Heilbronn
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Felix Kiessling bringt den Sound der Welt in den Kunstverein Heilbronn

"Quitte Eisen Soda": Der Konzeptkünstler Felix Kiessling aus Berlin übersetzt im Kunstverein Heilbronn Naturphänomene in klingende Objekte und visualisiert verarbeitete Daten. Was technisch klingt, ist ein poetisches Ensemble.

Claudia Ihlefeld
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Lesezeit 3 Min

Den alten Daimler, einen Mercedes-Benz 190, wohl aus den 90er Jahren, durch den Hintereingang in den Kunstverein Heilbronn zu bekommen, war Millimeterarbeit. Jetzt steht die Karosserie - Farbe: dunkles Salbei - mit aufgerissenen Türen im hinteren Raum, die Innenbeleuchtung flackert unruhig.

Entdeckt auf einem Schrottplatz in Öhringen, wirkt das inszenierte Wrack im Kunstkontext dystopisch, weckt Assoziationen zu den ästhetisch aufbereiteten Unfallszenen eines Films von David Cronenberg. Oder den lakonischen Filmbildern des Finnen Aki Kaurismäki.

Sichtbar machen, was wir sonst nicht wahrnehmen

Felix Kiessling, der Hanseat, lebt und arbeitet in Berlin und schafft aus Fundstücken und verarbeiteten Daten, aus Klängen, Licht und Farbe Ensembles, die Phänomene hör- und sichtbar machen, die wir sonst nicht wahrnehmen. "Quitte Eisen Soda" heißt die Ausstellung im Kunstverein Heilbronn - der Titel spielt auf einen Fantasie-Cocktail an, als den man die Objekte in ihrer Vielfalt empfinden kann.

Ausstellung Felix Kiessling im Kunstverein Heilbronn | 13 Bilder | Fotograf: Mario Berger

Wollte man den Künstler Felix Kiessling in eine Schublade stecken, dann in die des Konzeptkünstlers. Kiessling, der sein Studium in Berlin als Meisterschüler von Ólafur Elíasson am Institut für Raumexperimente abgeschlossen hat, verschmelzt seine konzeptionellen Ideen mit Alltagsobjekten: glokale Perspektiven - eine Mischung aus global und lokal - auf die Umwelt, vorzugsweise den urbanen Raum, um Dinge zu visualisieren. Die weltweite Blitzentladung rund um die Uhr zum Beispiel oder die Beben im Erdinnern.

Acht Tage hat der Aufbau gedauert

Kiesslings umrangierte Objekte, kinetische Skulpturen und Bilder geben den Takt der Welt wieder. Nicht naturwissenschaftlich eins zu eins, stattdessen entwickeln sie eine eigene Ästhetik und Poesie. Doch steckt Einiges an Technik hinter "Quitte Eisen Soda", acht Tage hat der Aufbau gedauert.

"Es geht mir nicht darum, die Welt zu erklären." Felix Kiessling nutzt die Wissenschaft "als Moment, Fragen zu stellen. Als Material. Wie Farbe". "Schmetterling (Kraftwagen)" nennt er das Autowrack und Relikt des Wohlstands. Die blinkenden Rücklichter entsprechen den Blitzdaten, die der globale Wetterraum abgibt.

Ständig leuchtet irgendwo auf der Welt ein Blitz auf

Aufgezeichnet in Systemen, letztlich Wetterkarten, hat ein Künstlerkollege und Technik-Nerd die Daten programmiert. Eine Art umgedrehter Schmetterling-Effekt: Wenn irgendwo auf der Welt ein Blitz aufleuchtet, und das geschieht ständig, flackert es im Daimler.

Ähnlich durch Echtzeitdaten gesteuert, funktioniert die Arbeit "Schmetterling (klein Heilbronn)" im Eingangsraum im Kunstverein. In der Mitte des - bis auf ein Gemälde an der Wand - leeren Raums hängt von der Decke herab eine LED-Glühbirne, kleiner als der Daumen einer Hand, und blitzt unregelmäßig auf, mindestens alle drei Sekunden.

24 Stunden verbunden mit dem Weltgeschehen

Der Lichteffekt wie bei einem Stroboskop für sich allein ist wirkungsvoll und mit Einbruch der Dämmerung auch außerhalb der Glasfront des Kunstvereins wahrnehmbar. Bei jeder Blitzentladung, die Sensoren auf Schiffen und Wetterstationen weltweit registrieren, leuchtet "Schmetterling (klein Heilbronn)" auf - und verbindet uns mit dem aktuellen Weltgeschehen. Dass die LED-Leuchte 24 Stunden Tag und Nacht aufblitzt, ist konsequent.

Getreu dem Motto, irgendwo ist immer ein Erdbeben oder bilden Blitze mit der Atmosphäre eine Frequenz, übersetzen auch die kinetischen Installationen "Seismisches Schlagzeug" und "Schumann KB" naturwissenschaftliche Phänomene als chaotisches Echtzeitkonzert.

Wie von Geisterhand spielen die Saiten eines Kontrabasses

Gekoppelt an eine seismische Karte, trommeln Schlagzeugstöcke aus Eichenholzästen den Sound des Erdinneren gegen die Wand. Kiessling visualisiert die Welt, wie wir sie sonst nicht wahrnehmen. So wie wir auch die sogenannte Schumann-Niederfreuquenz nicht hören können. Mit Hilfe von Magnetspuren, Verstärkern und mehr beginnen die Saiten eines Kontrabasses, zu spielen, ohne dass sie berührt würden und übersetzen diese Niederfrequenz zweieinhalb Oktaven höher.

"Ich bin nicht materialgebunden", beschreibt Felix Kiessling seine Arbeitsweise. Mal nimmt er ein Musikinstrument, mal nutzt und überschreibt er Materialien aus dem Stadtraum oder findet eine Parkbank irgendwo in Kreuzberg, die er zu schlicht "Sitzgelegenheit" genannten Stühlen umfunktioniert.

Konfuse Fülle und Dynamik

Sich auf die wie Fancy-Design-Skulpturen anmutenden, brutalistischen Objekte zu setzen, ist ausdrücklich erlaubt. Nicht nur, weil man von hier aus weitere Arbeiten auf sich wirken lassen kann: Bilder aus Farblack auf Leinwand, das zwischen Gemälde und Lichtinstallation changierende Wandobjekt "Grüne Sonne". Und überhaupt die konfuse Fülle des ganzen Raums.

Zur Person: 1980 in Hamburg geboren, studiert Felix Kiessling an der Universität der Künste Berlin und ist Meisterschüler von Ólafur Elíasson am Institut für Raumexperimente. In seinen Objekten, Installationen und Bildern veranschaulicht er die Erfahrung von Zeit und Raum. Der Vater eines zehn Monate alten Jungen lebt und arbeitet in Berlin.


Ausstellungsdauer: bis 16. April, täglich außer Montag 11 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr, Kunstverein Heilbronn, Allee 28/Kunsthalle Vogelmann.

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