Heilbronn
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Tanzabend Future World: Gastspiel aus Saarbrücken im Heilbronner Theater

Mit dem dreiteiligen Abend "Future World" im Großen Haus blickt das Ballett des Saarländischen Staatstheaters in die Zukunft. Bis Samstag sind dort Positionen des zeitgenössischen Tanzes zu sehen.

Claudia Ihlefeld
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Lesezeit 2 Min
Und immer glimmt ein Funken auf: Tanzgastspiel aus Saarbrücken im Heilbronner Theater
Frenetisches Muskelspiel und Poesie zeichnen Marco Goeckes dunkle Tanzwelten aus: Kyle Davis in Goeckes "Whiteout", einem der drei Stücke, mit denen das Saarländische Staatstheater bis Samstag in Heilbronn zu erleben ist.  Foto: Bettina Stöß

Future World" ist der Titel eines Science-Fiction-Films aus dem Jahr 2018 von James Franco und erzählt von einem Prinzen, der sich in einer postapokalyptischen Welt gemeinsam mit einem Roboter auf die Suche nach einem Heilmittel für seine kranke Mutter macht.

"Future World" heißt auch der dreiteilige Tanzabend des Saarländischen Staatstheaters, das mit diesem Triple Bill bis Samstag im Großen Haus des Heilbronner Theaters gastiert. Mit dem US-amerikanischen Sci-Fi haben die Arbeiten von Stijn Celis, Richard Siegal und Marco Goecke nichts zu tun. Hier werden keine Geschichten erzählt, das Generalthema des Abends will die Frage verhandeln, wie der Tanz der Zukunft aussieht.

Voller Schaulust und Rasanz

Das Ergebnis ist zwar nicht wirklich futuristisch. Mit den Möglichkeiten eines Crossovers der Bewegungsmuster experimentieren Choreographen schon lange. Ohne, wie der Abend zeigt, das neoklassische Vokabular über Bord zu werfen. Der Schaulust und Rasanz von "Future World" tut das aber keinen Abbruch, frisch und locker interpretiert die Compagnie, wie namhafte Choreographen den zeitgenössischen Tanz weiter entwickeln. Ein anregender Dreiteiler, der vom tanzbegeisterten Heilbronner Publikum mit viel Applaus bedacht wird.

Dass einige wenige ausgerechnet nach der zweiten Pause und der Choreographie "Liedgut" von Richard Siegal am Premierenabend gegangen sind, erstaunt. Besticht doch gerade Siegals souveräner Pop-Appeal.

Der einstige William-Forsythe-Tänzer - und das sieht man, wie er den Raum strukturiert und durchmisst - zeichnet für Tanz, Bühne, Kostüme und Licht gleichermaßen verantwortlich. Gemeinsam mit einer Videoarbeit von Jean-Philippe Lambert gelingt ein intelligentes Gesamtkunstwerk. Ein Tanzvergnügen und eine Art quicklebendige skulpturale Video-Installation.

Durchgestylt und furios dekonstruiert Siegal das Ballettvokabular

Auch wenn man anfangs meint, das kunstvolle Rauschen und Flackern des vertikalen Videoboards würde den Bewegungsfluss der Tänzer dominieren, pendelt sich "Liedgut" rasch ein zum innovativsten Stück von "Future World". Uraufgeführt 2014, lässt Siegal dabei zur spannungsreichen elektronischen Klangfusion von Uwe Schmidt (alias Atom TM) durchaus auch auf Spitze tanzen. Durchgestylt und furios dekonstruiert Siegal vor blitzendem LED-Licht das Ballettvokabular, und setzen Saarbrückens Tänzer all das bemerkenswert um. Bis zu neckisch verdrehten Liedzeilen aus "Es klappert die Mühle am rauschenden Bach" - da ist die Compagnie dann schon von der Bühne abgegangen, eine fremde Stimme spricht zu uns.

Begonnen hat der Abend mit "Clara" von Stijn Celis, der seit 2014 die Compagnie am Saarländischen Staatstheater leitet. Der Titel nimmt Bezug auf die Figur der Clara in E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann" und ist eine Hommage an die vielen weiblichen Stimmen, die erklingen.

Was künstliche Intelligenz für uns macht

Und immer glimmt ein Funken auf: Tanzgastspiel aus Saarbrücken im Heilbronner Theater
Yaiza Davilla Gómez (links), Hope Dougherty und Nobel Lakaev in "Liedgut" von Choreograph Richard Siegal, der für Tanz, Ausstattung und Licht verantwortlich ist.  Foto: Bettina Stöß

Wie Hoffmann in der Tradition der Schwarzen Romantik untersucht Celis das Verhältnis Mensch und Maschine und schließt es tänzerisch kurz mit der Frage, was künstliche Intelligenz mit uns macht. Automatenhafte Bewegungen kontrastieren mit fließenden Formationen. Doch packt Celis zu viel hinein in das bildstarke Stück.

Tänzer in körperfarbenen, hautengen Anzügen (Laura Theiss) scheinen von innen zu leuchten. Stecken in antik anmutenden roten Gewändern. Oder stapfen unterm Fell wie Schamanen über die Bühne. Das allherrschende Übernatürliche wird forciert von Kompositionen des Japaners Isao Tomita, Max Richters und einem archaisch-rituell durchdringenden bulgarischen A-cappella-Frauenchor.

Flatterhände und das Spiel der Muskeln

Immer wieder ein Erlebnis ist es, eine Arbeit des langjährigen Stuttgarter Haus-Choreographen Marco Goecke zu sehen, seit 2019 Ballettchef der Staatsoper Hannover. "Whiteout" aus dem Jahr 2008 zu knarzend-schönen Ohrwürmern von Bob Dylan vereint das Beste, was Goeckes Handschrift ausmacht. Flatterhände, die kontrolliert nervöse Bewegungssprache des Oberkörpers, das skulpturale Muskelspiel, die frenetischen Wiederholungen eines dynamischen Tanzvokabulars. Poesie und Besessenheit. Und jene Fähigkeit, auf kleinstem Raum den puren, existenziellen Tanz zu zelebrieren, wenn in Goeckes dunkler Welt förmlich Funken aufglimmen.

Mit Arbeiten des Belgiers Stijn Celis (Jahrgang 1964), des Amerikaners Richard Siegal (1968) und von Marco Goecke, 1972 in Wuppertal geboren, präsentiert das Ballett des Staatstheaters Saarbrücken bis Samstag Positionen zeitgenössischer Choreographen. Der dreiteilige Abend, ein Triple Bill mit zwei Pausen, beginnt 19.30 Uhr im Großen Haus. Karten unter 07131 563001, kasse@theater-hn.de, www.theater-heilbronn.de.

 
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