Heilbronn
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William Shakespeares "Romeo und Julia" feiert Premiere im Theater Heilbronn

Blutige Kampfszenen, obszöne Kalauer, starke Hauptdarsteller: Regisseur Elias Perrig modernisiert William Shakespeares Liebestragödie "Romeo und Julia" - und macht sie damit nicht zuletzt einem jungen Publikum schmackhaft.

Christoph Feil
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Lesezeit 3 Min
Diese verdammte Liebe: William Shakespeares "Romeo und Julia" feiert Premiere im Theater Heilbronn
Im Wechselbad der Gefühle: Luca Rosendahl und Leonie Berner als Romeo und Julia (vorne). Foto: Jochen Quast  Foto: Theater Heilbronn

Da hat also Julia ihren Romeo zum ersten Mal gesehen. Auf der Party, die ihre Eltern geschmissen haben und auf die sich der junge Kerl mit seinen Kumpels geschlichen hat. Die beiden Teenager haben sich in die Augen geblickt, die Welt stand für einen Moment still, ein hoher Ton durchschnitt die Luft. Und was macht dieses Mädel nun, nachdem der ganze Trubel vorbei und sie alleine ist? Steckt sich erstmal eine Zigarette an, setzt sich Kopfhörer auf - und schleudert ein wütendes "Fuck" hinaus in die Nacht. Fuck! Warum muss es ausgerechnet der sein? Einer von den Montagues? Einer aus dem Clan, mit dem ihre Sippe, die Capulets, im Clinch liegt?

Punkige Kostüme und heruntergekommener Look auf der Bühne

"Ach, Romeo warum nur heißt du so. Leg deinen Vater und den Namen ab." Nicht vom berühmten Balkon spricht Julia diese Worte in der Heilbronner Inszenierung von "Romeo und Julia", die am Samstagabend im Großen Haus des Stadttheaters Premiere gefeiert hat. Sondern vom Dreier. Denn Regisseur Elias Perrig hat als Schauplatz von William Shakespeares Liebestragödie einen Blickfang gewählt.

Für die Bühne haben Matthias Müller und Ariane Königshof ein heruntergekommenes Schwimmbad gebaut. Ein aufgegebener Ort, ein lost place. Die Kacheln abgeblättert, die Handläufe verrostet, die Fenster zerbrochen, das Wasser längst abgelassen. Der postapokalyptische Look erinnert an Filme wie George Millers "Mad Max" und John Carpenters "Die Klapperschlange". Auch wegen der punkigen Kostüme.

In der Rolle der Titelfiguren gelingt Leonie Berner und Luca Rosendahl ein bravouröser Einstand in Heilbronn

In dieser feindseligen Welt also kreuzen sich die Wege der beiden Titelfiguren, unweigerlich entbrennen sie füreinander und rauschen berauscht voneinander gemeinsam in den Tod. Das sind Emotionen larger than life, überlebensgroße Gefühle, die hier verhandelt werden. Drunter macht´s Shakespeare eben nicht. Für die Hauptdarsteller Luca Rosendahl und Leonie Berner ist es der Einstand in Heilbronn, ab der kommenden Spielzeit gehören sie fest zum Ensemble. Ihre Bewährungsprobe haben die frischen Schauspielschulabsolventen mit Bravour gemeistert.

Leonie Berners hinreißende Julia ist ein Strubbelkopf, der sein Schicksal selbstbestimmt in die Hand nimmt. Den trotteligen Graf Paris (Arlen Konietz), mit dem ihre Eltern sie verkuppeln wollen, will sie sich erst genau anschauen. Diese Julia flucht wütend, säuselt verzückt, bricht verzweifelt zusammen - nur um trotzig wieder aufzustehen.

Luca Rosendahls Romeo ist ein zarter Schwärmer, schon bevor er Julia überhaupt kennenlernt. Anfangs ist er nämlich noch unglücklich in eine gewisse Rosalind verliebt, pflegt in seinem dunklen Zimmer seinen Herzschmerz. Übrigens sehr zum Verdruss seiner ihn mit heißem Kakao umsorgenden Mutter (Sabine Unger) und seiner Freunde Benvolio und Mercutio, zwei hitzköpfigen Maulhelden (Pablo Guaneme Pinilla und Sven-Marcel Voss). Spätestens als Romeo aber zum Mörder des hasserfüllten Tybalts (Lion Leuker) wird, landet der weltferne Melancholiker auf dem harten Boden der Realität.

Der postapokalyptische Look der Inszenierung korrespondiert mit der maroden Gesellschaft des Stücks

Die Autoritäten in dieser maroden Gesellschaft kommen nicht gut weg: Der Prinz von Verona, gespielt von Oliver Firit, ist ein gefährliches, mafiöses Stadtoberhaupt mit Sonnenbrille, Satinhose und Knarre. Nils Brück gibt Julias Vater als irren Knallkopf, der Julia, sein angebliches Ein und Alles, übel beschimpft, als sie sich nicht seinem Willen unterwerfen will. Die einzige Stimme der Vernunft ist der geschlechtslose Bruder Lorenzo (Romy Klötzel), ein abgerissener Wanderer zwischen den verfeindeten Lagern.

Auf überzeugende Weise modernisiert Regisseur Elias Perrig mit seiner Inszenierung den unzählige Male aufgeführten Klassiker aus dem Ende des 16. Jahrhunderts und macht ihn damit auch einem jungen Publikum schmackhaft. Was nicht zuletzt an den actiongeladenen, blutigen Kampfszenen liegt, die Annette Bauer mit den Schauspielern erarbeitet hat. Und der lebendigen Übersetzung des deutschen Schriftstellers Thomas Brasch, die auch bei Shakespeares obszönen Kalauern kein Blatt vor den Mund nimmt.

Am Ende langer Beifall und Jubel vom Premierenpublikum - und obendrein einen extra dicken Applaus für eine klasse Lisa Schwarzer, die an diesem Tag kurzfristig für Regina Speiseder einsprang und die Rolle der Amme übernahm.

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Die Handlung zusammengefasst

Seit Generationen sind die beiden italienischen Familien Montague und Capulet verfeindet. Dennoch verlieben sich die beiden Kinder der Clans, Romeo und Julia, ineinander. Bruder Lorenzo traut das Paar heimlich. Aber als sich der Konflikt zuspitzt, wird Romeo zum Mörder und zur Strafe verbannt. Um ihrer Vermählung mit Graf Paris zu entgehen und sich mit Romeo abzusetzen, fasst Julia einen fatalen Plan.

Weitere Aufführungen

www.theater-heilbronn.de

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