Heilbronn
Lesezeichen setzen Merken

Ein Spiel mit Widersprüchen: Heilbronn für ein Jahr "Hauptstadt der Folgenlosigkeit"

Mit einer schrägen Show und einer Podiumsdiskussion wurde das Projekt "Folgenlosigkeit" in der Maschinenfabrik in Heilbronn eröffnet. Warum der Begriff "Folgenlosigkeit" polarisiert, was es mit dem Stipendium für Nicht(s)Tun auf sich hat und warum Fotschritt und Wohlstand an sich keine Übel sind.

Claudia Ihlefeld
  |    | 
Lesezeit 2 Min
Ein Spiel mit Widersprüchen: Heilbronn ist nun für ein Jahr "Hauptstadt der Folgenlosigkeit"
 Foto: Kunz, Christiana

In einer vom Fortschrittsdenken besessenen Gesellschaft ist der Begriff Folgenlosigkeit eine Provokation. Weil Fortschritt mit Erfolg gleichgesetzt wird, ohne die negativen Folgen einzukalkulieren. "Die Schönheit des Scheiterns" nannte vor einigen Jahren der französische Autor Charles Pépin seine "kleine Philosophie der Niederlage". Gern wird die Krise als sich öffnendes Fenster bezeichnet.

Aber ist unsere Fähigkeit zum Neubeginn unbegrenzt? Dies und mehr soll nun in Heilbronn ein Jahr lang verhandelt, probiert, praktiziert und gefeiert werden. Ausgang offen, die Möglichkeit des Scheiterns inbegriffen.

Ein Zusammenschluss Heilbronner Kulturinstitutionen und politischer Akteure

Vor wenigen Wochen schon hatte der Bund der Folgenlosen bei einer Pressekonferenz im Rathaus proklamiert, dass Heilbronn nun zwölf Monate lang "Stadt der Folgenlosigkeit" wird - wir berichteten. Wohlgemerkt dieser Bund, nicht die Stadt, hatte es verkündet: ein Zusammenschluss Heilbronner Kulturinstitutionen und gesellschaftspolitischer Akteure wie das Demokratiezentrum oder die Lokale Agenda 21, initiiert vom Heilbronner Theaterlabel Tacheles und Tarantismus von Tobias Frühauf und Philipp Wolpert.

Die Stadt Heilbronn ist Mitglied im Bund der Folgenlosen, im Schul-, Kultur- und Sportamt wird gar ein temporäres Amt für Folgenlosigkeit eingerichtet. Erklären und für das Projekt werben: Darum ging es am Wochenende in der Auftaktlesung im Literaturhaus am Freitag (siehe Artikel unten), mit einem Town-Hall-Event am Samstag, einer Art Bürgerversammlung samt Podiumsdiskussion und Show in der Maschinenfabrik. Und mit einem Konzert des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn gestern Abend in der Aula des Campus.

Ein Spiel mit Widersprüchen: Heilbronn ist nun für ein Jahr "Hauptstadt der Folgenlosigkeit"
Grenzen des Fortschrittsdenkens diskutieren Annette Kehnel (links), Oliver Lenzen, Friedrich von Borries, Bernhard Stumphaus, Daniel Deimling. Rechts: Alexander Estis, Stadtschreiber von Heilbronn. Fotos: Kunz  Foto: Kunz, Christiana

"Wir haben ein Jahr Zeit, herauszukriegen, ob das klappt"

Das "Jahr der Folgenlosigkeit" in der "Hauptstadt der Folgenlosigkeit" versteht sich als "partizipatives Kunst- und Stadtentwicklungsprojekt". Ideenstifter Friedrich von Borries nennt es ein "Spiel mit Widersprüchlichkeiten", "eine Suchbewegung". Von Borries, von Haus aus Architekt, Autor und Professor für Designtheorie in Hamburg, wird nicht müde, zu betonen, dass er und seine Mitstreiter nicht "die drei Missionare der Folgenlosigkeit sind, die durch Heilbronn schweben". "Wir haben ein Jahr Zeit, herauszukriegen, ob das klappt", sagt Tobias Frühauf.

In der Maschinenfabrik wurde die Ambivalenz des Begriffs und des Projekts "Folgenlosigkeit" der interessierten Bevölkerung vorgestellt, einer "illustren Blase", wie ein Besucher meint. Eine Idee der "linksliberalen Bubble" Heilbronns, wie der Moderator des Showteils fragt, der Schauspieler Lucas Janson?

Eine Art Speed-Dating

Ohne Sendungsbewusstsein, aber politisch motiviert, so will das Projekt möglichst viele ansprechen. Im Eingangsbereich liegen Flyer einzelner Kooperationspartner. Die meisten haben ihre Vertreter geschickt wie der Kunstverein, das Württembergische Kammerorchester, Stadtarchiv, Hochschule, Stadtbibliothek, Programmierschule 42 und andere, die wie bei einer Misswahl auf der Bühne erklären, warum sie mitmachen und den Satz vollenden, den Moderator Janson setzt. "Eine Art Speed-Dating."

Wummernde Elektrobeats eröffnen den Abend, den Chearleader mit dem Charme provinzieller Funkenmariechen nach zwei Stunden beenden.

Dazwischen wird das mit 5000 Euro dotierte Stipendium für Nicht(s)Tun vorgestellt, auf das sich Bürger und Bürgerinnen bewerben können und bei dem es weniger um finanziertes Faulenzen geht, vielmehr um Strategien des Vermeidens, Weglassens, Verzichtens. Erinnert die Mannheimer Historikerin Annette Kehnel daran, dass bereits die Vorsokratiker Folgenlosigkeit praktizierten. Und diskutiert ein mit Wissenschaftlern besetztes Podium: Taugt Nachhaltigkeit für unsere Zukunft? Brauchen wir ein neues ethisches Paradigma?

Hauptstadt der Folgenlosigkeit? Kulturbürgermeisterin Agnes Christner musste sich mit dem Begriff in all seiner Widersprüchlichkeit erst einmal auseinandersetzen. Überzeugt von dem Experiment und der Bandbreite der lokalen Projektpartner sagt sie nun: "Heilbronn darf selbstbewusster werden."

Projekt-Bausteine: Zentrale Bausteine des vom Bund der Folgenlosen (lokale Kultur- und Bildungsinstitutionen sowie gesellschaftspolitische Akteure) ausgerufenen Jahrs der Folgenlosigkeit sind der Posten eines Stadtschreibers und das Stipendium für Nicht(s) Tun. Als Stadtschreiber hat eine Fachjury den Autor Alexander Estis ausgewählt. Estis, geboren in Moskau, aufgewachsen in Hamburg, begleitet das Projekt literarisch und zieht dafür nach Heilbronn. Auf das mit 5000 Euro dotierte Stipendium können sich Bürger aus Stadt und Landkreis unter www.bund-der-folgenlosen.de bewerben. Im Juli werden drei Stipendiaten benannt.

 
Kommentar hinzufügen
Kommentar hinzufügen
Kommentare werden geladen
  Nach oben