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Eine tödliche Lovestory: Das Ballett "Mayerling" in der Stuttgarter Oper

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Friedemann Vogel brilliert beim Stuttgarter Ballett als schwermütiger Kronprinz Rudolf in dem Ballett "Mayerling" von Kenneth MacMillan. Bühnenlegende Jürgen Rose stattet mit wohl recherchiertem Biedermeierprunk das packende Handlungsballett aus.

Von Claudia Ihlefeld
Obsessive Liebe am Rande des Wahnsinns: Der Kronprinz (Friedemann Vogel) und seine junge Geliebte Mary Vetsera (Elisa Badenes).
Fotos: Stuttgarter Ballett
Obsessive Liebe am Rande des Wahnsinns: Der Kronprinz (Friedemann Vogel) und seine junge Geliebte Mary Vetsera (Elisa Badenes). Fotos: Stuttgarter Ballett  Foto: Stuttgarter Ballett

Der Stoff ist historisch verbürgt und fast zu schaurig- schön, um wahr zu sein. Der Thronfolger der k.u.k Monarchie, also Österreich-Ungarn, erschießt seine junge Geliebte und sich selbst in Mayerling, dem kaiserlichen Jagdschloss bei Wien. Was dort 1889 geschah, taugte zum öffentlichen Skandal und wurde vertuscht.

Kronprinz Rudolf starb an Herzversagen, so die offizielle Version, und wurde hübsch präpariert. Während die Baronesse Mary Vetsera auf dem Friedhof in Heiligenkreuz in der Morgendämmerung entsorgt wurde.

Legenden und Verschwörungstheorien

Seit die Tragödie Jahre später bekannt wurde, ranken sich romantische Legenden und Verschwörungstheorien um die Person des unglücklichen, morphium-, sex- und alkoholsüchtigen Thronfolgers, ein Atheist zudem, der mit den liberalen Ideen der ungarischen Freiheitskämpfer liebäugelte, was so gar nicht der erzkonservativen Staatsräson der Habsburger entsprach.

Die kaputte Seele Rudolfs hat den schottischen Choreographen Kenneth MacMillan (1929-1992), einen Meister psychologisierender Handlungsballette, zu dem technisch hoch komplexen Ballett "Mayerling" inspiriert.

1978 uraufgeführt in London, gerät die Neuproduktion am Stuttgarter Ballett zum Triumph: für den brillanten Friedemann Vogel in der Rolle des Rudolf, die souveräne Elisa Badenes als Mary Vetsera, das erstklassige Ballettensemble, das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Mikhail Agrest - und für Jürgen Rose.

Anleihen an die Schwarz-Weiß-Filmästhetik

Der 81-jährige Bühnen- und Kostümbildner stattete einst die legendären Abendfüller von John Cranko und John Neumeier aus, feierte aber auch Erfolge in Schauspiel und Oper. Roses detailgetreuer Biedermeierprunk mit Anleihen an die Schwarz-Weiß-Filmästhetik und, um beim Film zu bleiben, mit effektvollen Close-Ups wird am Samstag nach dreieinviertel Stunden im Opernhaus frenetisch gefeiert.

Gefeiert werden auch die Altstars Egon Madsen als Kaiser Franz Joseph, Marcia Haydée als Erzherzogin Sophie und Georgette Tsinguirides als deren Hofdame. Die Gastauftritte der einstigen Tanzstars hatte sich Rose gewünscht, wenn er denn noch einmal ein Handlungsballett für Stuttgart ausstatten würde. Fehlte nur noch, dass John Cranko zu den stehenden Ovationen vom Bühnenhimmel herabgestiegen wäre.

Historisch akribisch recherchiert

MacMillans "Mayerling" ist historisch akribisch recherchiert und glänzt mit atemberaubenden, emotional differenzierten und technisch anspruchsvollen Pas de deux und Soli. Der Abend beginnt (und endet) mit der düsteren Szene auf dem Friedhof in Heiligenkreuz, um dann in den Ballsaal der Wiener Hofburg zu schwenken.

Dort wird die arrangierte Heirat Rudolfs mit der belgischen Prinzessin Stephanie gefeiert. Friedemann Vogel springt mit rundum schwingendem Bein, landet leichtfüßig in eleganten Attitüden. Sein Rudolf flirtet mit einer ehemaligen Geliebten, den Hofdamen und der Schwester der Braut.

Als Stephanie bibbernd auf der Bettkante wartet, bedroht Waffennarr Rudolf seine Braut mit der Pistole und umtanzt sie mit einem Totenschädel, bevor er wenig einfühlsam die Hochzeitsnacht vollzieht. MacMillans Pas de deux sind voller Sex-Appeal und die Soli der Herren angriffslustig. Ausdrucksstarke Posen werden wie Skulpturen kurz gehalten und dann wieder aufgelöst.

Trost im Wirtshaus und bei Halbweltdamen

Morphiumabhängig, sexbesessen, todessehnsüchtig: Friedemann Vogel ist der unglücklich verlorene Kronprinz Rudolf im ergreifenden Psychoballett "Mayerling".
Morphiumabhängig, sexbesessen, todessehnsüchtig: Friedemann Vogel ist der unglücklich verlorene Kronprinz Rudolf im ergreifenden Psychoballett "Mayerling".  Foto: Stuttgarter Ballett

Von seiner Mutter Sisi vernachlässigt, vom Vater verachtet, zieht Rudolf durch Wirtshäuser, sucht Trost bei der Halbweltdame Mizzi Caspar (Anna Osadcenko), die ablehnt, mit ihm zu sterben. Mit berechnender Kälte tanzt Alicia Amatriain die abgewiesene Femme fatale und Ex-Geliebte Rudolfs, Gräfin Larisch. Sie führt ihm Mary Vetsera zu.

Die selbstbewusste 17-Jährige ist ungestüm in Rudolf verliebt, eine Geistesverwandte, die seine Obsessionen teilt, betörend virtuos interpretiert von Elisa Badenes. Zur dramatisch schwelgerischen Musik von Franz Liszt gerät ihre Lovestory zum ergreifenden Totentanz.

Meilenstein der Ballettgeschichte

Eingeleitet durch ein präzis-exaltiertes Solo Rudolfs, markiert das Schluss-Pas-De-deux einen Meilenstein der Ballettgeschichte. Fast hysterisch emotional ringen die beiden mit- und umeinander. Ein Schuss hinter dem weißen Paravent und dann noch einer: Rudolf stürzt mit dem fallenden Paravent auf den Boden und gibt den Blick frei auf die Vetsera, die wie Schneewittchen auf dem Bett liegt. Riesenapplaus.

Weitere Vorstellungen: www.stuttgarter-ballett.de


Der Choreopgraph: 1929 in Dunfermline, Schottland, geboren, gestorben 1992 in London, gab Kenneth MacMillan seine Karriere als Tänzer zugunsten der Choreographie auf. Er schuf abstrakte Ballette wie auch Handlungsballette. Sein "Romeo und Julia" wurde mit Rudolf Nurejew und Margot Fonteyn verfilmt. MacMillan, ein Meister der Erkundung der menschlichen Psyche, arbeitete unter anderem für das Royal Ballet, das American Ballet Theatre, das Stuttgarter Ballett, das Houston Ballet und das Ballett der Deutschen Oper Berlin.

 
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