Interview
Lesezeichen setzen Merken

"Die 80er waren ein Tanz auf dem Vulkan": Sänger Marian Gold von Alphaville im Interview

Die Band von Hits wie "Big in Japan" und "Forever Young" tritt am Wochenende beim Blacksheep-Festival in Bonfeld auf: Das einzig verbliebene Gründungsmitglied Marian Gold von Alphaville hat mit uns über Glück in der Karriere und den Wunsch nach Unvergänglichkeit gesprochen.

Ranjo Döring
  |    | 
Lesezeit 4 Min
"Die 80er waren ein Tanz auf dem Vulkan": Sänger Marian Gold von Alphaville im Interview
"Am meisten freut mich, dass es die Band heute noch gibt": Marian Gold, Gründungsmitglied von Alphaville. Foto: dpa  Foto: Markus Scholz

Mit Liedern wie "Forever Young", "Big in Japan" und "Sounds Like A Melody" wurden Alphaville in den 80er Jahren weltweit bekannt. Am Samstag tritt die Band als Headliner beim Blacksheep-Festival in Bonfeld auf. Wir haben uns mit Sänger Marian Gold vorab unterhalten.

 

Herr Gold, bezugnehmend auf einen der größten Hits von Alphaville, "Big in Japan": Wie oft wurden Sie im Laufe Ihres Lebens schon gefragt, warum gerade dieses Land besungen wird?

Marian Gold: Sehr oft, weil die Leute wirklich davon ausgehen, dass man dagewesen ist. In Wirklichkeit ist es eines der Länder, in denen wir noch nicht aufgetreten sind. Der Titel hat aber nichts mit Japan zu tun. Es ist ein Angeberspruch: Hier kennt mich zwar keiner, aber in Japan bin ich ein ganz berühmter Typ.

Vor Ihrer Musik-Karriere sind Sie unehrenhaft als Zeitsoldat aus der Bundeswehr entlassen worden, waren dann in den 70ern in West-Berlin in der Hausbesetzerszene, teilweise sogar obdachlos. Waren Sie ein Punk?

Gold: Das würde ich rückhaltslos behaupten. Es war aber keine Auflehnung gegen das System, ich bin kein wirklich rebellischer Mensch. In Jugendjahren war ich aber nicht richtig anpassungsfähig. Dieser Mangel resultierte aber nicht aus Rebellentum, sondern aus meinem Naturell. Ich hatte schon immer Probleme mit Vorgesetzen, bei der Bundeswehr mit Befehl und Gehorsam. Ich habe aber nie daran gedacht, die Gesellschaft verändern oder das auf andere übertragen zu müssen.

 

Musikalisch begonnen haben Sie 1981 in Münster beim Künstlerkollektiv Nelson Community.

Gold: Ich war Mitbegründer. Das war ein Kollektiv mit einem linken, politischen Anspruch. Der war mir aber egal. Wichtiger war mir, dass da Leute dabei waren, mit denen ich gerne zusammenarbeiten wollte. Wegen der Synergieeffekte.

 

Dann begann die Zeit mit Alphaville. Sie sagen immer, dass Sie und Ihre Bandkollegen am Anfang Amateure gewesen wären. Wie schafft man es als Amateure, ein Debütalbum mit so vielen Hits zu schreiben?

Gold: Wir hatten einfach eine irrsinnige Menge Glück. Ich komme aus Westfalen, da gibt es den Spruch: Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln. Dieser Spruch bedeutet letztendlich, dass man mit einer Menge Glück viel erreichen kann. Mit Talent alleine kommt man nicht weiter, es braucht das richtige Timing. Wir waren zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort und haben das Richtige gemacht. Das kann nicht jeder. Ich bilde mir da schon ein bisschen was drauf ein (lacht).

 

Nervt es Sie, dass Alphaville von vielen nur auf die 80er reduziert wird?

Gold: Das nervt mich. Aber ich kann damit leben (lacht). Ich bin froh über diese Zeit, über die tollen Songs. Am meisten freut mich aber, dass es die Band heute noch gibt.

 

Mehr zum Thema

Die frühen Texte von Alphaville reflektierten auch das Jahrzehnt, den Kalten Krieg samt möglicher Atombomben, die Mauer, die noch durch Berlin führte, Tschernobyl.

