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Osteuropahistoriker Karl Schlögel über Russland: "Wir haben zu wenig Expertise, wie dieses Land tickt"

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Der renommierte Osteuropahistoriker Karl Schlögel blickte in der KSK Heilbronn von Russland aus auf Europa - und umgekehrt. Wer die Geografie als Erklärung dafür benutzt, warum es zu Aggressionen kommt, macht es sich zu einfach, so der 73-Jährige.

"Eigentlich versagt einem die Sprache": Karl Schlögel zu Gast bei der Europa-Reihe. Foto: Andreas Veigel
"Eigentlich versagt einem die Sprache": Karl Schlögel zu Gast bei der Europa-Reihe. Foto: Andreas Veigel  Foto: Veigel, Andreas

Wenn ein Redner bereits zu Beginn um Worte ringt, muss das kein schlechter Abend werden. Vor allem dann nicht, wenn er Fragen behandelt, die gerade die Weltöffentlichkeit beschäftigen, ihm die Aktualität also im Nacken sitzt. "Eigentlich versagt einem die Sprache, und es könnte sein, dass alles, was ich hier sage, schon überholt ist, wenn wir auseinandergehen", begrüßt Karl Schlögel am Montag Unter der Pyramide in der Kreissparkasse Heilbronn das Publikum. "Die ganze Welt scheint sich darum zu drehen, was ein Mann in einem Land denkt."

Die Fixierung auf ein bestimmtes Datum, an dem Russland womöglich einen Angriff auf die Ukraine startet und der Konflikt zwischen Moskau und dem Westen eskaliert: In den Augen des renommierten Osteuropaexperten und aufmerksamen Beobachters gegenwärtiger Vorgänge könnte das auch "ein wohlberechneter Effekt" sein, während "in Wahrheit alles schon läuft". "Wir haben inzwischen 700.000 russische Staatsbürger in besetzten Gebieten, es sind jederzeit Provokationen möglich, alles ist möglich."

Gut 350 Personen verfolgen vort Ort und via Stream den Vortrag

Als unüberschaubar und außer Kontrolle skizziert der 73-Jährige die Gegenwart, um dann in seinem weitgespannten Vortrag einen historischen Blick auf Russland, Europa und das Verhältnis zueinander zu werfen. Mit "Untergang des Abendlandes?" ist die hybride Veranstaltung überschrieben, zu der das Literaturhaus eingeladen hat und die 200 Besucher vor Ort sowie knapp 150 Zuschauer via Stream verfolgen.

Für ihn, so erklärt Karl Schlögel, der 1966 erstmals die Sowjetunion bereist hat, ist es immer eine Selbstverständlichkeit gewesen, dass man sich dort zugleich auch in Europa befindet. Gleichwohl umreißt er zunächst die verschiedenen Bilder, die im Westen und in Russland seit dem 10. Jahrhundert jeweils voneinander kursieren. "Es gibt keine Hassgeschichte", sagt der Historiker, "es gibt keine Logik in eine Verfeindung hinein." Stattdessen erkennt er "Konjunkturen des Europäismus, des Anti-Europäismus, der Russophilie und der Russophobie". Auch in der Beziehung zwischen den USA und Russland hätten Faszination und Negation einander abgewechselt.

Das schizophrene Verhalten der Oligarchie- und KGB-Elite

Dass er viel "vom Selbergucken" hält, von Eindrücken, die er außerhalb des Seminars vor Ort gewinnt, das stellt Karl Schlögel an diesem Abend heraus. Gestützt auf seine persönliche Erfahrung, führt er aus, was für sowjetische und russische Bürger Europa bedeutet hat und noch immer bedeutet. Perspektiven sind es, die sich etwa an den Stichworten Schengen, Diaspora und Rohstoffe ausrichten. Den Westen diffamieren und gleichzeitig den eigenen Nachwuchs auf britische Internate und amerikanische Universitäten schicken? Für die Oligarchie- und KGB-Elite "eine schizophrene Angelegenheit", findet der emeritierte Professor für Osteuropäische Geschichte.

Vom schwachen, gefährdeten Europa fordert Karl Schlögel mehr Geistesgegenwärtigkeit. "Wir haben zu wenig Expertise, wie dieses riesenhafte, große, intelligente, beherrschte Land tickt." Eine unzulässige Vereinfachung sei es, wenn die Geografie als Erklärung dafür herhalten muss, warum es zu Aggressionen kommt. Und: "Es nützt nichts, Gegenpropaganda zu machen in einer Zeit, in der der Wahrheitsbegriff selbst infrage steht", so der Wahl-Berliner. Die Einflussmöglichkeit von Politik und Diplomatie seien begrenzt. Entscheidungen würden von gesellschaftlichen Basiskräften getroffen, von "tapferen Bürgern, die auch in der Vergangenheit schon unglaublich viel Risiko auf sich genommen haben, ob das auf dem Maidan, in Minsk oder in Moskau war", sagt der 73-Jährige.

Von kritischen Publikumsfragen lässt sich Karl Schlögel nicht provozieren

Dass er kein Mann der einfachen Antworten ist, beweist Karl Schlögel in der anschließenden Diskussion mit Historiker und Moderator Erich Pelzer. Zu Putin und einem vermeintlichen Demokratiedefizit Russlands äußert er sich so entschieden wie differenziert. Zurückhaltend in seiner Art, lässt er sich von kritischen Fragen aus dem Publikum dagegen nicht provozieren.


Zum Auftakt der vierteiligen Veranstaltungsreihe "Europa am Scheideweg?" sprach die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assman vergangenen November darüber, wie sich "Europa weitererzählen" lässt, gefolgt vom Romanisten, Literaturwissenschaftler und Publizisten Hans Ulrich Gumbrecht im Dezember, der sich "Gedanken über eine alternde Utopie" machte. Nach Karl Schlögel ist zum Abschluss am 18. Mai der Schriftsteller Navid Kermani zu Gast, der Europa "Entlang der Grenzen" erkunden wird.

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