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Hundstage in der Provinz: Marieluise Fleißers "Ingolstadt" bei den Salzburger Festspielen

Kalte Religiosität und das Fantasma radikalisierter männlicher Größe machen die Inszenierung von "Ingolstadt" nach Marieluise Fleißer schwer erträglich: Eine Regiarbeit mit tollem Ensemble, zwingenden Botschaften, an der man sich mit der Zeit allerdings satt sieht.

Claudia Ihlefeld
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Lesezeit 3 Min
Hundstage in der Provinz: Marieluise Fleißers "Ingolstadt" bei den Salzburger Festspielen
Will sich weder erpressen noch retten lassen: Olga (Marie-Luise Stockinger).  Foto: Matthias Horn

Katholizismus, rohe Männlichkeit, Militarismus, verquere Sexualität, dumpfe Familienhierarchien. Die Dramatikerin Marieluise Fleißer hat mehr als 60 Jahre in Ingolstadt verbracht und ihre Erfahrungen aus der bayerischen Provinz in ihren Stücken "Fegefeuer in Ingolstadt" und "Pioniere in Ingolstadt", aber auch in zahlreichen Erzählungen verdichtet.

Die Autorin, die von Lion Feuchtwanger, Brecht und Horváth geschätzt wurde und Nachkriegsdramatiker wie Franz Xaver Kroetz, Rainer Werner Fassbinder und Martin Sperr beeinflusst hat, wird nur noch selten aufgeführt.

Marieluise Fleißers bekannteste zwei Dramen in einem

Für die Salzburger Festspiele haben Regisseur Ivo van Hove und Dramaturg Koen Tachelet die beiden bekanntesten Stücke Fleißers zusammengefasst. Aufgrund Coronaerkrankungen im Ensemble hatte die bis an die Grenze des Erträglichen intensive Umsetzung nun sechs Tage später und mit Umbesetzungen Premiere auf der Pernerinsel in Hallein.

Die Spielstätte in der alten Saline außerhalb Salzburgs ist seit vielen Jahren Ort für aufwendige Abende. Diesmal in Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater ist sie Kulisse für van Hoves Überwältigungstheater mit einem jungen, bemerkenswert spielwütigen Ensemble.

Applaus für eine brachiale Geschiche

Hundstage in der Provinz: Marieluise Fleißers "Ingolstadt" bei den Salzburger Festspielen
 Foto: Matthias Horn

Und doch sieht man sich mit der Zeit satt an der brachialen Geschichte, der Applaus nach knapp zweieinhalb Stunden ohne Pause fällt überwiegend begeistert aus, sieht man ab von den wenigen, die die Vorstellung vor der Zeit verlassen haben.

Erzählt wird von einer Gruppe Jugendlicher. Olga ist schwanger von Peps, der drängt sie, abzutreiben, die einzige Adresse im Ort aber tut so was nicht mehr. Roelle, der von der Schule verwiesene Außenseiter und religiöse Fanatiker, der Engelserscheinungen fantasiert, ist verliebt in Olga und versucht, sie zu erpressen. Olgas Schwester, die in ihn verknallt ist, beachtet er nicht, was sich rächen soll.

Suche nach Ausbruchsmöglichkeiten

Während dieser sommerlichen Hundstage entladen sich die Gefühle in raue Gewalt. Denn da ist noch ein Pionierbataillon stationiert in der Stadt, das eine Brücke über die Donau baut.

Die Dienstmädchen Alma und Berta suchen nach Ausbruchsmöglichkeiten. Alma kündigt, will ihr eigenes Geld und Glück machen und prostituiert sich. Was gründlich schief geht. Berta läuft dem Rekruten Korl nach, statt Fabian, dem Sohn ihres Hausherrn, zu ersten Erfahrungen zu verhelfen.

Wenn die Frauen stumm zusehen

Fabian, Roelle, Korl, sie alle werden Opfer archaischer und dabei aktuell toxischer Männlichkeit, bei der die Frauen stumm zusehen oder mitmischen. Wie todessüchtige Gewaltherrschaft und das Fantasma radikalisierter männlicher Größe neuen Aufschwung erleben, zeigt Putins Angriffskrieg auf die Ukraine.

Auf der Bühne von Jan Versweyveld, einem religiös aufgeladenen, kalten Mikrokosmos im Setting einer Industrieanlage mit bunten Leuchtgirlanden, waten Fleißers Figuren aus zwei Stücken durchs Wasser, suchen sehnsüchtig-verzweifelt Nähe und können nichts als einander quälen.

Zeitlose Allgemeingültigkeit

Die Regie nimmt weder explizit Bezug auf die 20er Jahre noch auf die Gegenwart. Zudem verleiht Fleißers Kunstdialekt "Ingolstadt" eine zeitlose Allgemeingültigkeit. Und das macht die Brisanz dieser auf den ersten Blick perfekten Inszenierung aus, einem rhythmischen Kommen und Gehen und Stürzen aus allen Ecken der Bühne, die mit einer Spiegelwand im Hintergrund die Perspektiven potenziert.

Jan Bülow als augenrollender Sündenbock Roelle, der gedemütigt und gesteinigt nicht loslässt von Olga, die Marie-Luise Stockinger als trotzig-gebrochene, junge Frau gibt, ist beklemmend präsent. Wie auch Dagna Litzenberger Vinet, die als Alma erfahren muss, wer die ökonomische Macht hat, wenn sie ihren Körper verkauft.

Irrsinn militärichen Gehorsams

Hundstage in der Provinz: Marieluise Fleißers "Ingolstadt" bei den Salzburger Festspielen
Waterboarding für den Außenseiter und religiösen Fanatiker Roelle (Jan Bülow).  Foto: Matthias Horn

Auch schwer zu ertragen: Wie Lilith Häßles Berta nicht kapiert, dass sie kaputt geht in ihrer Liebe zum Rekruten. Bei all der Ensembleleistung insgesamt muss erwähnt werden, wie grandios Ernest Allan Hausmann den Irrsinn militärischen Gehorsams in vier verschiedenen Rollen einfordert.

Der Mensch ist des Menschen Wolf, ist die unmissverständliche Botschaft des Abends und sind Religion und Machismus die Adressaten. Leider prallen irgendwann verbale und markierte Gewalt, Waterboarding, Steinigung, Vergewaltigung und Machtmissbrauch am Zuschauer ab. Weil wir das auf der Bühne - anders als im Fernsehen oder Netz - live und körperbetont dargestellt nicht ertragen? Weil Marieluise Fleißers "Ingolstadt" überall ist? Vielleicht. Aber auch, weil hier zu viel auf einmal erzählt wird.


Zur Person: Marieluise Fleißer (1901-1974) schrieb während ihres Studiums in München ihr erstes Drama "Die Fußwaschung", das als "Fegefeuer in Ingolstadt" 1926 in Berlin uraufgeführt wurde. Nachdem sie Bert Brecht von der "Invasion" der Soldaten in ihrer Stadt erzählt hatte, regte er sie an, "Pioniere in Ingolstadt" zu schreiben. Das Stück wurde 1929 in Berlin uraufgeführt und zum Theaterskandal der Weimarer Republik. Brecht hatte das Stück szenisch verschärft, Fleißer wurde in ihrer Heimatstadt zur unerwünschten Person.

 
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