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"Meine Literatur ist kein Kommentar zur Gegenwart": Der Autor Senthuran Varatharajah im Gespräch

Kommende Woche leitet Senthuran Varatharajah einen interkulturellen Workshop für Lehrer in Heilbronn und liest im Literaturhaus aus seinem neuen Roman "Rot(Hunger)". Warum der Autor aus Berlin weder unterhalten noch Geschichten erzählen möchte.

Claudia Ihlefeld
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Lesezeit 3 Min
"Meine Literatur ist kein Kommentar zur Gegenwart": Der Autor Senthuran Varatharajah im Gespräch
Düsterer Ästhet: "Meine Literatur ist kein Kommentar zur Gegenwart", sagt Senthuran Varatharajah. In Heilbronn leitet der Autor aus Berlin kommenden Montag einen Workshop für Lehrer und liest im Literaturhaus.  Foto: Holm-Uwe Burgemann

Ich möchte definitiv nicht unterhalten", brüskiert Senthuran Varatharajah die Erwartungshaltung der Leser. Eine "Zumutung im allerbesten Sinne" nennt die Kritik seinen zweiten Roman "Rot (Hunger)", ein "Meisterwerk". Die Geschichte einer Trennung, die Varatharajah parallel zu den Ereignissen vom März 2001 erzählt, als Bernd Brandes bei Rotenburg Armin Meiwes aufsucht. Um von ihm getötet und gegessen zu werden.

Das provokante Thema polarisiert so wie der Text ob seiner formalen Präzision und bildstarken Sprache besticht. In Heilbronn wird Senthuran Varatharajah kommenden Montag im Literaturhaus lesen.

Ein Projekt zur Förderung des interkulturellen Austauschs

Davor nimmt er an einer Diskussion mit Lehrern teil im Rahmen von "Wortstatt Heilbronn im Dialog". "Wortstatt Heilbronn" - wir berichteten - ist ein mit diversen Bildungseinrichtungen im Literaturhaus verankertes Projekt zur Förderung des Austausches mit interkulturellen Autoren. "Reden mit statt über", so das Motto, will neue Perspektiven für den Literaturunterricht schaffen.

Interkulturell? Varatharajah ist wie andere Dozenten der Wortstatt, die in regelmäßigen Abständen nach Heilbronn kommen, Chamisso-Preisträger. Der Adelbert-von-Chamisso-Preis, den die Robert-Bosch-Stiftung von 1985 bis 2017 verliehen hat, zeichnet das deutschsprachige Werk von Autoren nichtdeutscher Sprachherkunft aus.

"Wir leben in einer Welt, die Vorurteile widerspiegelt"

"Ich glaube", kommentiert Varatharajah die "Wortstatt", "dass solch ein Projekt nicht nur in kultureller Hinsicht sensibilisiert, sondern auch in emotionaler. Wir leben in einer Welt, die Vorurteile widerspiegelt. Rassismus, Sexismus, Klassismus, all das ist in uns vorhanden." Und: "Es ist kein Geheimnis, dass Deutschland ein Land ist, in dem gerade in der Schulbildung enorm nach sozialem Status selektiert wird. Dem kann so ein Workshop entgegenwirken."

1982 in Jaffna, Sri Lanka, geboren, wächst Senthuran Varatharajah in Deutschland auf, studiert Philosophie, evangelische Theologie und vergleichende Religions- und Kulturwissenschaft. 2016 erscheint sein mehrfach ausgezeichnetes Debüt "Vor der Zunahme der Zeichen". An diesem Text sei er erwachsen geworden, sagt der Autor im Gespräch mit unserer Zeitung. Sein jüngstes Buch "Rot (Hunger)" nennt er derweil eine "Existenzwerdung".

Soeben hat er mit einem Freund, Fabian Saul, in Zürich am Theater am Neumarkt einen Abend über das Berühren inszeniert: ihr gemeinsames Stück "Zärtlichkeit", eine Interpretation des 1. Korintherbriefes 13.

Sein Werk bezeichnet Varatharajah als dunkelste und trostloseste Literatur

Varatharajah ist ein so offener wie ernsthafter, zuvorkommend höflicher wie entschiedener Interviewpartner. Er kommt von der Philosophie, betont er. "Statt über Hegel zu promovieren, habe ich meinen ersten Roman geschrieben." Und ergänzt: "Ich stehe mit meiner Literatur für eine ganz andere Form des Lebens, der Existenz. Ich möchte Texte schreiben, in denen alles von Bedeutung ist", sagt Varatharajah und scheut sich nicht, sein schmales Werk als "dunkelste und trostloseste Literatur" zu bezeichnen. Dabei "ist alles kalkuliert, stark verdichtet, gibt es keine Interpunktion".

Literatur ist für Varatharajah, der mit der Gegenwartsliteratur erklärtermaßen "wenig anfangen kann", eine ästhetische und religiöse Erfahrung, gepaart mit philosophischen Ambitionen. Starke Worte, die der Autor unmissverständlich unterstreicht: "Ich möchte keine Geschichte erzählen." Keine Story also über fremde Menschen und Begebenheiten. "Fremd sind wir uns selbst. Vielleicht kann Lyrik, kann Literatur genau das vermitteln." Kein Wunder, bedauert er den Trend zur "Fetischisierung der Gegenwart".

Literatur hat im Grunde keine Aufgabe

"Literatur hat heute nur noch eine Kommentarfunktion." Doch "meine Literatur ist kein Kommentar zur Gegenwart". Literatur hat im Grunde auch keine Aufgabe, relativiert der Autor. "Man kann alles zur Aufgabe machen." Als Schriftsteller ohne Sprache hat er sich einmal bezeichnet.

Wie kommuniziert er dann? "Als ich das gesagt habe", erklärt Senthuran Varatharajah, "gab es keine Sprache, die mir näher und keine, die mir ferner war". Aufgewachsen mit Tamil und Englisch, "ist inzwischen die deutsche Sprache eine andere für mich".

Weil er eine dunkle Hautfarbe hat

Dass diese Sprache ihm lange Jahre abgesprochen wurde, weil er eine dunkle Hautfarbe hat, "hat mich getroffen. Nicht die Schläge meiner Klassenkameraden waren die Hiebe. Sondern die Schönheit und die Grausamkeit der Sprache".

Senthuran Varatharajah versteht sich als deutschsprachiger Schriftsteller. "Was ich tue, kann ich nur auf Deutsch." Ihn fasziniert die "Flexibilität des Deutschen, die der Flexibilität des Altgriechischen ähnelt". "Aus dieser klassisch-philosophischen Tradition komme ich."

 


Lesung im Literaturhaus: 27. Juni, 18 Uhr, Tickets für zehn Euro: www.diginights.com.

Zur Person: 1984 in Jaffna auf Sri Lanka geboren, wächst Senthuran Varatharajah in Oberfranken auf, wohin seine Familie vor dem Bürgerkrieg geflohen war. Er studiert Philosophie, evangelischeTheologie und Kulturwissenschaften in Marburg, Berlin und London. Seinen Debütroman "Vor der Zunahme der Zeichen" (2016) beschreibt Ulla Hahn als "denkendes Dichten" und ein "Geschenk an die deutsche Sprache". Für die Hamburger Elbphilharmonie schreibt er das Libretto "Und Abraham streckte seine Hand aus", Essays für die "SZ", "taz", "Zeit" und den "Merkur". Varatharajah lebt in Berlin.

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