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Lars Eidinger folgt auch als Salzburger Jedermann seinem spielerischen Impus

"Im Privaten sind Schauspieler oft viel gehemmerter": Im "Stimme"-Interview spricht Lars Eidinger über seine Titelrolle im Salzburger "Jedermann", warum er nebenbei Fotografie ausstellt und als DJ Platten auflegt - und seine maßgeschneiderte Lederhose kurz wie Shorts ist.

Claudia Ihlefeld
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Lesezeit 4 Min
Lars Eidinger folgt auch als Salzburger Jedermann seinem spielerischen Impus
 Foto: Barbara Gindl

Mit Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" starten am Montag die Salzburger Festspiele. Als titelgebender Lebemann steht dann erneut Lars Eidinger auf dem Domplatz. Mit dem Schauspieler haben wir vor der Hauptprobe telefoniert.

 

Im Juni, Herr Eidinger, haben Sie Ihren Instagram-Account gelöscht und die Wirkung sozialer Medien als toxisch für unsere Gesellschaft kritisiert

Lars Eidinger: Damit fangen Sie an? Wow.

 

Ja, weil ich wissen möchte, ob Sie standhaft geblieben sind.

Eidinger: Bin ich. Es ist kurios, welchen Stellenwert die sozialen Medien haben. Irgendwelche etwa bei Twitter herausgeworfene Kommentare werden selbst in den Tagesthemen zitiert, als wäre das eine repräsentative Quelle. Man tut so, als ob das die allgemeine Meinungslage widerspiegelte. Das irritiert mich.

 

Sie sind als Mehrfachtalent auf vielen Bühnen unterwegs. Auf der Kunst-Biennale International in Innsbruck wurden gerade Ihre Fotografien gezeigt, in denen Sie den Skurrilitäten des Alltags auf der Spur sind.

Eidinger: Es kann sein, dass Dinge als skurril gelten, die ich als absolut alltäglich empfinde. Übrigens stehe ich im Moment vor der Leica Galerie Salzburg, eine von zwei Galerien hier, in denen ich diesen Sommer Fotografien zeige. Die Ausstellung in der Leica Galerie trägt den Titel "Black and White Thinking" und thematisiert die Tendenz, in Extremen zu denken, statt die Welt so zu sehen, wie sie ist in ihrer Widersprüchlichkeit. Ich versuche, so wenig wie möglich vorzugeben bei der Interpretation, weil ich an die Macht der Bildsprache glaube, die dem Wort etwas voraus hat.

 

Was hat das Bild dem Wort voraus?

Lars Eidinger folgt auch als Salzburger Jedermann seinem spielerischen Impus
 Foto: privat

Eidinger: Wir halten unerklärliche Bilder besser aus. Ich würde behaupten, die Bilder, die ich ausstelle, kann man an einem Nachmittag machen. Nur haben wir verlernt, zu sehen. Wir übersehen die Dinge. Der Effekt meiner Bilder ist, dass die Leute verblüfft sind, weil sie die Motive kennen. Meine Bilder stehen in der Tradition des Objet Trouvé. Ich inszeniere nicht, manipuliere nicht.

 

Das Aufregerfoto, das Sie 2020 vor einer Berliner Obdachlosenunterkunft zeigt mit einer Designertasche, die einer Aldi-Plastiktüte nachempfunden ist, war aber sehr wohl inszeniert.

Eidinger: Das hat nichts mit meiner Fotografie zu tun. Ich war nicht der Fotograf. An dem Phänomen kann man vielmehr sehr gut die Diskrepanz ablesen zwischen Intention und Effekt: also was ich damit beabsichtigt habe und wie es gewirkt hat.

 

Noch ein medialer Aufreger, bevor wir auf den "Jedermann" zu sprechen kommen: Sie sind einer der Erstunterzeichner des Offenen Briefes an Kanzler Olaf Scholz, in dem Sie und andere vor der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine warnen. Hatten Sie mit solch heftigen Reaktionen gerechnet?

Eidinger: Ich war erschrocken, dass ein Aufruf, über mögliche Folgen einer Waffenlieferung nachzudenken, solch einen Shitstorm auslöst. Das sagt mehr über die Gemütslage einer Nation aus als über mich. Ich bin Jahrgang 1976 und habe als überzeugter Kriegsdienstverweigerer und Pazifist damals in Berlin eine Einrichtung von Bündnis 90/Die Grünen aufgesucht. In einer christlich geprägten Gesellschaft heute den Sinn von Waffenlieferungen nicht hinterfragen zu dürfen, ist vielsagend.

