Schwäbisch Hall
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"Geschichten aus dem Wiener Wald" im Neuen Globe in Schwäbisch Hall

Christian Doll inszeniert bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall das ätzend sozialkritische Drama "Geschichten aus dem Wiener Wald" von Ödön von Horváth: ein bitterböser Abend mit Komik und Schärfe und einem Ensemble, dem man gerne zusieht beim Spiel.

Claudia Ihlefeld
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Lesezeit 2 Min
Verlogene Gemütlichkeit verlorener Kleinbürger im Neuen Globe in Schwäbisch Hall
Marianne (Mira Huber) will mit Alfred (Dominik Hartz) glücklich sein. Foto: Arslan  Foto: UFUK ARSLAN

"Mein Körper gehört mir", sagt Marianne. Und das lange vor der 68er-Bewegung, die bekanntlich den Frauen auch keine wirkliche Befreiung brachte. Ödön von Horváth legt seiner am Ende scheiternden Heldin 1929 die Worte in den Mund. Nicht nur deswegen gilt Horváths Stück "Geschichten aus dem Wiener Wald" als Schlüsselwerk der modernen Dramatik.

1931 in Berlin uraufgeführt, hat Christian Doll den Bühnenklassiker jetzt für die Freilichtspiele Schwäbisch Hall inszeniert. Nicht für die Große Treppe, sondern bewusst für das Neue Globe als Ort für modernes Volkstheater -im Sinne von zeitkritisch und nicht heimattümelnd. So wie der österreichisch-ungarische Autor Horváth volkstümliche Klischees entlarvt und die Wiener Gemütlichkeit als recht ungemütlich demaskiert.

Hier wird eine existenzielle Geschichte beiläufig erzählt

Der Titel - in Anlehnung an den Walzer "Geschichten aus dem Wienerwald" von Johann Strauss (Sohn) - gaukelt eine Idylle vor, die es Ende der 20er Jahre nicht gab. Weder ökonomisch noch politisch. In beiläufigem Ton wird hier eine existenzielle Geschichte erzählt, die Komik und Schärfe provoziert. Horváths Drama liest Doll als großes Schauspielertheater.

Tatsächlich schaut man dem Spiel im Globe gerne zu, finden Doll und sein Team wirkungsvolle Bilder, ohne Horváths bitterböse Zeitkritik zu verraten. "Du wirst mir nicht entkommen", droht der Fleischhauer Oskar (Martin Maecker als sadistischer Melancholiker) seiner Marianne (Mira Huber, mädchenhaft keck und lebenshungrig), als die die Verlobung platzen lässt, um mit dem Kleinganoven Alfred (Dominik Hartz) durchzubrennen, ein Kind bekommt, sitzen gelassen wird. Und als Tänzerin in einem Nachtclub arbeitet.

Nach einem feucht-fröhlichen Ausflug wird das Mädel entdeckt

Als der Vater (Dirk Weiler mit verschmitzter Präsenz) und Nachbarn nach einem feucht-fröhlichen Ausflug das Mädel dort entdecken, nimmt die soziale Ausgrenzung Mariannes ihren Lauf. Nach dem von Alfreds Großmutter forcierten Tod des unehelichen Kindes macht der bigotte Oskar sein "Du wirst meiner Liebe nicht entgehen" aufs Schaurigste wahr - und heiratet Marianne.

Ausstatterin Cornelia Brey hat zu den zwei Emporen der halbrunden Bühne eine dritte gezogen - ein Konstrukt aus Sperrholz -, so dass insgesamt auf vier Ebenen gespielt wird. Ob in der stillen Straße im 8. Wiener Bezirk, wo Fleischhauerei, Puppenklinik und die Tabak-Trafik der legendären Trafikantin Valerie liegen, in der Wachau, im Wienerwald oder an der Donau: Die Handlungsorte wechseln fließend, Treppen werden flugs hoch und runter genommen, ein roter Lift verbindet die Welten.

Die Bühne als Guckkasten mit Schaueffekten

Die Bühne funktioniert als Guckkasten. Ein theatralischer Raum, der zeitlos heutig ist. Dominik Hartz zeichnet Alfred weniger als verschlagenen Hallodri denn als überforderten, harmlosen jungen Mann. Franziska Becker gibt Valerie als erfahrene Verführerin, die, bevor sie wirklich leidet, ihre Liebhaber in die Wüste schickt.

Horváths lakonisch-derben Blick auf verlorene, verlogene und doch sehnsuchtsvolle Kleinbürger am Vorabend des Faschismus weder operettenselig manieriert noch allzu streng satirisch zu inszenieren, ist eine Gratwanderung. Doll wählt den Mittelweg, lässt es auch krachen und die Walzerklänge verfremden.

Tangoelemente zum Wiener 3/4-Takt

Karin Eckstein am wechselseitigen Bandoneon hat zum 3/4 Takt ein Arrangement geschaffen mit Tangoelementen und bricht die Wiener Nostalgie mit einer eigenen Melancholie. Viel Applaus nach knapp drei Stunden inklusive einer Pause.

Weitere Vorstellungen: www.freilichtspiele-hall.de

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