Gold: Es war ein aufregendes Jahrzehnt, an das ich viele gute Erinnerungen habe. Aber auch ein Tanz auf dem Vulkan. Es gibt die von Ihnen genannten prägenden Ereignisse, aber es war auch ein Jahrzehnt des Aufbruchs und des Optimismus. Die Menschen waren nicht so desillusioniert. Es war eine Zeit der Unschuld, ohne das Internet und die große Anzahl an Medien. Die Asymmetrien, die heutzutage existieren, sind verwirrend. Wir haben einen Krieg mitten in Europa. Die Welt ist aus den Fugen geraten. Das war sie schon immer, aber jetzt kriegen wir es rund um die Uhr mit.

Einer der größten Hits von Alphaville, "Forever Young", wurde hundertfach gecovert, von Stars wie Jay-Z, The Killers oder Karel Gott.

Gold: Viele dieser Cover, auch von anderen unserer Lieder, sind künstlerisch sehr gehaltvoll. Grundsätzlich ist ein Cover ein tolles Kompliment, es ist kein Wettbewerb, eine bessere Version zu machen als der Urheber. Es ist ein Liebesbrief an den Künstler und an das Lied.

 

"Forever Young" ist eine echte Hymne. Man könnte sich ja fast vorstellen, Sie hatten die Idee für das Lied auf einer Autofahrt in den Sonnenuntergang. Damit liege ich wohl falsch.

Gold: Ja, den Song haben wir in Münster geschrieben. Zuerst war die Musik, dazu hatte ich dann nur die Worte forever young im Kopf. Heute klingt diese Zeile banal, damals fand ich sie außergewöhnlich. Ich glaube, ich habe sie aus einem Bob-Dylan- oder einem Rod-Stewart-Song entliehen. Darum habe ich dann einen Text geschrieben. Ich habe mich gefragt, wie man für diese beiden Worte Synonyme finden kann, habe auch Filmzitate eingebaut. "We"re only watching the skies", das ist aus dem Science-Fiction-Film "Das Ding aus einer anderen Welt" aus den 50ern.

 

Was floss noch ein?

Gold: Natürlich hat das Lied auch einen politischen Bezug, geht auf die Zweigeteiltheit Deutschlands ein, die Trennung von Kommunismus und Kapitalismus. Generell kann man sagen: Es gibt Dinge, die hält man für unvergänglich, aber auch die sind vergänglich. Die Jugend zum Beispiel. Der Wunsch nach Unvergänglichkeit ist eine Illusion, die mächtig in uns wirkt, obwohl wir wissen, dass es ein Wunschtraum ist. Das kann einem auch Kraft geben. "Forever Young" ist ein Lied, das auf vielen verschiedenen Bühnen stattfindet. Die Leute spielen es auf Begräbnissen, auf Geburtstagen oder Hochzeiten.

 


Zur Person: Marian Gold wurde am 26. Mai 1954 in Herford als Hartwig Schierbaum geboren. 1980 zog er nach Münster und startete erste musikalische Versuche im siebenköpfigen Künstlerkollektiv Nelson Community. 1982 gründete er zusammen mit Bernhard Lloyd und Frank Mertens das Pop-Trio Forever Young, aus dem 1983 die Band Alphaville entstand. Der Durchbruch kam 1984 mit der ersten Single "Big in Japan", die zuerst in Deutschland, dann europaweit ein Top-10-Hit wurde. Marian Gold ist das einzig verbliebene Gründungsmitglied von Alphaville, hat sieben Kinder und lebt in Berlin.

 


Tickets für das Blacksheep: An drei Tagen stehen beim Blacksheep-Festival im Bad Rappenauer Teilort Bonfeld von Donnerstag bis Samstag 17 Bands auf der Bühne. Mit dabei sind unter anderem Konstantin Wecker, Mighty Oaks, Uriah Heep, Stefanie Heinzmann, Alphaville und Bukahara. Für alle Festival-Tage gibt es noch Tickets in den Geschäftsstellen unserer Zeitung, unter www.blacksheep-kultur.de und an der Tageskasse. Karten kosten für den Donnerstag 47, für den Freitag 62 und für den Samstag 70 Euro. Ein Kombiticket für Freitag und Samstag kostet 125, für alle drei Tage 170 Euro. Darüber hinaus gibt es für alle drei Tage VIP-Tickets.

 

Kommentar hinzufügen
Kommentar hinzufügen
Kommentare werden geladen
  Nach oben