Heilbronn
Lesezeichen setzen Merken

Kristoffersons gemächliche Reise durch ein Lebenswerk

Verneigung vor einer Ikone: Kris Kristofferson & The Strangers spielen am Freitagabend vor knapp 1000 Zuhörern im Heilbronner Wertwiesenpark. Die Wehmut des Abschieds liegt über diesem Abend.

Von Andreas Sommer
  |  
Das einzige Open-Air-Konzert der Tournee findet in Heilbronn statt.

Wenn eine 82-jährige Musikikone ihre Aufwartung im Wertwiesenpark macht und mit Westerngitarre und Mundharmonika die Lieder ihres Lebens singt, reagiert das Publikum mit einer Mischung aus Enthusiasmus und Respekt. Zumal angesichts des Alters des Hauptprotagonisten die Wehmut des Abschieds über diesem Freitagabend liegt.

Kris Kristofferson war Boxer, Captain bei der Armee, Oxford-Stipendiat und Schauspieler,  Zeitzeuge der Woodstock-Generation, ein Linker, der der Countrymusik ihren provinziellen Patriotismus genommen und Songs für die Ewigkeit geschrieben hat. Songs über Außenseiter, über die Liebe zur Freiheit und das Unterwegssein.

Dieser Kris Kristofferson, der am 22. Juni 83 Jahre alt wird, steht nun im Herbst seines Lebens, schwarzgekleidet mit den ebenso schwarzgekleideten Strangers, der Begleitband des 2016 verstorbenen Country-Musikers Merle Haggard, auf der schwarzen Bühne im Wertwiesenpark und spielt innerhalb von nicht einmal 90 Minuten mehr als zwei Dutzend Lieder.

Band versucht, das Gitarrenspiel zu übertünchen

Schwermütig-sanfte Poesie in literarischer Qualität: Kris Kristofferson im Wertwiesenpark. Fotos: Tina Schulze

Kristoffersons Bariton ist rau und manchmal brüchig, im ersten Teil zudem schwer verständlich, da sein Mikro zu leise eingestellt ist. Im zweiten Teil ist die Stimme deutlich besser zu vernehmen. Leider ist Kristoffersons  Gitarrenspiel nur noch rudimentär vorhanden, was die Band mit Scott Joss (Violine), Doug Colosio (Keyboards) und Jeff Ingraham (Schlagzeug) zu übertünchen versucht.

Das wiederum verpasst vielen Songs eine ungewohnte, um nicht zu sagen unpassende Klangfarbe. Vor allem sein „Me & Bobby McGee“, in der Version von Janis Joplin ein Welthit, ertrinkt in einer klebrigen Keyboard-Soße.

Mit „Hello Heilbronn“ begrüßt der Barde Punkt 20 Uhr seine Gemeinde beim einzigen Open-Air der Tournee. Viel mehr als „Thank You“ und „Allright“ sagt er den ganzen Abend nicht. Drahtig, mit weißem Bart und ebensolchem langem Haupthaar, strahlt der Singer/Songwriter-Senior noch immer jungenhaften Charme, Aufrichtigkeit, Erotik und Understatement aus.  Das schleppende Tempo passt zu melancholischen Songperlen wie „Help Me Make It Through The Night“. Ein mildes Lächeln umspielt den Bart des Meisters, als spüre er die Geister von Johnny Cash und Janis Joplin im Hintergrund.

Beifall für Lebenswerk und Aura

Trotz aller Gemächlichkeit spielen Kristofferson und seine Mannen das Repertoire konzentriert runter und bedanken sich zeitsparend schon vor dem Beifall. Bei Haggard-Klassikern wie „That`s The Way Love Goes“, „Daddy Frank“ oder „Okie from Muskogee“ übernehmen Joss oder Colosio den Gesangspart. „The Pilgrim“ und „Sunday Morning Coming Down“ sind Höhepunkte der Show. Das vielschichtige, doppelsinnige „Please Don´t Tell Me How The Story Ends“, 1978 mit seiner damaligen Gattin Rita Coolidge aufgenommen, reflektiert die eigene Vergänglichkeit wie auch „Feeling Mortal“.

Mit “Thank you Heilbronn. God bless you“ (Danke Heilbronn. Gott segne Euch) endet der bewegende Abend unter Beifall im Stehen für ein Lebenswerk, eine Aura, eine Haltung. Auf Zugaben verzichtet der 82-Jährige.

 

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Kommentar hinzufügen
  Nach oben