 

Jetzt aber zu Salzburg und seinem "Jedermann", ein Stück und eine Rolle, an dem Kritiker wenig Gutes lassen: zu eindimensional, zu katholisch.

Eidinger: Eindimensional ist eine Wertung, die ich nicht teile. "Jedermann" ist ein Mysterienspiel mit allegorischen Figuren. Allegorische Figuren bedeuten Vereinfachung. Ich stelle mich stellvertretend für jederman auf die Bühne. Der Untertitel "Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes" führt zu einer Distanz, weil wir uns ja nicht als reich verstehen. Mein Ehrgeiz ist es, zu zeigen, da geht es um uns.

 

Sie sind 46 Jahre alt, denken Sie schon mal nach über den Tod?

Eidinger: Jeden Tag. Das ist ja, was jeder irgendwann versteht, dass der Tod nicht am Ende des Lebens wartet, sondern in jedem Moment anwesend ist. Tröstend ist, dass das Leben den Tod bedingt und umgekehrt.

 

Die Besetzung des Salzburger "Jedermann" mit Edith Clever, Angela Winkler und Mavie Hörbiger ist bis in die Nebenrollen hochkarätig, die Rolle des Lebemanns gilt als Ritterschlag.

Eidinger: In Österreich mag die Rolle ein Ritterschlag sein, der Olymp, der eine Schauspielerkarriere krönt. In Deutschland fällt die Rolle eher unter die Kategorie "Traumschiff". Ich habe einfach Lust, diese Rolle zu spielen, ich folge meinem spielerischen Impuls. Und bin sehr glücklich über unsere Inszenierung, die den alten, weißen Mann zeigt und den Abgesang auf das Patriarchat. Unsere Zeit schreit nach weiblicher Machtübernahme. Weil die heutigen Endzeitszenarien einzig auf die männliche Dominanz zurückzuführen sind.

 

"Ich will immer im Bewusstsein spielen, dass ich eine Figur in der Hand habe, die ich bewege", haben Sie einmal gesagt.

Eidinger: Was ich meinte, ist, dass ich sehr an das spielerische Moment glaube, weniger an die Verwandlung. Es gibt Kollegen, die sagen, Schauspiel ist Verstellung, ist Lüge. Das Gegenteil ist der Fall. Es geht um Aufrichtigkeit, dem Moment gegenüber. Ich trage einen Charakter vor mir her in der Tradition eines Puppenspielers und führe dabei auch die Puppe. Durch das Spiel gehe ich aus mir heraus, um bei mir anzukommen. Im Privaten sind Schauspieler ja oft viel gehemmter.

 

Ihr Auftritt als DJ bei den Festspielen ist ausverkauft. Im August wiederholen Sie Ihre "Autistic Disco" in Salzburg. Wie autistisch sind Sie?

Eidinger: Mit dem Begriff möchte ich nicht verletzen. Ich habe viele Bekannte im autistischen Spektrum, die sich an der Begrifflichkeit nicht stören. Die Party-Reihe beschreibt das Phänomen mangelnder sozialer Kompetenz in der Gemeinschaft. Man ist gemeinsam einsam, tanzt nicht mehr als Paar, sondern für sich mit dem Gesicht zum DJ. Ich versuche, dem entgegenzuwirken.

 

Tragen Sie Ihre maßgeschneiderte Original Salzburger Lederhose noch?

Eidinger: Alexander Moissi, der erste Jedermann-Darsteller 1920, bekam als Gage eine Lederhose. Ich habe mir in demselben Geschäft eine Lederhose nach meinen Maßgaben anfertigen lassen. Ich wollte ein kurze "Bubenlederhose" haben, die die Länge einer Shorts hat. Als ich sie auf einer Veranstaltung der Freunde der Salzburger Festspiele anhatte, wurde mir gesagt, das sei unmännlich. Dieses Jahr habe ich sie noch mehr kürzen lassen.


Zur Person: Lars Eidinger, geboren 1976 in Berlin, studierte an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Seit 1999 ist er Ensemblemitglied Schaubühne Berlin. Daneben macht er zahlreiche Kino- und Fernsehproduktionen. Er ist mit der Opernsängerin Ulrike Eidinger verheiratet und hat eine Tochter.

 
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