Ludwigsburg
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Punk-Attitüde abgelegt: Einstürzende Neubauten in Ludwigsburg

Nach zweimaliger Verschiebung: Die Berliner Klang-Tüftler Einstürzende Neubauten stellen in der MHP-Arena in Ludwigsburg ihr Album "Alles in allem" vor. Corona hat bei der Band sichtbar Spuren hinterlassen.

Heiko Fritze
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Lesezeit 2 Min
Einstürzende Neubauten haben in Ludwigsburg ihr Album "Alles in allem" vorgestellt.  Foto: Heiko Fritze

Die Corona-Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen. Sichtlich gealtert betreten die Mitglieder der Einstürzenden Neubauten die Bühne der MHP Arena. Frontmann Blixa Bargeld trägt jetzt wie fast alle seiner Mitstreiter Brille, sein Haar ist schulterlang, aber fast schon graumeliert. Da passt es, dass sein schwarzer Anzug ebenso glitzert wie die silberne Schminke, die er sich über die Augenbrauen gestrichen hat. Zweimal war die Jubiläums-Tour Corona-bedingt verschoben worden - nun darf sie endlich stattfinden.

Punk-Attitüde ist längst abgelegt

Auch das Publikum, etwa 1000 sind gekommen, ist schon älteren Jahrgangs. Viele haben offensichtlich die Berliner nahezu seit ihrer Gründung vor 42 Jahren begleitet, als es noch um die Produktion einer unhörbaren Platte, um Lärm bis hin zur Kakophonie ging. Von der Kerntruppe aus Zeiten von "Kollaps" und "Halber Mensch" sind neben Blixa Bargeld noch Bassist Alexander Hacke und Schlagwerker Andrew Unruh dabei. Aber auch Jochen Arbeit (Gitarre) und Schlagzeuger Rudolf Moser gehören schon seit 25 Jahren zur Band. Die Punk-Attitüde haben sie alle längst abgelegt.

Einstürzende Neubauten, das ist die Kunst, Geräusche zu erzeugen mit allem, was es so gibt. Laute und leise Töne, eher getragen und in sich ruhend. "Taschen" heißt da ein Stück, bei dem Arbeit und Unruh auf gefüllte, große Plastiktaschen klopfen und damit den Grundrhythmus vorgeben. Zu "Grazer Damm" nutzt Moser die Gitter eines Einkaufswagens als Instrument, bei "Sonnenbarke" rasseln Eisenstäbe über eine rotierende Flugzeuturbine. Blechplatten und Stahlstangen gehören ohnehin quasi zum Stamm-Inventar.

"Wir haben in Berlin zwei Lager", erzählt Blixa Bargeld zwischendurch. "Wir können ja auch nicht alles mitnehmen." Für manche Toneffekte ist daher Felix Gebhard am Keyboard zuständig. Und spontane Wechsel in der Setlist scheitern schon daran, dass eben oft spezielle Utensilien, pardon: Instrumente nötig wären.

Wenn eine Bohrmaschine die Blechplatte malträtiert

So graben sich die Neubauten während des knapp zweistündigen Auftritts vor allem durch ihr neuestes Werk "Alles in allem", ergänzt überwiegend um mehrere Stücke vom Album "Silence ist sexy" (2000). Ältere Songs, noch aus der Krach-Ära gar, sind diesmal nicht im Repertoire. Was aber nicht bedeuten soll, dass es überwiegend ruhig und angenehm zugeht - spätestens, wenn bei "Zivilisatorisches Missgeschick" die Bohrmaschine die Blechplatte malträtiert, lugen die Industrial-Wurzeln der Klang-Künstler wieder hervor.

Erben des Dadaismus

Mit "Let's do it a Dada" verabschieden sich die Neubauten schließlich - und fassen den Abend und ihr Werk passend zusammen. Während Andrew Unruh auf zwei zurechtgesägten Geländerstücken hämmert, dann in ein skurriles Gewand schlüpft und sinnlose Wortbrocken von sich gibt, produziert der Rest der Truppe Klangfragmente, rattert Bargeld Namen und Aktionen von Dada-Künstlern aus den 1920er Jahren herunter - es ist auch diese Tradition, in der die Band nun steht, die Lust am Experimentieren mit Klängen, Gegenständen und Optik. Sinn und Struktur muss das nicht immer haben.

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