigt: Ab Mai ist Alexander Estis, Autor unter anderem von "Handwörterbuch der russischen Seele", Stadtschreiber in Heilbronn.  Foto: privat

"Ich kann nicht sagen, dass ich viel Zeit damit verbringe, nichts zu tun", sagt Alexander Estis. Und grenzt den Begriff "Tatenlosigkeit" ab von "sich verweigern" oder jener "Folgenlosigkeit", um die sich in Heilbronn in den kommenden Monaten einiges drehen soll. Nachdem der Designtheoretiker und Autor Friedrich von Borries aus Berlin und Tobias Frühauf und Philipp Wolpert vom Heilbronner Theaterlabel Tacheles und Tarantismus mit weiteren Akteuren und Heilbronner Institutionen das Stadtentwicklungs- und Kunstprojekt "Hauptstadt der Folgenlosigkeit" ausgerufen haben.

Wie kann ein Leben ohne negative Folgen aussehen?

Das Projekt, das Anfang Mai startet, ernennt Heilbronn für ein Jahr zur Kapitale, in der untersucht wird, wie ein Leben aussehen kann, das keine negativen Folgen für andere Menschen und Materien hat. Geplant sind Ausstellungen, Lesungen, Konzerte, Feste, Performances und Vorträge. Es wird ein Stipendium für Nicht(s)tun für drei Personen ausgeschrieben. Und Heilbronn bekommt mit Alexander Estis einen Stadtschreiber, der das Treiben in der "Hauptstadt der Folgenlosigkeit" beobachtend begleitet.

Bundesweit ausgeschrieben, hatten sich 19 Autorinnen und Autoren für das Aufenthaltsstipendium beworben, eine Fachjury hat sich auf Estis geeinigt. Im Moment ist Alexander Estis noch Veedelschreiber, also Stadtteilschreiber, in Köln-Kalk, lebt sonst in Aarau in der Schweiz, war soeben auf Lesereise in Berlin und berichtet im Gespräch mit unserer Zeitung, wie er mit dem Thema Folgenlosigkeit in Heilbronn umgehen möchte. Aber auch von seiner Einschätzung des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine und die Folgen.

Sowohl in Moskau als auch in Kiew leben Verwandte

1986 in eine jüdische Künstlerfamilie in Moskau geboren, aufgewachsen in Hamburg, ist Estis von dem Konflikt doppelt betroffen. Die Familie seines Vaters stammt aus der Ukraine, sowohl in Moskau wie in Kiew leben Verwandte. In den 1990er Jahren, erzählt er, als unklar war, wohin sich das Land bewegen würde, überlegen seine Eltern, ob sie nach Deutschland oder Israel auswandern sollen - und entscheiden sich für Deutschland.

Milch, Apfel und guten Tag sind die drei, vier Wörter, mit denen der Neunjährige in der neuen Heimat ankommt. Seine Mutter hat zuvor in Russland Deutschkurse belegt und mit Heinrich-Heine-Gedichten die Sprache gelernt. In Moskau Klassenbester, kassiert Estis bei seinem ersten Deutschdiktat 36 Fehler in einem Text von "sagen wir mal" 20 Wörtern.

Seit einigen Jahren widmet er sich ganz dem Schreiben

Beim nächsten Diktat sind es zwei Fehler, später studiert er Germanistik und Latein an der Uni Hamburg, ist Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes, schreibt Kolumnen für den Deutschlandfunk, "Frankfurter Rundschau", die "NZZ", ist Hochschuldozent, bevor er sich ganz dem Schreiben widmet.

Estis, unter anderem Autor von "Handwörterbuch der russischen Seele", erklärt, warum in Russland niemand von "russischer Seele" spricht, diesem Konstrukt aus dem deutschsprachigen Raum, höchstens von "weiter" Seele. "Russland ist allein geografisch so riesig. Es gibt ganz viele kleine Russlands."

"Die russischen Behörden setzen auf Einschüchterung"

Öfter denn je hat er Kontakt zu Freunden und Vewandten. Wie frei sie in ihrer Kommunikation sind? Es gibt die, die sich in den sozialen Medien äußern und riskieren, ins Straflager zu wandern. Viele sind ausgewichen auf Telegram. Der Messengerdienst löscht alle 24 Stunden den Verlauf. Das kann jene retten, die willkürlich auf der Straße angehalten und deren Handys gefilzt werden nach Stichworten wie "Krieg" oder "Nawalny".

"Es ist Glückssache oder Unglück, was einem widerfährt. Man kann nicht jeden einsperren. Die russischen Behörden setzen auf Einschüchterung." "Kalkulierte Unberechenbarkeit", nennt es Estis. "Darin sind russische Behörden Experten." Nicht erst seit Putin, "seit dem Zarenreich beherrschen es die Geheimdienste, Menschen in Angst zu versetzen". Und: "Es gibt einen fruchtbaren Boden für Propaganda und Kriegsrhetorik."

Der Begriff Nichtstun ist ein Paradox

Wie stellt sich Estis sein Stadtschreiber-Dasein in Heilbronn vor? Mit den unterschiedlichen Feldern des Nichtstuns hat er sich literarisch bereits beschäftigt. Mit dem Verschwinden, mit Fluchten. Er wird weiterarbeiten an Texten zur Folgenlosigkeit und Rücknahme von Folgen. Wird das Stipendium für Nicht(s)tun beobachten, plant "Protokolle des Unterlassens", wohl wissend, dass man nicht protokollieren kann, was nicht passiert.

Allein der Begriff "Nichtstun" ist ein Paradox, sagt Estis und zitiert den Philosophen Paul Watzlawick und dessen legendäres Diktum "Man kann nicht nicht kommunizieren".

Zur Person: 1986 in Russland geboren, aufgewachsen in Deutschland, studiert Alexander Estis Germanistik und Lateinische Philologie an der Universität Hamburg. Er schreibt Kolumnen und Gastbeiträge für Deutschlandfunk Kultur, "Frankfurter Rundschau", "Neues Deutschland" und "Unabhängige Zeitung" (Moskau). Estis arbeitet als Publizist und Übersetzer, war Hochschuldozent in Freiburg, Hamburg, Zürich und Genf. Er lebt als freier Autor von Kurzprosa in Aarau/Schweiz und realisiert diverse Stadtschreiberprojekte.

 

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