Salzburg
Lesezeichen setzen Merken

Fulminant und anders: Puccinis "Il Trittico" und Mozarts "Die Zauberflöte" in Salzburg

Auch das Gute ist nie eindeutig gut, wie zwei Opernneuproduktionen bei den Salzburger Festspielen bildstark zeigen. Die litauische Sopranistin Asmik Grigorian glänzt in Giacomo Puccinis "Il Trittico", Dirigentin Joana Mallwitz bringt Mozarts "Die Zauberflöte" zum Funkeln.

Claudia Ihlefeld
  |    | 
Lesezeit 3 Min
Fulminant und anders: Puccinis "Il Trittico" und Mozarts "Die Zauberflöte" in Salzburg
Fotos: Salzburger Festspiele  Foto: SANDRA THEN

Der Schrei nach Erlösung hallt in diesem Festspielsommer nicht nur über den Domplatz beim "Jedermann", der bis Ende August ausverkauft ist. Zu schön ist es, Lars Eidinger in der Titelrolle als reuigen Reichen sterben zu sehen. Nachdem die erste Opernpremiere mit Bartóks "Herzog Blaubarts Burg" und einem Endzeit-Moratorium von Carl Orff bereits jede Menge spirituellen Stoff geliefert hat, bietet nun auch die zweite Opernneuproduktion Futter für die Seele.

Giacomo Puccinis "Il Trittico", ein Tryptichon also, besteht aus drei Einaktern, die auf den ersten Blick wenig verbindet. Geschrieben während des ersten Weltkriegs, uraufgeführt Ende 1918 in New York, werden die drei Kurzopern von jeweils gut einer Stunde heute selten zusammen gespielt.

Spritzige Erbschleichergroteske

Was die Dreiecksgeschichte "Il tabarro" und das Nonnendrama "Suor Angelica" eint, ist, Schicksale zu erzählen aus einer Welt, die wenig Hoffnung bietet. Während die süffige Erbschleichergroteske "Gianni Schicchi" für den Arien-Hit "O mio babbino caro" berühmt ist.

Von Puccini in dieser Reihenfolge angelegt, wählt Regisseur Christof Loy für seine Inszenierung im Großen Festspielhaus eine andere Abfolge: Der Abend unter der souverän konzentrierten musikalischen Leitung von Dirigent Franz Welser-Möst und den Wiener Philharmonikern beginnt spritzig mit "Gianni Schicchi".

Wenig vornehme Verwandtschaft

Fulminant und anders: Puccinis "Il Trittico" und Mozarts "Die Zauberflöte" in Salzburg
Dramatisch: Asmik Grigorian als Schwester Angelica in Puccinis "Il Trittico". Fantastisch: Wenn die Theatermaschinerie in Fahrt kommt bei Mozarts "Zauberflöte". Fotos: Salzburger Festspiele  Foto: MONIKA RITTERSHAUS

Auf der elegant naturalistischen Bühne von Etienne Pluss, im Florentiner Haus des soeben verstorbenen Buoso Donati, hat sich die wenig vornehme aristokratische Verwandschaft eingefunden und ist entsetzt, dass Buosos Testament die Kirche als Erbe vorsieht. Der windige Schicchi soll das Dokument fälschen, zumal seine Tochter einen Donati heiraten möchte.

"Il tabarro" - der Mantel, den der Ehemann einst wie eine Liebkosung um seine Frau und den kleinen Sohn legte - führt an die Seine in ein Paris zwischen Hafenarbeitern, Trinkern und Prostituierten. Giorgetta und Michele, der Kapitän eines Kahns, haben sich nach dem Verlust ihres Kindes auseinandergelebt. Sie hat ein Verhältnis mit einem Arbeiter ihres Mannes. Rasend vor Eifersucht tötet Michele den Liebhaber.

