Heilbronn
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Vor 50 Jahren starb der Heilbronner Schriftsteller Ernst Siegfried Steffen

Sein kurzes Leben war geprägt von Gewalt und Strafdelikten, fast die Hälfte davon verbrachte Ernst Siegfried Steffen hinter Mauern. Und obwohl er nur ein schmales Werk hinterlassen hat, gilt Steffen als einer der bekanntesten deutschen Gefängnisschriftsteller.

Von Anton Philipp Knittel
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Vor 50 Jahren starb der Heilbronner Schriftsteller Ernst Siegfried Steffen
Obwohl er nur ein schmales Werk hinterlassen hat, gilt Ernst Siegfried Steffen als einer der bekanntesten deutschen Gefängnisschriftsteller. Nach seiner Begnadigung kam der Heilbronner mit Grass und Walser in Kontakt. Foto: Brigitte Friedrich  Foto: Brigitte Friedrich

Ich bin jeden Tag ein anderer und noch lange nicht vollendet. (?) An meinen Widersprüchen messe ich meine Existenz." "Ich werde gehen. / So einfach ist das" und: "Ich werde nicht nach Hause kommen. / So wird es sein, / wenn ich nach Hause komme."

Sätze, die unter die Haut gehen, umso mehr, wenn man weiß, dass sie in den 1960er Jahren in der Strafanstalt Bruchsal entstanden sind, und wenn man die Biografie ihres Verfassers kennt. Sie stammen vom Heilbronner Autor Ernst Siegfried Steffen. Wenngleich er nur ein schmales Werk hinterlassen hat, nämlich den Gedichtband "Lebenslänglich auf Raten" (1969) und die 1971 postum erschienene "Rattenjagd. Aufzeichnungen aus dem Zuchthaus", gilt Steffen zu Recht als einer der bekanntesten deutschen Gefängnisschriftsteller.

Steffens Vater zertrümmert seinem Sohn den Schädel

Doch der Reihe nach in diesem unsteten, kurzen Leben, das von Gewalt und Strafdelikten geprägt ist: Geboren wird Ernst Siegfried Steffen am 15. Juni 1936 als Sohn eines alkoholabhängigen und gewalttätigen Musikers und seiner Frau, einer Vertreterin. Im Alter von zwölf Jahren zertrümmert ihm der gewalttätige Vater den Schädel; im Gesicht von Steffen wird die frühe Verletzung ein Leben lang sichtbar sein. Die Verletzungen der kindlichen Seele bleiben unsichtbar.

Der junge Steffen kommt in die Pius-Pflegeanstalt in Oggelbeuren im Kreis Ehingen, wie der Lebenslauf, ergänzt mit längeren Ausführungen aus Strafurteilen, in "Rattenjagd" ausweist. Weitere Heimaufenthalte folgen. 1950 kehrt Steffen nach Heilbronn zurück. Weder als Lehrling in einer Stahlbaufirma noch als Hilfsarbeiter in einer Schuhgroßhandlung kann er Fuß fassen. Es folgen Einbruchsdelikte, Zechprellereien und verschiedene Diebstähle, Internierungen und Fluchtversuche. Steffen landet in Bruchsal. Dort entdeckt der junge Assessor Rolf Zelter, der gerade mal drei Jahre älter als sein Schützling ist, das Schreibtalent des Häftlings Steffen. Es ist Zelter, der erstmals öffentlich auf den talentierten Autor Steffen aufmerksam macht, indem er aus Texten des Strafgefangenen im Stuttgarter Theater der Altstadt im Januar 1967 liest.

Nach der Begnadigung kommt Steffen mit dem literarischen Establishment in Kontakt

Steffen, der von sich in einem Gedicht sagt: "Ich bin nur provisorisch gemeint, irgendwann wird man mich zu Ende denken", kommt nach seiner Begnadigung mit dem literarischen Establishment, mit Günter Grass, Martin Walser und anderen in Kontakt. Im Gefängnis führt ihn Rolf Zelter auch an die moderne Dichtung, insbesondere an Hans Magnus Enzensbergers "Museum der modernen Poesie" heran.

1969 erscheint im renommierten Verlag Luchterhand Steffens Gedichtband "Lebenslänglich auf Ra-ten". Der Band wird überaus positiv von der Kritik aufgenommen - in den 1960er Jahren ist die Leserschaft bereit für die Aufnahme von Themen aus dem Strafvollzug.

Bei einem Autounfall kommt Steffen im Alter von 34 Jahren ums Leben

Außerhalb der Gefängnismauern kann Steffen, der an Weihnachten 1967 aufgrund eines Gnadengesuchs auf freien Fuß kommt und alsbald nach einer Veröffentlichung im "Kürbiskern" wiederum in die Mühlen der Justiz gerät, nicht schreiben. Auch als Volontär beim Fernsehen fasst er nicht richtig Fuß. Die Veröffentlichungen seiner "Aufzeichnungen aus dem Zuchthaus" unter dem Titel "Rattenjagd", betreut von der später renommierten Lyrikerin Elisabeth Borchers, erlebt Steffen nicht mehr. In Heilbronn macht Rudi Fritz in einem Stimme-Artikel am 11. Juli 1968 unter der Überschrift "Heilbronner wurde im Zuchthaus zum Lyriker" auf Steffen aufmerksam. Zudem nimmt sich die in Heilbronn lebende Schriftstellerin Rosemarie Bronikowski des jungen Dichters an. Ihr Essay "Auseinandersetzung mit Ernst S. Steffen" gibt Aufschluss über die Persönlichkeit Steffens.

Ernst Steffen, in den letzten Monaten seines Lebens "in schlechter seelischer Verfassung", wie die Schriftstellerin Sibylle von Oppeln-Bronikowski sagt, stirbt am 10. Dezember 1970 in Karlsruhe an den Folgen eines Autounfalls - auf ziemlich gerader Strecke bei Baden-Baden. Fast die Hälfte seines 34-jährigen Lebens hatte Steffen hinter Mauern verbracht: drei Jahre in Heimen und fast 14 Jahre hinter Gittern.

Das Grab des lesenswerten Heilbronner Schriftstellers befindet sich auf dem Hauptfriedhof, gepflegt von der Stadt Heilbronn.

 

Erinnerung

Geboren 1936, wohnte Ernst Siegfried Steffen einige Jahre in der Werderstraße in der Südstadt. Im Rahmen seiner Ausstellung "Heilbronn-er-lesen" erinnert das Literaturhaus Heilbronn an Ernst Siegfried Steffen - unter anderem mit zwei Filmbeiträgen sowie einem Interview mit Rolf Zelter, dem damaligen Bruchsaler Gefängnisassessor, der die allererste Lesung mit Texten von Steffen veranstaltet hat.

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