Heilbronn
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"Der Mensch an und für sich is guad": Gerhard Polt zu Gast im Heilbronner Theater

Gerhard Polt und Heilbronn: Das ist eine besondere Beziehung. Den ersten Auftritt kurz nach ihrem 80. Geburtstag absolvierte die bayerische Kabarett-Legende am Mittwoch im Großen Haus des Stadtheaters. Am Donnerstag trug sich Polt ins Goldene Buch der Stadt ein.

Christoph Feil
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Lesezeit 2 Min
"Der Mensch an und für sich is guad": Gerhard Polt zu Gast im Heilbronner Theater
"Der Mensch an und für sich ist guad, aber die Leid sind a Gsindel": Gerhard Polt (rechts) schlüpft am Mittwochabend im Großen Haus des Heilbronner Theaters gleich in verschiedene Rollen. Michael Well macht dazu Musik. Foto: Frank Rümelin  Foto: Alternativer Fotograf

Er weiß es genau: 83 Würschtl sind es gewesen. Und noch ein paar Fleischbatzn. Denn mit dem Fernglas und der Drohne hat er die gutbesuchte Grillorgie der Nachbarn während des Lockdowns dokumentiert. Und sie der Trutschn vom Gesundheitsministerium gemeldet. Doch was ist passiert? Nichts. Keine Respons. "Ich denunziere keinen mehr, ich hab" die Schnauze voll", redet sich Gerhard Polt als sturer, streitlustiger Bock in Rage.

Wer solche Mitmenschen hat, braucht keine Feinde. Oder wie die bayerische Kabarett-Legende ihre Philosophie gleich zu Beginn ihres Programms "Im Abgang nachtragend" auf den Punkt bringt: "Der Mensch an und für sich ist guad, aber die Leid sind a Gsindel." Der Auftritt des 80-Jährigen am Mittwoch im proppenvollen Großen Haus des Theaters Heilbronn ist der erste nach seinem runden Geburtstag am vergangenen Samstag.

Der Kabarettist als Meister der zelebrierten Mundart

Mit bräsiger Gemütlichkeit schlurft er auf die Bühne, hakt sich mit Floskeln wie "jetzt pass auf" und "net weitersagen" bei seinem Publikum unter. Die cholerischen Exzesse des kleingeistigen Kleinbürgers, die Rolle, die der Menschenobservator in seiner mehr als 40 Jahre andauernden Bühnenkarriere perfektioniert hat, kommen anschließend nicht einzeln, sondern stakkatoartig. Dazwischen immer wieder: ein spitzes Kichern, ein verschmitztes Herumdrucksen, ein Bohren mit der Zunge im Mundwinkel. Ein Meister der zelebrierten Mundart ist Gerhard Polt. Mit all ihren Verhunzungen, wenn aus einem Kretin, also Dummkopf, beispielsweise ein Kreta oder aus einem Grand Cru ein Kra Krü wird. Und zugleich mit all ihrer lautmalerischen Finesse, die aus einem Haferbrei einen schlabberten Schleim macht.

Ein Drittel der Well-Brüder macht dazu Musik. Coronabedingt ist Michael Well nämlich alleine angereist. "Meine zwei Brüder hat"s dawischt: positiv". Die Nummern wuppt der Multiinstrumentalist auch ohne Karli und Stofferl. Mit dem Alphorn stimmt er ein "Aero sole mio" an, rubbelt anzüglich einen Kochlöffel auf einem Rumtopf oder verspottet mit einem traditionellen Gstanzl die KI-Stadt Heilbronn und den affärengeplagten Innenminister Thomas Strobl. Das ist mitunter albern oder auch abgrundtief böse, zum Beispiel als aus einer alpenländischen Edelweiß-Idylle in der nächsten Strophe eine blutgetränkte Unfalllandschaft wird. Währenddessen sitzt Gerhard Polt daneben - die Arme verschränkt, die Füße von sich gestreckt - und verzieht keine Miene. Andersherum kann Michael Well oft kaum an sich halten, wenn das Bühnenphänomen Polt in verschiedene Rollen schlüpft.

Auf der Bühne schlüpft Polt in verschiedene Rollen

Als indischer Aushilfspfarrer in gebrochenem Englisch jammert Gerhard Polt über fehlende Gläubige ("I am shepherd but in Bavaria no sheep"). Als Tiroler Chirurg beklagt er die Patienten-Piraterie der ADAC-Geier, die ihm in der Wintersaison die verunglückten Ski-Fahrer wegschnappen. Und als blasiertes Nordlicht, das sich am Tegernsee eingenistet hat, geht er dort den Einheimischen mit seinen Sonderwünschen gehörig auf den Zeiger. Zieht sich ein Zugezogener in Bayern eine Trachtenjoppe über, um sich der fremden Mentalität anzupassen, gilt das eigentlich schon als kulturelle Aneignung?

Das Spiel mit Klischees, wonach die Franzosen natürlich "Frösche fressen", gehört seit jeher in den Humorbaukasten des Satirikers. Mit seinen Figuren legt er den Rassismus und Sexismus nicht nur seiner Landsleute gnadenlos offen. Oft bleibt einem als Zuschauer das Lachen im Hals stecken. "Wenn ein Nichtschwimmer ertrinkt, ist das nicht tragisch, sondern konsequent", belehrt ein Mann, der wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt ist, den Richter. "Tragisch ist es, wenn ein Schwimmer ertrinkt" - und diese Pointe eben so konsequent komisch, dass die Leute im Saal toben.


Eintrag ins Goldene Buch der Stadt

Gerhard Polt und Heilbronn: Das ist eine ganz besondere Beziehung. Seit 1986 ist der Kabarettist regelmäßig beim Gaffenberg-Festival aufgetreten. Als bekennender Fan würdigte Oberbürgermeister Harry Mergel den vielfach ausgezeichneten Künstler einst zu dessen 60. Geburtstag als "bedeutendste(n) Dramatiker unserer Zeit". Gestern hat sich Gerhard Polt im Beisein des OB nun in das Goldene Buch der Stadt eingetragen: "Mit Dank für die exorbitante Hospitalität. Es hilft doch sehr zuversichtlich zu bleiben. Heilbronn ist in meinem Herzen".

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