Vom Aufbruch aus Afghanistan: Maren und Ahmadjan Amini mit Comicbuchpreis ausgezeichnet
"Ahmadjan und der Wiedehopf" heißt die Graphic Novel, für die Maren und Ahmadjan Amini aus Hamburg den Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung 2023 bekommen haben. Im Stuttgarter Literaturhaus sind nun Auszüge aus dem Vater-Tochter-Projekt in einer Ausstellung zu sehen.

"Ein paar Geschichten kannte ich, als Ganzes hat er mir sein Leben zuvor aber noch nicht erzählt", sagt Illustratorin Maren Amini über ihren Vater Ahmadjan. 1953 im Panjshir-Tal in Afghanistan geboren, spiegelt sich in der Biografie des Malers die wechselvolle Historie seines Geburtslandes sowie seine Erfahrungen der Emigration nach Deutschland wider. Angeregt durch eine Serie von mit dem Spatel ausgeführten Vogel-Darstellungen des Künstlers, haben sich Tochter und Vater daran gemacht, dessen Lebensgeschichte als Graphic Novel zu erzählen.
Am Montagabend erhielt das Duo aus Hamburg dafür in Stuttgart den mit 20 000 Euro dotierten Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung. Das Besondere an der Auszeichnung, die jährlich seit 2014 vergeben wird: Gewürdigt werden damit laut Stiftung jeweils eine hervorragende, noch unveröffentlichte Arbeit, deren Publikation aber absehbar ist. "Ahmadjan und der Wiedehopf", so der Titel des aktuellen Gewinnerbandes von Maren und Ahmadjan Amini, soll nächstes Jahr im Herbst 240 Seiten dick im Hamburger Carlsen Verlag erscheinen.
Insgesamt 132 Bewerbungen gingen ein - so viele wie noch nie

Wer schon jetzt einen Blick auf das Projekt werfen möchte, kann dies vor Ort tun in der Ausstellung im Literaturhaus Stuttgart, die nicht nur Auszüge daraus zeigt, sondern in komprimierterer Form auch aus den Arbeiten der anderen neun Finalisten - und die nach dem 14. Juli weiterwandert ins Literarische Colloquium Berlin. Auch online in einer virtuellen Galerie ist die Ausstellung zu sehen.
"Ich fand das stimmig", erklärt bei der Preisverleihung im Stuttgarter Hospitalhof Maren Amini (Jahrgang 1983), gefragte Illustratorin für den "Spiegel", "Die Zeit" und "The Washington Post", warum sie die Werke ihres Vaters in die Graphic Novel integriert hat. Die Struktur zu "Ahmadjan und der Wiedehopf" lieferte ihr die Parabel "Konferenz der Tiere" von Fariduddin Attar, einem islamischen Mystiker aus dem 12. Jahrhundert. Trotz tragischen Momenten macht die Geschichte Hoffnung, auch weil sie mit viel Charme und großer Leichtigkeit erzählt wird. In ihrer Reduktion aufs Wesentliche erinnern Maren Aminis Figuren an diejenigen des im vergangenen Jahr verstorbenen französischen Zeichners Jean-Jacques Sempé.
Womit sich die neun Finalistinnen und Finalisten in ihren Arbeiten beschäftigen

Dass die aktuelle Runde ein ganz besonders starker Jahrgang gewesen ist, berichtet Jury-Mitglied und Journalist ("FAZ") Andreas Platthaus dem Publikum: Mit 132 Einsendungen wurde ein Rekord erreicht. In der Auswahlschau im Literaturhaus dementsprechend augenfällig: Die stilistische und thematische Vielfalt des Mediums Comics im deutschsprachigen Raum. Ob streng in sogenannten Panels angeordnet oder in der Seitengestaltung offen, ob ausgesprochen malerisch oder wie eilig skizziert wirkend, verhandeln die neun Finalisten persönliche, politische, wissenschaftliche, gesellschaftliche, kunsttheoretische, historisch verbürgte und fiktionale Stoffe.
Die Göttingerin Janne Marie Dauer (Jahrgang 1995) beispielsweise hat Bov Bjergs Bestseller-Roman "Auerhaus" adaptiert, die Geschichte um eine Bauernhof-WG und einen suizidgefährdeten Jugendlichen in der schwäbischen Provinz der 80er Jahre. Constantin Satüpo, 1978 in Moskau geboren, hat unter den Fahrbahnen des Périphérique am Nordrand von Paris recherchiert und seine Eindrücke der dortigen Drogenszene reportageartig festgehalten. Die Darmstädterin Tine Steen (1965) wiederum hat anthropologische Forschung zum Thema Essen als Sachcomic aufbereitet und 33 prähistorische Rezepte dazugestellt.
Der Gewinnerband
"Ahmadjan und der Wiedehopf" erzählt unter anderem davon, wie der junge Titelheld auf der Suche nach Wohlstand und Glück sowie seinem Traum folgend, Künstler zu werden, sein afghanisches Dorf verlässt, um über das friedliche, von Hippies bevölkerte Kabul Anfang der 70er Jahre nach Hamburg zu kommen. Vier Jahre später gezwungen, nach Afghanistan zurückzukehren, wird Ahmadjan dort zum Militärdienst eingezogen und erlebt den sowjetischen Einmarsch sowie den beginnenden Bürgerkrieg, ehe er sich erneut nach Hamburg aufmacht.
Ausstellungsdauer
Bis 14. Juli im Literaturhaus Stuttgart. Ob die Räume, die auch vermietet werden, zum geplanten Besuchszeitpunkt zugänglich sind, kann telefonisch erfragt werden (0711 22 02 173). Virtuelle Galerie: hubs.mozilla.com/LSrGGCg/.

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