Heilbronn
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Kabarettist Nektarios Vlachopoulos: "Das Problem sind Systeme"

Er ist inzwischen auf Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum zu Hause: Nektarios Vlachopoulos. Am Freitag (27.01.2023) tritt der Heilbronner in der Maschinenfabrik auf. Im Interview spricht er über sein neues Programm und sein zwiespältiges Verhältnis zum Internet.

Ranjo Döring
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Lesezeit 3 Min
Nektarios Vlachopoulos
"Ich habe mich ein Stück weit davon emanzipiert, vom Publikum gemocht werden zu wollen": Nektarios Vlachopoulos.  Foto: Mario Berger

Herr Vlachopoulos, Ihr aktuelles Bühnenprogramm heißt "Das Problem sind die Leute". Wie kann man dieses Problem lösen?

Nektarios Vlachopoulos: Puh, gar nicht. Wobei ich glaube, dass wir als Gesamtgesellschaft schon in die richtige Richtung unterwegs sind. Es gibt eine stärkere Sensibilität für Themen, was beispielsweise Minderheiten betrifft. Aber es gibt dann auch immer eine Gegenbewegung, und an den Rändern verhärten sich die Positionen. In der Comedy-Sparte war man in den 90ern deutlich unsensibler. Um Heteronormativität oder Homophobie hat sich niemand geschert. Mittlerweile ist es zum Glück anders. Ich bin optimistisch.

 

Aber was ist nun das Problem?

Vlachopoulos: Das Problem sind Systeme und Glaubenssätze. Je weniger Menschen in Kontakt miteinander treten, desto mehr Ressentiments entstehen. Dieses System aufzubrechen, dazu können Theater und Kabarett einen kleinen aber feinen Beitrag leisten.

 

In der Ankündigung Ihres Programms steht folgender Satz: "Nektarios will, dass ihn alle mögen". Sind Sie so harmoniebedürftig?

Vlachopoulos: Jedem zu gefallen, ist ein hehres Ziel. Aber ja, ich wollte, dass mich alle mögen. Da war die Pandemie aber heilsam. Es ging mir schlecht in der Corona-Zeit, denn etwas, das ich als gegeben angesehen habe, brach plötzlich weg, und ich arbeite noch daran, auf den Stand von 2019 zurückzukommen. Aber dieser kalte Entzug hat mir gezeigt: Ach, kuck mal, man existiert auch, wenn einen nicht alle mögen. Ich habe mich dadurch auch ein Stück weit davon emanzipiert, vom Publikum gemocht werden zu wollen.

 

Wie meinen Sie das?

Vlachopoulos: Ich habe das Publikum lange als Bewährungsprobe gesehen, hatte auch ein wenig Angst davor. Mittlerweile denke ich: Ich mache einfach meine Kunst und, wenn es den Leuten nicht gefällt, ist das kein Urteil über mich, sondern einfach eine Geschmacksfrage. Ich nehme es auch nicht mehr persönlich, wenn jemand in der Vorstellung aufsteht und geht. Im Gegenteil. Dann ist ja der Prozentsatz an Leuten höher, denen es gut gefällt.

 

Also gehen Sie auch entspannter damit um, wenn ein Witz oder eine Pointe mal nicht funktioniert?

Vlachopoulos: Früher hat mich das stark verunsichert. Wenn man das dem Künstler anmerkt, dann lacht man auch weniger. Gerade bei Stand-Up-Comedy kann man im Idealfall aber nicht mal genau sagen, wo die Pointe ist. Manchmal lachen die Leute auch mittendrin, weil ein Wort unpassend ist oder besonders passend. Man ist dann in einem Flow, eine Art Dauerbelustigtsein. Aber natürlich gibt es auch Rohrkrepierer, dann schiebe ich die Schuld eiskalt dem Publikum zu (lacht).

 

Wie würden Sie sich denn selbst betiteln? Sind Sie Comedian oder Poetry-Slammer?

Vlachopoulos: Das Label Slam-Poet ist nicht mehr aktuell, da ich nicht mehr an Slams teilnehme. Poetry-Slam war für mich aber eine gute Schule. Ich mag das Wort Humorist ganz gerne, weil es einen nicht auf ein bestimmtes Genre festlegt. Ich probiere mich gerne aus, ob es mit lustigen Texten, Stand-Up oder Musik ist. Für jüngere Zuschauer wirkt der Begriff Humorist vielleicht ein wenig abschreckend, auf meinem Plakat steht: Kabarett und Comedy.

 

Zu einem anderen Thema. Sie haben ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu Internet und Social Media.

Vlachopoulos: Ich finde das Internet ein wenig gruselig, die Anonymität macht mir zu schaffen. Im Netz fällt eine Grundhöflichkeit, eine Scham, gewisse Dinge zu sagen, einfach weg. Das Internet vergibt, aber es vergisst nicht. Und ich finde es auch sehr bedenklich, dass die Streitkultur sich dorthin verschiebt.

 

Haben Sie schon einen Podcast? Mittlerweile ist das für einen Comedian ja fast schon Pflicht.

Vlachopoulos: Das ist absolut richtig (lacht). Ich weiß nicht, ob der Markt inzwischen übersättigt ist. Es gibt eine Idee, die aber noch nicht spruchreif ist. Es kann aber durchaus sein, dass ich irgendwann hier aus der Region senden werde.

 

Sie haben Germanistik und Anglistik in Heidelberg studiert. Welcher Typ Lehrer wären Sie geworden?

Vlachopoulos: Ich war ja sogar kurz Lehrer und eher so der Kumpeltyp. Ich glaube, aus mir wäre ein brauchbarer Lehrer geworden, wenn ich nicht die Bühne entdeckt hätte. Parallel ging das nicht, und ich musste mich entscheiden. Es kam vor, dass ich unter der Woche einen Auftritt in Hannover hatte, die Nacht durchgefahren bin, ein, zwei Stunden geschlafen habe und dann wieder vor der Tafel stand. Das war keine Dauerlösung, aber ich musste es probieren. Sonst hätte ich mir ein Leben lang als verbitterter Beamter die Frage gestellt: Was wäre gewesen, wenn?


Auftritt in Heilbronn

Am Freitag, 27. Januar, ist Nektarios Vlachopoulos mit seinem aktuellen Programm "Das Problem sind die Leute" zu Gast in der Maschinenfabrik Heilbronn, Olgastraße 45. Beginn ist um 20 Uhr. Karten ab 19 Euro gibt es im Internet unter www.maschinenfabrik-hn.de sowie an der Abendkasse.

Zur Person

Am 18. April 1986 in Bretten geboren, studierte Nektarios Vlachopoulos Germanistik und Anglistik auf Lehramt in Heidelberg. Ab 2008 stand er auf Poetry-Slam-Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und gewann 2011 die deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften in Hamburg (Einzelwettbewerb). 2012 folgte die Rheinland-Pfälzische und 2015 die Baden-Württembergische Meisterschaft. Seit 2016 tourt er auch als Kabarettist mit abendfüllenden Programmen durch Deutschland. Vlachopoulos lebt in Heilbronn.

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