Salzburg
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Libido-Fieber 2022? Ein neuer "Reigen" nach Arthur Schnitzler in Salzburg

Wenig Schnitzler und doch ein großes Schauspielfest: Zehn international renommierte Autoren schreiben einen neuen "Reigen" für die Salzburger Festspiele und verhandeln nur am Rande Sex, sondern ganz andere zwischenmenschliche Tragödien.

Claudia Ihlefeld
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Lesezeit 3 Min
Libido-Fieber 2022? Ein neuer "Reigen" nach Arthur Schnitzler in Salzburg
Maskierungen, Täuschungen, zwischenmenschliche Tragödien − auch Situationskomik: In wechselnden Konstellationen treffen wie bei Arthur Schnitzler zehn Personen im neuen Salzburger "Reigen" aufeinander. Foto: Lucie Jansch  Foto: © Lucie Jansch

Alle tun es mindestens einmal im "Reigen". Erklimmen dabei die soziale Leiter oder fallen runter. Im Text dezent durch Pünktchen angedeutet, geriet die Uraufführung von Arthur Schnitzlers erfolgreichstem Bühnenstück 1920 zum wohl größten Theaterskandal des 20. Jahrhunderts.

Der Autor selbst belegte es lange Zeit mit einem Aufführungsverbot. Schnitzler, Autor und Arzt, war dem Unausgesprochenen, dem Geheimnis der Begierde auf der Spur - und der Verlogenheit bürgerlicher Moral -, indem er in zehn Episoden Personen unterschiedlichen Standes und Alters aufeinandertreffen lässt.

Ein Flirt am Abgrund

Wie beim tänzerischen Reigen wechselt eine Figur zu nächsten und so weiter. Ein Flirt am Abgrund zwischen den Weltkriegen, der einen sozialen Querschnitt der Wiener Gesellschaft zeichnet.

Wie es mehr als 100 Jahre später zwischen den Geschlechtern aussieht, ist das Libido-Fieber noch ein Aufreger? In Kooperation mit dem Schauspielhaus Zürich wurde jetzt ein ganz anderer "Reigen" bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt.

Zehn internationale, renommierte Autorinnen und Autoren waren gebeten worden, die zehn Szenen neu zu schreiben. Von Schnitzler ist nicht viel übrig geblieben außer der Struktur der aufeinander folgenden Episoden, und auch das nur teils. Treten einzelne Figuren doch gleich mehrfach auf.

Wenn Machtspiele zum Machtkampf werden

Um Sex geht es nur noch am Rande, da wird anderes und viel mehr diskutiert, was unsere Zeit bewegt und auseinanderreißt. Genau das macht den Reiz 2022 aus: wenn eine fantastische Regisseurin wie Yana Ross und die formidablen Schauspieler aus Zürich ausloten, wann Machtspiele zum Machtkampf werden. Und die Bühne von Márton Ágh Stimmungen und Atmosphären schafft. In einem eleganten Restaurant kommen und gehen die Figuren, wird viel Porzellan zerschlagen.

Eine Spiegelwand schafft zusätzliche Schaueffekte, die auch als Projektionsfläche dient für Videoeinspieler. Ein Hingucker für kurzweilige 140 Minuten ohne Pause, die berühren, beklemmen, amüsieren.

Zehn Autoren haben die zehn Dialoge neu geschrieben

Lydia Haider, Sofi Oksanen, Leila Slimani, Sharon Dodua Otoo, Leif Randt, Mikhail Durnenkov, Hengameh Yaghoobifarah, Kata Wéber, Jonas Hassen Khemiri und Lukas Bärfuss haben die zehn Dialoge neu verfasst, ohne zu wissen, wie der Vorgängerdialog endet und wohin der nächste führt.

Aus diesem Textfluss unterschiedlicher Qualität einen überzeugenden Theaterabend zu schmieden, ist das große Verdienst von Regie und Ensemble. Obwohl der Schluss von Lukas Bärfuss enttäuscht und aus dem theatralen Rahmen fällt.

Um Bodenschätze und Ausbeutung wird gestritten

Platt variiert Bärfuss ein relevantes Thema, das so auf der Bühne aber zahnlos bleibt. Um Bodenschätze und Ausbeutung wird gestritten in "Der Graf und die Dirne" und betet der Graf das Handbuch zur Bedienung einer Glock-Pistole herunter.

Zart, aggressiv, spielerisch gelingt dafür anderen Dialogen eine Momentaufnahme, mitunter Tiefenschürfung unserer Zeit, in der Standesunterschiede durchaus eine Rolle spielen - und wir nur glauben, wir sind frei. Gefangen in Rollenbildern und dem eigenen Anspruch, spielen wir Theater und täuschen uns über zwischenmenschliche Katastrophen hinweg.

Die Blicke der Frau sprechen Bände

"Mein Name ist Arthur, ich weiß von nichts", entzieht sich ein Mann jeglicher Verantwortung. Die Blicke der Frau sprechen Bände, verletzt, aggressiv, frustriert bringt die wunderbare Sibylle Canonica das Beziehungsdilemma auf den Punkt.

Jeder der Schauspieler wird zum Erlebnis, Lena Schwarz, wenn sie als Vorzeigegattin - "Ich tue nur so, als ob ich meine Kinder bedingungslos liebe" - ihrer Verachtung gegenüber der Work-Life-Balance-Lüge explosiv Ausdruck verleiht. Wenn der geschmeidige Matthias Neukirch und Yodit Tarikwa als Paar zu Tisch gelassen-kühl über ihre während des Lockdowns geschlossene Ehe diskutieren. Eine Fahrradkurierin (Tabita Johannes) bringt einem Trollsoldaten (Urs Peter Halter) das Essen, der eine Schauspielerin stalkt, wenn er gerade keine Hasstiraden und Fake News ins Netz setzt.

Eine beklemmende russische Szene

Eine andere Maskerade verhandelt Mikhail Durnenkov, dessen Theaterstücke in Russland verboten sind, seitdem er den Krieg gegen die Ukraine öffentlich verurteilt hat. Auf dem Videoboard telefoniert ein Sohn mit seinen Eltern via Skype. Er ist mit seiner Familie geflüchtet, sie glauben hörig der Staatspropaganda. Eine Verständigung ist unmöglich. Diese russische Szene mag mit Schnitzlers "Reigen" am wenigsten gemein haben - und erzählt doch von den Täuschungen unserer Zeit.

Zur Person: 973 in Moskau geboren, aufgewachsen in Lettland, ausgebildet in den USA an der Yale School of Drama, ist Yana Ross eine kulturpolitische Nomadin. Noch Hausregisseurin am Schauspiel Zürich, beginnt sie im Herbst ihre Arbeit mit dem Berliner Ensemble. Seit ihrem fünften Lebensjahr reist sie durch Länder und Kulturen. Ihre seit 2013 realisierten internationalen Produktionen wurden mit den jeweiligen landesspezifischen Regiepreisen ausgezeichnet. Ross ist die erste Regisseurin, die 2008 auf der großen Bühne der Berliner Volksbühne inszenierte ("Macbeth"). In ihren Theaterarbeiten überschreibt sie radikal Stoffe, die heute als Klassiker gelten. 2016 bei den Wiener Festwochen fiel Yana Ross dem breiten Publikum mit ihrer Inszenierung "Wunschkonzert" von Franz Xaver Kroetz auf, in der die polnische Filmgröße und Schauspielerin Danuta Stenka 80 Minuten lang schweigend auf der Bühne stand.

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