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"Sex mit Madonna" beim Festival "Tanz! Heilbronn" in der Boxx

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Das Tanzstück "Sex mit Madonna" von Chris Jäger in der Boxx des Heilbronner Theaters verhandelt das Thema manisch-depressive Störung auf anrührende Weise, beklemmend und poetisch.

Euphorisch-manisch in Bewegung, obwohl Körper und Geist Ruhe und Entspannung suchen: "Sex mit Madonna" vertanzt die Krankheit bipolare Störung.
Foto: Schirmer
Euphorisch-manisch in Bewegung, obwohl Körper und Geist Ruhe und Entspannung suchen: "Sex mit Madonna" vertanzt die Krankheit bipolare Störung. Foto: Schirmer  Foto: Alternativer Fotograf

Den Begriff bipolar mag Thomas Melle nicht. Manisch-depressiv findet er ehrlicher, hat der Schriftsteller in einem "Spiegel"-Interview über seine Krankheit einmal gesagt. "Erst bin ich manisch, dann depressiv." Auch, dass er schon dachte, Sex mit Madonna gehabt zu haben, hat Melle erzählt.

"Sie hatte ihr Leben lang über mich gesungen." Wer "Sex mit Madonna", so der Titel der bemerkenswerten Produktion in der Boxx, gesehen hat, versteht, was Melle meint.

100 Kilo buntes Konfetti

Das Stück von Chris Jäger für zwei Tänzerinnen, einen Tänzer und 100 Kilo Konfetti versucht nichts Geringeres, als eine der häufigsten psychischen Krankheiten als rasenden Traum physisch darzustellen. Wie bewegt sich der depressive Körper, wie der manische? Was macht diese Spannung mit Betroffenen?

"Life is a mystery. Everyone must stand alone. I hear you call my name. And it feels like home", singt Madonna in "Like a prayer", und tatsächlich hören sich nicht nur dieser Song aus dem Jahr 1989, sondern auch die weiteren Songschnipsel an diesem Abend an wie eine Zustandsbeschreibung eines manisch-depressiven Innenlebens.


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Sneakers wie Fußfesseln

Louis Thato Partridge hüpft wie besessen hin und her, Schnüre halten seine Sneakers zusammen wie Fußfesseln, bis er sie auszieht und in die Ecke wirft. Mal konvulsiv, mal weich strömen Wellen durch seinen Körper, es arbeitet im Gehirn.

Zwei Frauen treten einzeln und als Spiegelung der anderen hinzu - und sind vielleicht nur die Vision des Mannes. Wunschbild, inneres Korrektiv, eine Idee von Leben. Auch Justyna Kalbarczyk und Maya Milet ringen in ihren Rollen um Fassung in dieser theatralen Annäherung an ein Tabu-Thema.

Das Beklemmende dieser Krankheit wird nicht voyeuristisch gezeichnet

Chris Jägers Choreographie und die technisch wie darstellerisch brillanten Tänzer zeichnen die bipolare Störung klar und dabei traumwandlerisch poetisch. Das Beklemmende dieser Krankheit wird weder voyeuristisch noch alarmistisch gezeichnet. Das Bewegungsmaterial ist trotz Wiederholungen, die das Manische markieren, spannungsreich raumgreifend. Und voll Poesie und, ja, Schönheit.

Der Blick in seelische Nöte irritiert, die Klangcollage aus Vogelgezwitscher, Donnergrollen, aus Madonna-Songs, dem Rauschen einer Windmaschine und mehr gibt dem Ganzen aber auch Drive. Tänzerisch, dramaturgisch, erzählerisch, illusionistisch, hier stimmt Vieles.


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Labile Clowns in großkarierten Jacken

Kiloweise buntes Konfetti wird durch die Luft geworfen, fällt als dichtes Schneegestöber, liegt wie Sägespäne in der Manege. Überhaupt erinnert das Stück an eine Zirkusnummer mit labilen Clowns in großkarierten Jacken, an den traurigen August und seinen Kampf gegen unsichtbare Widerstände.

Wie Punchingbälle springen die Tänzer, robben am Boden, ihre Körper bäumen sich auf, ihr fragender Blick richtet sich auf die Zuschauer. "Borderline" ertönt es vom Band, "I lose my mind". In einer anrührenden Szene steht eine Tänzerin im Windkanal eines Konfettisturms, Augen und Mund zugepresst.

Suggestive Auseinandersetzung mit einem Alptraum

"You are frozen" singt Madonna. Ungläubig steht in einer anderen Szene der Mann, als wäre er in seinem mit Konfetti ausgestopften Pullover eine One-Minute-Sculpture von Erwin Wurm. Viel Applaus für diese suggestive Auseinandersetzung mit dem Alptraum Depression.


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