Jagsthausen
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Nach vorne blicken und niemals zurück: Ein neuer "Götz" in Jagsthausen

Reduziert und rau inszeniert Wolfram Apprich Goethes "Götz" nach der Urfassung, rückt die Frauen in den Vordergrund. Und lässt bei den Burgfestspielen Jagsthausen zum Schluss eine schaurig-schöne Ballade von Lou Reed erklingen.

Claudia Ihlefeld
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Lesezeit 3 Min
Nach vorne blicken und niemals zurück: Ein neuer "Götz" in Jagsthausen
Gruppenfoto mit Götz: Stephan Szász, Sarah Kattih (rechts), Rosa Kronmüller (sitzend), dahinter Bernadette Hug, links Lina Hoppe. Foto: Burgfestspiele  Foto: Freilichtspiele

Ein Mann, der tut, was einer tun muss, der entschieden handelt. Eine Mischung aus John Wayne und Marlboro-Mann schreitet da nach knapp zwei Stunden durchs Tor der Götzenburg und entschwindet in die Nacht.

"It must be nice to disappear", erklingt Lou Reeds rau-sanfter Sprechgesang. "Es muss schön sein, zu verschwinden." "To have a vanishing act/To always be looking forward/And never looking back."

Mit einem Hang zur Melancholie

Nach vorne blicken und niemals zurück, mit dieser Botschaft lässt Wolfram Apprich seine Inszenierung von Goethes "Götz" bei den Burgfestspielen Jagsthausen enden. Eigentlich tröstlich und viel weniger deprimierend, als man es dem Titelhelden zugetraut hätte. Denn dieser Götz, den Stephan Szász als Idealisten gibt in einer Umbruchzeit, ist von Anfang an resigniert, niedergeschlagen, mit einem Hang zur Melancholie.

Hier wird nicht gezecht, gefeiert. Keine Zoten, nicht mal ein handfester Kampf wird ausgefochten mit respektablen Bühnenwaffen. Hier wird verhandelt, gehadert, um Worte gerungen. Und werden die krachenden Szenen des Sturm-und-Drang-Dramas um den Ritter mit der eisernen Hand von den Figuren erzählt, denen sie widerfahren. Femegericht, Mummenschanz, Bauernkrieg? Nur markiert.

Der Burghof selbst ist authentische Kulisse

Kein naturalistisches Spektakel also, wenngleich die Ausstattung (Mirjam Benker/Beate Faßnacht) in der Zeit bleibt, einem wie auch immer vermuteten Mittelalter. Ein kaum merklicher Vorbau der Burg, roter Bühnenteppich, ein Stuhl, ein Bäumchen unterm linken Tor: Mehr braucht es nicht, ist doch der Burghof selbst authentische Kulisse.

Regisseur Apprich stützt sich für seine Interpretation des "Götz von Berlichingen" auf die erste Fassung, die der junge Goethe in nur sechs Wochen 1771 in Straßburg runtergeschrieben hat. Den rauen und entschieden kritischeren "Urgötz" hat Apprich zudem gestrichen auf ein knappes Handlungskorsett, was dem Stück gut tut, das Goethe selbst für wenig bühnentauglich hielt - warum sonst hätte der Autor drei weitere Fassungen nachgeschoben?

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Mitunter tritt das Spiel statisch auf der Stelle

Wer sich nicht ein wenig schlau gemacht hat, dürfte Schwierigkeiten haben, den abrupten Sprüngen zu folgen. Doch liegt genau darin der intellektuelle Reiz dieser Inszenierung, auch wenn Apprich seinem Anspruch, auf 90 Minuten Aufführung zu kommen, nicht genügt.

Dass das Ganze dann doch Längen hat trotz Reduktion, das Spiel mitunter statisch auf der Stelle tritt, ist der Inkonsequenz geschuldet, zwischen artifiziellen Schaumomenten und pathetischen Spielszenen zu wechseln.

Wie das Gruppenfoto zu einer Familienaufstellung

Mit einem wirkmächtigen Schaumoment beginnt ein Abend, an dem die Musik Szenen und Bilder atmosphärisch unterlegt und filmisch hart schneidet. Wie zu einem Gruppenfoto formieren sich die Figuren, verharren mit starrem Blick und gewähren Zeit und Raum, auf dass man sich die Typen ansieht, als sei es eine Familienaufstellung, ein Psychodrama suchender Seelen.

Da hockt Götz, der spürt, dass die Zeiten des Betrugs kommen werden und der Schwache regiert. Auf seinem Knie sitzt Sohn Karl, dargestellt von einem Mädchen (Rosa Kronmüller). Dahinter Elisabeth (Sarah Kattih), seine Frau, die Weicheier verachtet, Marie (Bernadette Hug), seine Schwester, mit rotverschmiert geschminkten Mund, Adelheid (Lina Hoppe), die trotzig sich durchs Leben intrigiert. Auch steht da Weislingen (Dirk Emmert), ein Schönling in Boxershorts und schräg geknöpftem Hemd. Und stieren Bischof (Karlheinz Schmitt) und Kaiser (Björn Luithardt) ins Leere.

Der Kaiser fällt lautlos von der Holzbank

Zwei Schatten ihrer selbst, degenerierte Machtmenschen ohne Macht, die bald aus der Handlung treten. Ebenfalls mit rotverschmierten Lippen, einem Blechkrönchen auf dem Kopf und mit purpurroter Steppdecke wird der Kaiser später depressiv und grenzdebil auf einer Holzbank kauern, bis er lautlos tot runterfällt.

Apprich erzählt vom aufrechten Kämpfer Götz gegen die Willkür, der das blinde Morden der marodierenden Bauern ablehnt. "Ich bin kein Rebell", wiederholt er sein Mantra wie auch sein bedingungsloses Bekenntnis zur Freiheit. Das setzt Assoziationen zum Hier und Heute frei.

Selbstbewusste Frauen halten das Heft in der Hand

Die Frauen zeichnet Apprich selbstbewusst. Nicht nur Adelheid scheint "auf der Suche nach der Quintessenz des männlichen Geschlechts" das Heft in der Hand zu halten. Bis sie ausgerechnet von Marie erstochen wird, die hier kein verlassenes Mäuschen mehr ist. Sondern eine wütende, auch neurotische Rächerin.

Wohlwollender bis irritierter Applaus vom Premierenpublikum für diesen anregenden Versuch einer Neudeutung.


Weitere Vorstellungen: www.burgfestspiele-jagsthausen.de

Der Regisseur: Wolfram Apprich, Jahrgang 1962, aufgewachsen in Kornwestheim, hat als Schüler den "Götz" in Jagsthausen gesehen. Schauspielstudium an der Otto-Falckenberg-Schule und Studium der Theaterwissenschaft an der Uni in München. Seit 1992 arbeitet Apprich als freier Regisseur am Bayerischen Staatsschauspiel München, am Badischen Staatstheater Karlsruhe, am Landestheater Tübingen, Stadttheater Konstanz, Staatstheater Oldenburg, am Deutschen Theater Göttingen, wo er den "Götz" inszeniert, am Theater Osnabrück, am Schauspielhaus Graz, Theater Baden-Baden und am Saarländischen Staatstheater. Von 2010/2011 bis Ende Spielzeit 2019/20 ist er Schauspieldirektor des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters.

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