Heilbronn
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Ein Freund riskanten Denkens: Hans Ulrich Gumbrecht unter der Pyramide der KSK

Er provoziert gerne und sucht die Debatte: Der Kulturwissenschaftler und Autor Hans Ulrich Gumbrecht blickt in der Kreissparkasse Heilbronn aus seiner amerikanischen Perspektive auf Europa als alternde Utopie.

Claudia Ihlefeld
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Ein Freund riskanten Denkens: Hans Ulrich Gumbrecht unter der Pyramide der KSK
"Ich behaupte nicht, dass das die Wahrheit ist": Direkt von Stanford nach Heilbronn angereist, spricht Hans Ulrich Gumbrecht in der KSK. Foto: Ralf Seidel

Er sieht sich eher als Stürmer denn als Verteidiger. Doch letztlich liefert der fußballbegeisterte Geisteswissenschaftler am liebsten die Vorlagen, wie Hans Ulrich Gumbrecht nach einer dichten Lecture bekennt. Auf Einladung des Literaturhauses Heilbronn hat der 1-A-Intellektuelle aus Stanford unter der Pyramide der Kreissparkasse zu einem ganz anderen Thema - "Europa? Gedanken über eine alternde Utopie" - gesprochen. Und er hat Vorlagen geliefert.

Hatte die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann hier vor einer Woche zum Auftakt der Reihe "Europa am Scheideweg?" ermuntert, Europa weiterzuerzählen, gerade angesichts des dramatischen Wandels der Welt, verordnet der emeritierte Professor für vergleichende Literaturwissenschaft Europa mehr Nüchternheit. Und diagnostiziert eine "mangelnde Energie" des Projekts Europa, dem die Aura fehle.

"Die angemaßte Rolle des moralischen Gewissens aufgeben"

Europa, entstanden als alte Utopie aus einer Krise, soll seine "angemaßte Rolle des moralischen Gewissens aufgeben", fordert Gumbrecht, der seit 1989 in den USA lebt. In "sechs Schnappschüssen" begründet er, der seit 2001 die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt - und "nur die amerikanische" -, wie Europa sein Leben geprägt und warum er sich von Europa entfernt hat.

Von Kritikern als "Super-Amerikaner" apostrophiert, polarisiert und provoziert Gumbrecht gerne. Er sucht die Debatte. Immerhin 60 Freunde des akademischen Diskurses sind der pandemischen Lage zum Trotz in die KSK gekommen, andere haben den Vortrag via Stream verfolgt.

Dass er die Begeisterung für das Projekt Europa schon als junger Mensch nicht teilen mochte, stellt Hans Ulrich Gumbrecht vorab klar. Keine enttäuschte Liebe also, Europa hat ihn nie gereizt. Der Begriff "am Scheideweg", den der Titel der Vortragsreihe Europa unterstellt, scheint dem Freund "riskanten Denkens" dennoch zu dramatisch.

Fehlen der europäischen Idee Euphorie und Charisma?

Ein Hauch Melancholie schimmert durch seine Ausführung, wenn der Kulturwissenschaftler Gumbrecht im Nachgespräch mit dem Historiker und Moderator Erich Pelzer einräumt: "Ich behaupte nicht, dass das die Wahrheit ist." Andere mögen die Entwicklung anders erlebt haben. "Ich habe keine Klage an Europa", wohl vermisst er Charisma und Euphorie der europäischen Idee.

1948 in Würzburg geboren, als weite Teile Deutschlands besetzt waren, fünf Tage vor Einführung der D-Mark, erlebt der Schüler Gumbrecht die Amerikaner als freundliche Besatzer. Etwa die Hälfte seiner Mitschüler in der Volksschule sind Kinder von GIs. Im ersten Grundschuljahr hört er zum ersten Mal von seinem Lateinlehrer vom Projekt Europa und fragt sich, warum sie 1958 als erste Sprache Latein und nicht Englisch lernen sollten.

Aus Solidarität für den Kampf gegen Franco

Als er 1966 für ein Schuljahr nach Paris geht, interessiert ihn weniger Europa denn die französische Sprache und Kultur als Kontrastprogramm zur deutschen. Als Mitglied des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), das 1968 an die Universität Salamanca geht aus Solidarität für den Kampf gegen Franco, stört sich Gumbrecht zwar am Widerspruch, wie sich die Spanier mit der Franco-Diktatur arrangieren, verliebt sich dafür in die kastilische Kultur und in seine erste Frau.

Die kulturelle und sprachliche Vielfalt und Differenz auf engstem Raum schätzt Gumbrecht als Europas Stärke. Warum er sich dennoch entschieden hat, Amerikaner zu werden? "Ich fühle mich bis heute kontaminiert von der Nähe zur deutschen Geschichte." Auch in den USA, wenngleich die Distanz es erträglicher macht. Dass es zudem in Europa keine vergleichbaren Universitäten wie Stanford, Princeton oder Yale gibt, serviert er dem Publikum. Und dass Europa, das keine militärische Weltmacht werden konnte, sich dafür als moralische Weltmacht geriere.

Spätestens beim Vorwurf, deutsche Intellektuelle würden mit der Großmacht China flirten, schüttelt manch einer im Publikum mit dem Kopf. Dabei ist Gumbrechts vorausgehende Betrachtung, Europas zentrale Rolle sei zwischen 1780 und 1830 entstanden, schlüssig.

Ein wenig klingt es wie Wunschdenken

Gumbrecht streift Vorzüge des europäischen Perspektivismus, Kleists Kant-Krise, Hegels "Phänomenologie des Geistes" und spricht vom "historischen Weltbild", das Zukunft und Utopie gewährte. Ist "diese zentrale Leistung der europäischen Kultur" jener Fortschritt, den Europa nicht einlöst? Über Foucault, Walter Benjamin, Heidegger, Camus' Kritik am Kommunismus und Jean-François Lyotards Postmoderne schwenkt Gumbrecht zur "überkomplexen Gegenwart". "Wir sehnen uns nach Verbindlichkeit", eine Binse, die nicht nur Europa betrifft. Dass sich die USA weder wirtschaftlich, intellektuell noch militärisch in einer Krise befinden, klingt dann doch wie Wunschdenken.

Zur Person

Hans Ulrich Gumbrecht, 1948 in Würzburg geboren, war mit 26 Jahren bereits Professor in Bochum. Seit 1989 lebt der Romanist, Literaturwissenschaftler und Publizist in Kalifornien. Gumbrecht ist Albert Guérard Professor Emeritus an der Stanford University und Professor für romanische Literatur an der Hebräischen Universität Jerusalem. Soeben ist sein jüngstes Buch "Provinz. Von Orten des Denkens und der Leidenschaft" erschienen.

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