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"Shift": Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart erörtert Risiken und Potenziale von KI

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Mumien, Marlene und eine müde Puppe: Die anregende Ausstellung "Shift" im Kunstmuseum Stuttgart lotet die Beziehung zwischen KI und Gesellschaft aus. Das lässt mitunter schmunzeln, aber auch erschaudern.

Die Beziehung zwischen Algorithmen und Menschen, zwischen Künstlicher Intelligenz und einer zukünftigen Gemeinschaft: Damit befasst sich die Ausstellung "Shift".
Die Beziehung zwischen Algorithmen und Menschen, zwischen Künstlicher Intelligenz und einer zukünftigen Gemeinschaft: Damit befasst sich die Ausstellung "Shift".  Foto: GERALD ULMANN PHOTOGAPHYL

"Wie lautet dein Name?" Keine Antwort. Auch nach mehrmaliger Wiederholung nicht. Dabei sollten Besucher eigentlich mit einer der lebensechten "Repräsentantinnen" von Louisa Clement im Ausstellungsraum plaudern können. Doch die bewegt lediglich den Kopf hin und her.

Der Mann von der Museumsaufsicht kommt herbei und liefert eine Erklärung: Normalerweise reagiert der kommunikationsfähige Roboter, der auf einer chinesischen Sexpuppe basiert und die Gesichtszüge der Künstlerin trägt, auf Geräusche und beantwortet einfache Fragen. Nach fünf Stunden Dauerbetrieb und bei den vielen Besuchern sei die Puppe mittlerweile aber wohl erschöpft. "Da ist sie fast schon wieder menschlich."

Die Beziehung zwischen Algorithmen und Menschen, zwischen Künstlicher Intelligenz und einer zukünftigen Gemeinschaft: Damit befasst sich die Ausstellung "Shift" (englisch = Verschiebung, Übergang, Wechsel), die aktuell im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen ist. Das Kooperationsprojekt mit dem Museum Marta Herford führt acht Künstler beziehungsweise Künstlergruppen zusammen, die sich in ihren Werken mit den Risiken und Potenzialen dieser Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts auseinandersetzen. Und die Frage nach unserer ethischen Verantwortung aufwerfen.

"Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre", singt eine wiederbelebte Marlene Dietrich

"Widaoferstand'n? Fühlt sick ja jar nüsch so an. Ick bin doch nüsch Jesus", berlinert etwa ein Marlene-Dietrich-Double im 3D-Film "MD" von Kennedy+Swan. Geklont aus einer Haarsträhne der Hollywood-Diva (1901-1992) - so die Erzählung, versinnbildlicht es die rasant voranschreitende Liaison zwischen Biologie und KI. Wo denn all die Erinnerungen herkommen, fragt die Sängerin und Schauspielerin ein wenig hilflos, ehe sie "Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre" anstimmt. An den Texten zu den Videos des Künstlerduos schreibt auch ein Sprachmodell mit.

Mithilfe von KI hat Christian Kosmas Mayer die Stimme einer 2000 Jahre alten Mumie nachgebildet.
Mithilfe von KI hat Christian Kosmas Mayer die Stimme einer 2000 Jahre alten Mumie nachgebildet.  Foto: GERALD ULMANN PHOTOGAPHYL

Der Traum der Unsterblichkeit dank Technik: Christian Kosmas Mayer greift ihn ebenfalls auf. Mithilfe von KI hat er die Stimme einer 2000 Jahre alten Mumie nachgebildet. Dem sich möglicherweise sanft gruselnden Besucher schallt sie in der Installation "Maa Kehru" über gleich acht Kanäle entgegen - und klingt wie die Brummstimme eines Teddybären. Passend dazu erinnern Mayers Skulpturen der Serie "If you love life like I do" - kopfüber arrangierte Schlafsäcke - an ägyptische Sarkophage, verweisen gleichzeitig auf Kryonik, also das Einfrieren von Menschen.

Eine Chelsea Manning mit 30 verschiedenen Gesichtern

DNA-Phänotypisierung soll es ermöglichen, von einem Genom Rückschlüsse auf Augen-, Haut-, Haarfarbe sowie Alter einer Person zu ziehen. Die Bio-Hackerin und Künstlerin Heather Dewey-Hagborg stellt die Genauigkeiten der Methode in ihrer Arbeit "Probably Chelsea" infrage. Eine KI hat sie mit der DNA-Probe der US-amerikanischen Whistleblowerin Chelsea Manning gefüttert, herausgekommen sind 30 verschiedene Porträtköpfe.

Aus Kabeln, Kopfhörern und Tablets hat das Künstlerduo Knowbotiq ein raumgreifendes Gewebe geschaffen.
Aus Kabeln, Kopfhörern und Tablets hat das Künstlerduo Knowbotiq ein raumgreifendes Gewebe geschaffen.  Foto: GERALD ULMANN PHOTOGAPHYL

Aus Kabeln, Kopfhörern und Tablets hat das Künstlerduo Knowbotiq ein raumgreifendes Gewebe geschaffen. Algorithmen, Arbeit und Revolte: In der Installation "Amazonian Flesh" sprechen Chatbots in rhythmisierten Videosequenzen mit freundlich-sanftem Tonfall: "Kann ich dir behilflich sein? Meine Zeit ist unendlich. Irgendwann wirst du reagieren müssen." Der todbringende Super-Computer HAL aus Stanley Kubricks Sci-Fi-Klassiker "2001 - Odyssee im Weltraum" lässt grüßen.

Eine audio-visuelle Reizüberflutung in abgedunkelten Räumen ist am Ende des Rundgangs Hito Steyerls Video "SocialSim". Schnelle Bilder in Videospielästhetik, dazu ein permanent hämmernder elektronischer Beat: Die Künstlerin und Filmemacherin hat die Datenflut von Simulationsmodellen und Statistiken in einen ekstatischen Tanz der Figuren übersetzt.

Begleittexte und Glossar

Bias, Non-Fungible Tokens (kurz: NFTs), Turing-Test: Ein Glossar, das Begriffe in den Begleittexten näher erläutert, kann in der Ausstellung über QR-Codes mit dem Smartphone aufgerufen werden. Überhaupt: Um zu verstehen, wie die Arbeiten entstanden sind, um einen Zugang zu ihnen zu bekommen, muss sich der Besucher einlesen. Während es die flankierenden Erläuterungen und die Katalogbeiträge in deutscher Sprache gibt, sind die künstlerischen Positionen selbst allerdings oft in englischer Sprache.

Ausstellungsdauer: Bis 21. Mai im Kunstmuseum Stuttgart, Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Freitag 10 bis 20 Uhr.

 
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