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Nur in Heilbronn: Ein Stipendium für drei Monate Nicht(s)-Tun

Lob der Faulheit oder Wunsch nach Wandel? Am Wochenende startet das Kunst- und Stadtentwicklungsprojekt "Folgenlosigkeit" mit Lesungen, Party, Diskussionsrunden und einer Urauffürhung mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn. "Wir merken, das Projekt ist noch erklärungsbedürftig", sagen die Initiatoren.

Claudia Ihlefeld
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Nur in Heilbronn: Ein Stipendium für drei Monate Nicht(s)-Tun
Mit Plakaten am Bahnhof und in der Stadt wirbt der Verein Bund der Folgenlosen für ein verlockendes Angebot: Nur in Heilbronn 5000 Euro für Nicht(s)-Tun. Foto: Mario Berger  Foto: Berger, Mario

Wir merken, das Projekt ist noch erklärungsbedürftig", bekennen Tobias Frühauf und Philipp Wolpert. Die künstlerischen Leiter des Heilbronner Theaterlabels Tacheles und Tarantismus und Friedrich von Borries, Autor, Architekt und Theoretiker für Design aus Hamburg, sind Initiatoren des Kunst- und Stadtentwicklungsprojekts "Hauptstadt der Folgenlosigkeit", das an diesem Wochenende mit einem dreitägigen Auftaktfestival Heilbronn zur Kapitale der Folgenlosigkeit erklärt: mit einer Lesung im Literaturhaus, Party im Mobilat, einem Town-Hall-Event, also einer Art Bürgerversammlung, samt Podiumsdiskussion in der Maschinenfabrik. Und einem Konzert des Württembergischen Kammerorchesters mit Uraufführung auf dem Campus der Hochschule.

Der Begriff der Folgenlosigkeit polarisiert

Gemeinsam mit einer Fülle unterschiedlicher Partnerinstitutionen - wir berichteten - geht das "Folgenlosigkeit"-Projekt der Frage nach, wie ein Leben aussehen könnte, das keine negativen Folgen für andere hat. Unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Harry Mergel will das Festival die ganze Stadtbevölkerung ansprechen, zumal der Begriff der Folgenlosigkeit polarisiert, und eine Debatte darüber anregen, wie wir die Zukunft gestalten. Ob Klimawandel, globale Ungleichheit oder das Streben nach Gerechtigkeit: Dass negative, aber auch positive Folgen für jeden etwas anderes bedeuten, steht außer Frage und macht die ambivalente Natur des Projekts aus, dessen Herzstück das Stipendium für Nicht(s)-Tun ist.

Gestern nun haben Wolpert und Frühauf die Idee des Stipendiums vorgestellt, das mit großformatigen Plakaten in der Stadt und am Bahnhof Aufmerksamkeit wecken möchte. Bis 19. Juni können sich Bürgerinnen und Bürger von Stadt und Landkreis Heilbronn für das Stipendium bewerben.

 

5000 Euro für die originellste Unterlassung

Die Klammer um das "s" von Nicht(s)-Tun ist wohl gewählt, schließlich ist auch ein Nicht-Tun eine bewusste Handlung. Mit jeweils 5000 Euro wird die wie auch immer geartete Unterlassung von drei Bürgern gefördert - dem Zuschlag geht ein mehrwöchiges, "basisdemokratisches" Auswahlverfahren voraus, das die Initiatoren gemeinsam mit dem Demokratiezentrum Heilbronn entwickelt haben.

Lob der Faulheit oder Wunsch nach Wandel? Was könnte ich unterlassen, um der Gesellschaft, der Umwelt und mir selbst Gutes zu tun, ist die Leitfrage des Stipendiums, das seit Ende April online ausgeschrieben ist mit einer nach wenigen Tagen schon erfreulichen Resonanz, wie Philipp Wolpert sagt.

Moderatoren leiten das Auswahlverfahren

Welch tiefe Frustration hinter der allerersten Bewerbung steckt, die einging - "Ich möchte mich nicht mehr verlieben" - , sei dahingestellt. Auf jeden Fall hat nicht(s) tun und unterlassen nicht nur ökologische Aspekte. Die drei Stipendiumsgewinner werden übrigens von allen Teilnehmern selbst ermittelt, nicht von einer Jury. Externe Moderatoren leiten lediglich das Auswahlverfahren.

 

Am 16. Juli stellen sich bis zu 250 Bewerber in einer Gameshow, einer Art Halbfinale, in der Maschinenfabrik Heilbronn vor. Die drei dann gekürten Stipendiaten verpflichten sich, bis Oktober ihre Vorhaben umzusetzen. Kontrolliert wird ihr Nicht(s)- Tun nicht, die Durchführung erfolgt in Selbstverantwortung. Im Rahmen der Langen Nacht der Kultur am 15. Oktober schließlich wird eine der Ideen am Ende der Stipendiumslaufzeit zum Vorbild gekürt.

Die Stadt öffnet ein Amt für Folgenlosigkeit

Diesem Prototyp des Nicht(s)-Tun sollen alle Bewerber weitere drei Monate folgen. Und so das Nicht(s)-Tun in die Stadt tragen. Ein kühnes Unterfangen, das die Stadt unterstützt, indem sie auf Zeit ein Amt für Folgenlosigkeit einrichtet im Schul-, Kultur- und Sportamt. Eine Bürogemeinschaft mit den Initiatoren der "Hauptstadt der Folgenlosigkeit", die Personal und Ausstattung stellen, wie Kulturamtsleiterin Karin Schüttler erklärt. Wer sich nicht online bewerben oder sich generell über das Projekt informieren möchte, dem steht bis 17. Juni zwei Mal die Woche dieses außergewöhnliche Amt zur Seite als "zentrale Anlaufstelle auf dem Marktplatz".


Bewerbung

Bis 19. Juni läuft die Bewerbungsfrist für Bürger der Stadt und des Landkreises Heilbronn auf das Stipendium für Nichts(s)-Tun: Dotiert mit je 5000 Euro, wird die Förderung für "friedvolle Unterlassung" im Juli für drei Monate an drei Personen vergeben. Infos unter www.bund-der-folgenlosen.de.

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