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Offenen Auges in die Katastrophe: Premiere "Biedermann und die Brandstifter" im Theater Heilbronn

Tobias Wellemeyer hat Max Frischs wohl bekanntestes Drama "Biedermann und die Brandstifter" als groteske Parabel im Großen Haus in Heilbronn inszeniert.

Claudia Ihlefeld
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Lesezeit 3 Min
Offenen Auges in die Katastrophe: Premiere "Biedermann und die Brandstifter" im Theater Heilbronn
Wie man sich die Dämonen ins eigene Haus holt: Der verstörte Biedermann (Nils Brück, oben rechts) will sich seinen Argwohn gegenüber den Brandstiftern (Pablo Guaneme Pinilla, Stefan Eichberg, links) nicht anmerken lassen. Foto: Candy Welz  Foto: Candy Welz

Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die nackte Wahrheit", bringt einer der Brandstifter die Tragikomik dieses Theaterabends auf den Punkt. Nun ist es mit der Wahrheit so eine Sache und neigt der Mensch dazu, sich selbst zu belügen.

Einer, der darin eine erstaunliche Routine entwickelt hat, ist Biedermann. Der sich das drohende Unheil sehenden Auges ins Haus holt und - seinem Namen alle Ehre gereichend - sich den Brandstiftern unterm eigenen Dach anbiedert. Im naiven Glauben, sie würden ihn verschonen, wenn Biedermann nur hübsch einen auf Freundschaft macht. Auf klassenübergreifende Verständigung mit dem Proletariat.

Ein Lehrstück ohne Lehre

In der Regie von Tobias Wellemeyer ist Max Frischs Lehrstück ohne Lehre, so der Untertitel von "Biedermann und die Brandstifter", jetzt im Großen Haus des Heilbronner Theaters zu sehen. Wellemeyer erzählt die groteske Parabel in einem theatralisch-zeitlosen Raum (Bühne: Tanja Hofmann) mit Reminiszenzen an die Entstehungszeit des Dramas in den 50er Jahren.

Wie in einem Setzkasten bewegen sich die Figuren auf zwei Stockwerken. Unten im spartanisch eingerichteten Wohnzimmer des Haarwasserfabrikanten Gottlieb Biedermann und seiner Frau Babette, das nach hinten ins Bad führt und rechts in die Diele des als Villa bezeichneten Hauses. Und oben unterm Dach, wohin die Treppe mit abgenutztem, grünen Teppichboden führt. Hier lagern Willi Eisenring und Josef Schmitz ein halbes Dutzend Benzinfässer, basteln Zündkerzen und planen den nächsten Brandanschlag.

Die Regie verzichtet auf das Nachspiel in der Hölle

Durch das makabre Endzeitszenario bahnt sich die Katastrophe ihren Weg: langsam, unaufhörlich. Auf das Nachspiel in der Hölle, das Frisch für die deutsche Erstaufführung hinzugefügt hatte, verzichtet die Regie und setzt ein Weltuntergangs-Unwetter an den Anfang, bevor sich Nils Brück in der Rolle des Biedermann eine Roth-Händle anzündet. Auf dem TV-Bildschirm im Hintergrund stürzen derweil Häuser ein.

Biedermann wedelt mit der Zeitung, die über neue Brände in der Stadt berichtet. Die Brandstifter sollen Hausierer sein, die sich bei ihren arglosen Gastgebern einnisten. "Aufhängen sollte man sie", gibt er sich entschieden. Bis sich der arbeitslose Ringer Schmitz Zugang zu Biedermanns Haus verschafft.

Hemdsärmlig und berlinernd

Stefan Eichberg in der Rolle des Brandstifters, hemdsärmlig, berlinernd, dreht Biedermann das Wort im Munde um und lullt ihn ein mit den Phrasen, die der Bürger ohne Bildung, dafür mit schlechtem Gewissen, hören will. Denn Biedermann hat seinen Mitarbeiter Knechtling entlassen, der daraufhin Selbstmord begeht. Situationskomik und latente Gesellschaftskritik wechseln einander ab - und schaffen Tempo.

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Knechtlings Witwe wird später stumm anklagend über die Bühne irrlichtern. Frischs Verweis auf Hofmannsthals Jedermann-Figur und Schuldknechts Weib ist offensichtlich, auch die Biedermanns - "das haben wir in Salzburg gesehen" - erkennen in einer reichlich albernen Szene den Wink mit dem Zaunpfahl.

Mit nervöser Freundlichkeit

Zunächst aber taucht nach Schmitz dessen Komplize Eisenring (Pablo Guaneme Pinilla) auf und nach Eisenring ein Doktor phil (Tobias D. Weber). Weitere Häuser in der Stadt brennen, die Biedermanns in ihrer nervösen Freundlichkeit wollen den dreisten Gästen nicht misstrauen.

Dabei ahnen vor allem Babette (Sabine Unger als angestrengt prätentiöse Gattin) und das Dienstmädchen, das Romy Klötzel klischeehaft schnippisch und überdreht gibt, was ihnen blüht. Während der kommentierende Chor der Feuerwehrleute orakelt und warnt.

Dringlich in der Botschaft

Natürlich ist dieses Lehrstück ohne Lehre belehrend und aktivistisch und die Regie von Tobias Wellemeyer nicht bieder, aber brav. Aber eben auch dringlich in ihrer Botschaft, dass Wegschauen und Beschönigen bequemer ist, als die Dinge beim Namen zu nennen. Denn darum geht es bei Max Frisch: um die verdorbene Sprache, wenn das, was gesagt wird, nicht gemeint ist. "Warum nicht", provoziert Nils Brücks Biedermann auf die Frage, ob er es war, der am Ende den Brandstiftern die Streichhölzer gereicht hat. Schnitt - und munterer Applaus des Premierenpublikums.

Weitere Vorstellungen: www.theater-heilbronn.de

Zum Autor: Mit Theaterstücken wie "Biedermann und die Brandstifter" und "Andorra" sowie mit den Romanen "Stiller", "Homo faber" und "Mein Name sei Gantenbein" erreichte der Schweizer Max Frisch (1911-1991) ein breites Publikum und fand Eingang in den Schulkanon. Den Biedermann-Stoff griff Frisch mehrfach auf. Eine erste Prosaskizze entstand 1948 unter dem Eindruck der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei. Später verarbeitete Frisch den Stoff als Hörspiel sowie als Theaterstück, das 1958 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wurde.

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