Asmik Grigorian triumphiert in allen drei zentralen Sopranrollen

"Suor Angelica" schließlich ist das herzzerreißende, katholische Schicksal einer Tochter aus reichem Hause, die früh die Eltern verliert, ein uneheliches Kind bekommt. Und in ein Kloster verbannt wird. Sieben freudlose Jahre lang wartet sie auf Nachricht. Als sie erfährt, dass ihr Sohn gestorben ist, begeht sie Selbstmord.

Die Klammer und der Clou dieses musikalisch wie szenisch raffinierten Abends ist Asmik Grigorian, die alle drei kardinalen Sopranrollen singt: die verliebte Lauretta und Tochter Schicchis, die verheiratete Giorgetta. Und Schwester Angelica, die in dramatischen, finalen 20 Minuten grandios mit ihren Glaubenszweifeln ringt.

Totaleinsatz als Prinzip

Dass Puccinis religiös verbrämte Himmelsschau nicht in Religionskitsch kippt, ist das Verdienst dieser sensationellen Künstlerin, die die Entdeckung des Festspielsommers 2018 war und längst ein Star ihres Faches ist - darstellerisch und stimmlich. Grigorian, die Totaleinsatz zum Prinzip macht, singt Puccini aus dem für die italienische Oper so spezifischen Sprachfluss heraus mit allen Facetten menschlichen Empfindens. Das Premierenpublikum ist nach jedem Einakter aufs Neue begeistert.

Starke Frauen gestalten auch die dritte Salzburger Opernpremiere, die das Publikum tagsdrauf frenetisch feiert. Lydia Steier hat ihre Inszenierung der "Zauberflöte" von 2018 für die Bühne des Hauses für Mozart klug überarbeitet. Ein fulminanter Abend, der die Theatermaschinerie lustvoll bedient (Bühne: Katharina Schlipf) und die Ambivalenz zwischen dem Reich des Guten und des Bösen auslotet.

Gräueltaten im Namen der Vernunft

Auch im Namen der Vernunft werden Gräueltaten begangen. Die Anhänger des Aufklärers Sarastros setzen die den Eindringlingen auferlegten Prüfungen wie Schlägertrupps durch. Videoüberblendungen mit Kriegsszenen und Bildern aus KZs bekommen derzeit eine eigene Brisanz. Und auch die Königin der Nacht (Brenda Rae als kühle Schönheit und Furie mit in den höchsten Höhen klarem Koloratursopran) ist nicht nur böse.

Subtil, ohne bemühten Zeigefinger, schafft die Regie eine spielerische Leichtigkeit, die nie verspielt ist. Steier lässt einen Großvater (Roland Koch) "Die Zauberflöte" den drei Enkeln als Gutenachtgeschichte vorlesen. Die greifen immer wieder ins Geschehen der Oper ein.

Eine surreale und düstere Reise

Fantastik konterkariert die steife Atmosphäre einer bürgerlichen Familie, es beginnt die surreale, humorvolle, komische, schließlich düstere Reise, an deren Ende keine eindeutige Erfüllung wartet.

Am Pult bringt die großartige Joana Mallwitz mit den Wiener Philharmonikern Mozarts Tonkosmos zum Funkeln, im Verbund mit einem mitreißenden Sängerensemble.

Zur Person: Asmik Grigorian, 1981 in Vilnius geboren, studierte Klavier und Chordirigieren sowie Gesang an der Litauischen Akademie für Musik und Theater. Seit 2011 wurde Grigorian häufiger auch außerhalb der baltischen Staaten engagiert. Seit ihrem Triumph in "Madama Butterfly" an der Königlichen Oper in Stockholm hat sie sich auf dem Konzertpodium wie auf der Opernbühne international einen Namen gemacht und singt an den wichtigen Häusern weltweit. 2021 debütierte sie in Bayreuth in "Der Fliegende Holländer".

 
Kommentar hinzufügen
Kommentar hinzufügen
Kommentare werden geladen
  Nach oben