Heilbronn
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Nicole Buhr inszeniert "Corpus Delicti" von Juli Zeh in der Boxx des Heilbronner Theaters

Aufgrund von Corona erschreckend aktuell: Autorin Juli Zeh erzählt in "Corpus Delicti" von einer Gesundheitsdiktatur und einer jungen Frau, die dagegen aufbegehrt. Am Samstag feiert die Inszenierung des Stücks von Regisseurin Nicole Buhr Premiere in der Boxx.

Christoph Feil
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Lesezeit 3 Min
Nicole Buhr inszeniert "Corpus Delicti" von Juli Zeh in der Boxx des Heilbronner Theaters
Die schwarz-weiße Bühne greift das Schwarz-weiß-Denken der Gesellschaft im Stück "Corpus Delicti" auf, erklärt Regisseurin Nicole Buhr. Foto: Christiana Kunz  Foto: Kunz, Christiana

In welchem Maße sind wir bereit, unsere Freiheit für die Sicherheit anderer aufzugeben? Wie viele Informationen über unseren Körper wollen wir gegenüber Technologieunternehmen oder dem Staat preisgeben? Hat der Mensch ein Recht darauf, sich auch ungesund verhalten zu dürfen, selbst wenn er sich damit schadet? Fragen wie diese sind durch die Corona-Pandemie und die Diskussion um eine Impfpflicht aktueller denn je.

Da wundert es kaum, dass sich gleich mehrere Theater in Deutschland Juli Zehs Stück "Corpus Delicti" annehmen. 2007 im Rahmen der Ruhrtriennale in Essen uraufgeführt, zwei Jahre später noch einmal als Roman herausgebracht und inzwischen in einigen Bundesländern sogar Abiturthema, erzählt die Autorin und Juristin Zeh in "Corpus Delicti" von einer Gesundheitsdiktatur im 21. Jahrhundert und von einer jungen Frau, die gegen das System aufbegehrt.

Worum es in Juli Zehs Stück geht

Neun aktuelle Produktionen listet der Rowohlt Theater Verlag, der die Rechte an der Bühnenfassung vertritt, bundesweit auf. Neben unter anderem Freiburg, Karlsruhe und Stuttgart ist "Corpus Delicti" schon bald auch in Heilbronn zu sehen. Denn am Samstag feiert der Mix aus Science-Fiction, Gesellschaftssatire und Gerichtsdrama in der Regie von Nicole Buhr, der Leiterin des Jungen Theaters, in der Boxx Premiere.

Und darum geht es: Dank Genforschung, medizinischer Früherkennung und strengen Hygienegesetzen sind Mitte des 21. Jahrhunderts Krankheiten und Schmerzen passé, Gesundheit ist höchste Bürgerpflicht. Dass diese auch eingehalten wird, darüber wacht ein Herrschaftssystem, genannt Methode. Mittels implantierter Chips kontrolliert es die Biodaten der Menschen und schreibt ihnen vor, wie sie zu leben haben.

In dieser Gesundheitsdiktatur wird Moritz Holl mittels eines DNA-Tests des Mordes an einer Frau überführt, im Gefängnis nimmt er sich das Leben. Seine Schwester Mia, eine junge Biologin, trauert und zweifelt an seiner Schuld. Sie schläft schlecht, vernachlässigt ihren Sport, fängt an zu rauchen - und gerät so ins Visier der Justiz. Weil die bisherige Systemanhängerin unbequeme Fragen stellt und vom vorgegebenen Weg abweicht, wird sie als Terroristin abgestempelt und ihr der Prozess gemacht.

Vor welcher Herausforderung Nicole Buhr stand

Ein knapp 200-seitiges Drama und ein fast 300 Seiten dicker Roman: "Das ist relativ viel Material, da ist man definitiv aufgefordert, seine eigene Fassung daraus zu machen", sagt Regisseurin Nicole Buhr über diese moderne Hexenjagd. "Ich hatte lange Zeit das Gefühl, da stehen keine Figuren auf der Bühne, sondern Ideen", beschreibt die Leiterin des Jungen Theaters die Herausforderung, die Personen des Schauspiels lebendig werden zu lassen.

"Es sind Diskurse, die gar nicht so einfach zu streichen sind, weil sich immer eins aus dem anderen ergibt." Aufgrund von früheren Inszenierungen wurde "Corpus Delicti" schon als abstraktes, konstruiertes, diskurslastiges Thesenstück kritisiert. Die Heilbronner Inszenierung will sich nun auf die Konflikte und Ziele der Figuren konzentrieren.

Während andere Regisseure sich gerne für ein steriles, weißes Bühnenbild entschieden haben, ist Nicole Buhr einen anderen Weg gegangen und hat mit Ausstatterin Gesine Kuhn einen schwarz-weißen Raum als Setting gewählt sowie Lichtkästen, die den Figuren im Laufe der Handlung immer näher rücken. Visuell aufgegriffen wird damit das ständige Überwacht- und Durchleuchtet-Werden sowie das Denken in Extremen, das das Stück verhandelt. "Es gibt nur dafür oder dagegen und nichts dazwischen - was natürlich nach Widerspruch schreit", sagt Buhr, für die Zehs Drama auch abseits der Corona-Pandemie eine besondere Brisanz besitzt.


Zur Autorin

Juli Zeh, geboren 1974 in Bonn, studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig sowie Jura in Passau, Krakau, New York und Leipzig. 2010 promovierte sie zu internationalem Recht, 2018 wurde sie zur Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt. Bereits 2001 erschien ihr Debütroman "Adler und Engel", inzwischen wurde er in 35 Sprachen übersetzt. Auch die Romane "Unterleuten", "Leere Herzen", "Neujahr" und "Über Menschen" wurden Bestseller.

Daneben umfasst Zehs schriftstellerisches Werk auch Kurzgeschichten, Essays, Kinderbücher und Theaterstücke. "Corpus Delicti" war eine Auftragsarbeit für die Ruhrtriennale 2007 in Essen. Juli Zeh, die immer wieder auch politisch Stellung bezieht, wurde mit dem Bundesverdienstkreuz sowie mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet.

Info: Corpus Delicti, Schauspiel von Juli Zeh, Premiere: Samstag, 18. Juni, 20 Uhr, Boxx, Theater Heilbronn, Regie: Nicole Buhr, Mit Nora Rebecca Wolff, Cosima Fischlein, Andreas Schlegel und Rouven Klischies.

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