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Im Affenzahn zur Zapfhenne

"Der wunde Punkt": Frank-Markus Barwasser als Erwin Pelzig in der Harmonie

Von Leonore Welzin
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Lesezeit 2 Min
Im Affenzahn zur Zapfhenne
Mit Cordhut, Karohemd und viel Wortwitz − Erwin Pelzig alias Frank-Markus Barwasser hat seine Zuschauer in der Harmonie bestens unterhalten. Foto: Seidel.  Foto: Seidel, Ralf

Entzugserscheinungen nach sieben Jahren Sendepause - endlich ist er wieder da: Frank-Markus Barwasser, bekannter als Erwin Pelzig. Cordhut, Karohemd und Herrentasche, eben ganz der alte. Live, mit zweistündigem Nonstop-Programm "Der wunde Punkt", das er im Maybach-Saal der Harmonie in einem Affenzahn durchzieht. Über 300 Fans sind begeistert, zu Recht, denn der Erkenntniswert ist mindestens so groß wie der Unterhaltungswert.

Krisenslalom im Alleingang

Pelzig bestreitet den wortreichen Krisenslalom zur aktuellen gesellschaftspolitischen Lage im Alleingang. Streckenweise zieht er sich an den Stammtisch zurück, wo er Probleme bei Bier, Wein und Wasser mit den Kumpels Hartmut und Dr. Gödel bespricht, beispielsweise die Benachteiligung von Frauen (seit dem Neolithikum!): "Armut, Analphabetismus, Sklavenhandel, weltweit sind mehrheitlich Frauen betroffen. Von Mord, Totschlag und sexualisierter Gewalt sind ebenfalls eklatant häufiger Frauen die Opfer, auch in Deutschland, diesem scheißreichen Land", ereifert sich der Sympath. Die UNO bestätige es: "Armut ist weiblich." Deshalb fände er die Midu-Debatte gut, auch "wenn ich das Wort ?me too" nicht optimal aussprechen kann", kokettiert der fränkische Schelm.

Am Ende dieses aufschlussreichen Exkurses fragt er: "Sollte man die Bühne nicht mal Frauen überlassen?" - "Aber nicht kampflos!" kontert Dr. Gödel, während Hartmut einen kräftigen Schluck Weizen nimmt.

Ansteckender Schenkelklopfer

Bowle, das legendäre Getränk der satirisch-kabarettistischen Talk-Show "Pelzig unterhält sich", giftig bunt und mit Brühwurstaromen, gibt"s am Stammtisch übrigens nicht, dafür nette Kabbeleien zu Gödels Vornamen, er heißt Roderich. Für das schlichte Gemüt eines Hartmut reicht das für einen Schenkelklopfer. Und Lachen steckt bekanntlich an.

Wie verhält sich Barwasser zu Pelzig? Am Anfang war Pelzig rustikaler, derber, noch schlechter gekleidet - geboren wurde er im Rahmen eines Stückes, dann erst kamen Soloprogramme. "Als ich merkte, es wird "ne längere Beziehung, wollte ich ihn sympathischer machen." Er sollte das Klischee seiner äußeren Erscheinung brechen können.

Man könne nicht 20, 30 Jahre einen Idioten spielen, ohne selber einer zu werden, gesteht Barwasser in einem TV-Interview. "Ich hab" mich in diesen 25 Jahren an diese Figur gekettet, oder sie an mich, aber es gab eine Entwicklung", zu der die TV-Talks beigetragen haben.

Frech bis unverschämt und schlagfertig konnte er bei wachsender Beliebtheit die Gäste hinters Licht führen.

Gendern ja, aber nicht mit dem Zapfahn

Gendern ja, aber mit Maß: Aus dem Zapfhahn wird nie eine Zapfhenne. Pelzig destilliert aus ernsten, großen und kleinen Themen den maximalen Unterhaltungswert. Demokratieverdrossenheit, Vermessenheit der Politiker, insbesondere beim Geldausgeben und Schönreden, Pandemiemanagement und das Geschwurbel der Corona-Leugner, wobei ihn besonders Widersprüche faszinieren, wenn Menschen, die sich verabscheuten (Neonazis und voll verschleierte Muslima) plötzlich Seite an Seite friedlich demonstrieren - als Totalleugner.

Ursache vieler Übel seien die drei großen Kränkungen der Menschheit. Die kosmologische: Nicht der Mensch ist das Zentrum, um das sich alles dreht (Kopernikus); die biologische: Wir sind Teil der Evolution und eng mit dem Trigema-Affen verwandt (Darwin). Und die psychologische: Wir sind triebgesteuert (Freud). Dramaturgisch flexibel unterbricht er seinen Monolog, wechselt die Perspektive, setzt sich an den Stammtisch oder auf einen Stuhl, um das Pandemiegeschehen aus Sicht des Virus zu erzählen. Nicht selten provoziert eine Stimme aus dem Off: "Wenn die Menschen nur über das sprächen, was sie begreifen, dann würde es sehr still auf der Welt sein."

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